Manafonistas

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Archives: Freitag, 28. September 2018

2018 28 Sep.

Flying over Iceland

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over Reykjavik, the “smokey bay”

where W.H. Auden went

to discover the background

of all our songs,

where I myself was received

by the Mayor and the President

(600 miles an hour

30,000 feet

599 miles an hour

my old street number on Belmont Ave)

where I, a second-rater

by any estimation,

was honoured by the noblest

and handsomest people of the West

served with lobster

and strong drink,

and I never cared about eyes

but the eyes of the waitress

were so alarmingly mauve

that I fell into a trance

and ate the forbidden shellfish

 

 
 

 
 

2018 28 Sep.

The Merzbarn fake

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Seit ich die email von Russell Mills gelesen habe, fühle ich mich wie in die Fälscherwerkstatt von Beltracchi versetzt. Kein Trost ist, dass ein Kunstkenner wie Werner Spies eingestehen musste, dass er einen gefälschten Max Ernst für einen echten gehalten hatte.

Für mich war der Merzbau von Kurt Schwitters in der Nähe von Ambleside der einzig „Übriggebliebene“, den ich unbedingt sehen wollte. Was habe ich da eigentlich gesehen?

 
 

Hi Lajla, 

glad to hear that you had a good visit to Ambleside and to the Armitt Museum, and that you discovered much more about Schwitters. If and when you next visit the Lake District I’d strongly advise you to avoid the Cylinders estate at Elterwater and the two charlatans (Ian Hunter and Celia Larne who work under the name the Littoral Arts Trust) that run the site. The so-called Merzbarn contains no work by or evidence of Schwitters‘ time here, despite Littoral’s claims to the contrary. The building itself, no more than a 1940s lean-to shed, has been altered so much since 2006 that there is nothing of its original structure left. Littoral have received in excess of £1 million in grants-much of it public taxpayers money – and the barn is still a near-derelict, damp shed. They cannot explain where all this money has gone. They have persistently distorted Schwitters´ legacy in the Lake District with outright lies about his time here, designed to get publicity, sympathy and ultimately more bailouts. Because of Littoral’s appalling behaviour and mismanagement of the site, the Arts Council, the Tate, the MoMa NY, the Hatton Gallery in New Castle, the Armitt, and Abbot Hall Gallery in Kendal all refuse to have anything to do with them. If you wish to learn more read various texts and letters on my website …

All best wishes 

Russ

 
 

Es war früher Abend, als ich rausfuhr, um mir den Merzbau anzusehen. Der Busfahrer ließ mich vor dem grossen eisernen Tor aussteigen und meinte: „I pick you up in 30 minutes.“ Ich öffnete die schwere Eisentür und ging ein Stück am Wald entlang. Ich sah auf dem Weg Skulpuren, Collagen, die ich Kunststudenten zuordnete. In dem Stall/barn fasste ich die Figuren von Schwitters an und wunderte mich, dass sie nicht aus Stein waren, sondern ich fühlte einen harten Stoff. Plane? Ich wusste, dass Schwitters damals schon sehr krank war und nur noch stundenweise dort arbeiten konnte. Auf dem Rückweg zum grossen Eisentor sprachen mich – out of the blue – zwei elegante ältere Damen an, ob ich denn die Ausstellung gesehen hätte. Ich verneinte und machte klar, dass ich nur wegen Kurt Schwitters hier wäre. Ich war schon am Tor, als die Eine zu schimpfen anfing, wie ich überhaupt hierher gekommen sei. „By bus!“

 
 
 

Kurt Schwitters - "Portrait of Dr. George A. Johnston"

 
 
 

Dieses Gemälde hängt in dem kleinen Museum in Ambleside. Schwitters hatte seinen Arzt gemalt. Der ist echt.

 

2018 28 Sep.

Sylvia

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Vor etlichen Tagen bekam ich eine Nachricht hier, bei den Kommentaren: „Vielleicht bist du mein alter Freund Michael Engelbrecht aus Dortmund (Notweg)? Ich lebe nicht in Europa. How could we get in touch? Sylvia.“ Ihre knappen Zeilen fanden sich im Echoraum eines Textes über frühe Kinoerlebnisse, insbesondere ging es um mein erstes und bislang einziges Anschauen des Films „Fata Morgana“ von Werner Herzog – ich antwortete zügig, fügte noch die eine und andere Anmerkung dazu, löschte sie wieder, weil sie zu direkt waren, zu anspielungsreich. Meine Emailadresse hat sie nun, eine Antwort kam nicht. Das alles liess meine Erinnerungen, die stets auch ein Stückweit Fantasien sind, auf Hochtouren laufen, zumal ich mir gar nicht klar war, um welche Sylvia es sich handelt. Es war sicher kein erfundener Name, dazu war die Ortsangabe zu konkret („Notweg“), alles deutete auf die Teenagerjahre, denn später war diese Strasse nicht mehr mit meiner Geschichte verbunden. Wer ist sie? Eine weitere Fata Morgana?

Als erstes kam mir eine Sylvia aus dem alten Kirchhörder Geldadel in den Sinn. Sie hatte einen Bruder, der obsessiv „Lola“ von den Kinks als Single kreisen liess, und wohnte in einem grossen alten Haus im Dortmunder Süden. Wie wir uns kennenlernten, weiss ich nicht mehr genau, wahrscheinlich tauchte sie öfter im Jugendzentrum der Patroklus-Gemeinde auf, in dem wir bei schummrigem Licht Platten auflegten, Bier, Wein und Sprudel tranken. Seltsamerweise weiss ich noch genau, wie ich an einem Abend Don Sugarcane Harris‘ Album „Fiddler On The Rock“ auflegte, mit einer entfesselten Version des Geigers von „Eleanor Rigby“. Ein- oder zweimal war ich auch in dem Haus von Sylvia. In meiner Erinnerung ist sie ein warmherziger, offener, intelligenter Mensch, nicht die Spur arrogant, aber wir kamen uns nie sehr nahe. Weder trafen wir uns abseits der jeweiligen Cliquen, noch hatten wir irgendwas miteinander.

 

 

Dann gab es eine zweite Sylvia, vor Gericht beschwören würde ich nicht, dass sie Sylvia hiess und heisst, aber ich glaube schon. Eine sehr flüchtige Zeit. Ich war entweder halb verbandelt mit einer Ulrike U., oder notorisch liebesunglücklich, jedenfalls hatte ich keine besonderen Empfangsantennen für Sylvia 2, die mir sehr zugetan war. Sie hatte blondes Haar, klare, blaue Augen (wie kann ich mich an das Blau erinnern, wo ich doch nie in ihrem Blick versunken bin?), und sie klingelte einmal an der Tür am Notweg 11. (Sylvia 1 war meines Wissens nie bei mir daheim.) Hatte ich da keine Zeit, oder sind wir einen Kaffee trinken gefahren, ich weiss es nicht mehr. Der Vater von Sylvia 2 war, glaube ich, Rechtsanwalt, und sein Chauffeur fuhr sie an jenem Tag bei mir vorbei, sie kam spontan, es war ein feiner Annäherungsversuch, für den sie viel Mut gesammelt haben muss. Habe ich ihr an der Tür gesagt, dass ich leider keine Zeit habe? Ein anderes Mal besuchte sie mich (ich kreise das Datum ein) im April oder Mai 1974 in Münster, schellte dort, an einem sehr sonnigen Tag, wo ich eine Studentenbude hatte, und Damenbesuch am Abend untersagt war. Was wir genau unternommen haben, weiss ich nicht, aber wir haben nie miteinander geschlafen, und auch gross geküsst haben wir uns wohl eher nicht. Vielleicht einmal. Umso wehmütiger im Rückblick, denn sie war unglaublich herzenswarm, und sie sah klasse aus. As days roll by.

Wer war nun die Sylvia, die sich bei mir vor kurzem meldete, und mir, womöglich aus den USA, eine Nachricht zukommen liess? Je mehr ich darüber nachsinne, desto unsicherer werde ich. Die Bezeichnung „mein alter Freund“ ist eine sehr freundliche Umschreibung, aber wird keiner meiner Beziehungen zu Sylvia 1 und 2 annähernd gerecht. Beide Begegnungen waren ohne Dauer und vorübergehend in jeder erdenklichen Weise. Und ein zusätzlicher Beleg dafür ist, dass nun scheinbar nichts mehr nachkommt, ihre Identität wohl ein kleines unaufgelöstes Rätsel bleiben wird. Man kennt das: googelnderweise begibt man sich auf die Suche nach alten Namen, nimmt eine Spur auf, und weil doch alles letztlich so unverbindlich ist und war, lässt man die Spur auch wieder erkalten, freundlich, nichtssagend und nichts sagend. Nennen wir es kalifornische Freundlichkeit. Ich tippe auf den alten Kirchhörder Geldadel, und der Detektiv in mir muss dies wohl nun unter den ungelösten Fällen abhaken. Es kann sogar sein, dass es eine dritte Sylvia gibt, ein kurzes Bündnis einander grundfremder Wesen, einen Abend und drei Langspielplatten lang. Ich habe keine Ahnung.

 

NACHTRAG PARIS, JUNI 2019: heute fiel mir die einzig mögliche Sylvia ein, und jetzt verstehe ich auch, dass sie sich nie meldete, aber natürlich: Sylvia Westermann. 

 


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