Manafonistas

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Archiv: Oktober 2018

2018 31 Okt

Michaels Bestenliste 2018

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  1. Steve Tibbetts: Life of
  2. The Necks: Body
  3. Brian Eno: Music for Installations
  4. Marianne Faithfull: Negative Capability
  5. Nils Frahm: All Melody
  6. Jon Hassell: Listening to Pictures
  7. Josephine Foster: Faithful Fairy Harmony
  8. The National Jazz Trio of Scotland: Standards Vol. IV
  9. Arve Henriksen: The Height of the Reeds
  10. Jeff Tweedy: Warm
  11. Jakob Bro: Returnings
  12. Darren Hayman: Thankful Villages, Vol. 3
  13. Jana Winderen: Spring Bloom in the Marginal Ice Zone
  14. Yo La Tengo: There‘s A Riot Going On
  15. Low: Double Negative
  16. Julia Holter: Aviary
  17. Jon Hopkins: Singularity
  18. Sons of Kemet: Your Queen Is Reptile
  19. Elina Duni: Partir
  20. Aby Vulliamy: Spin Cycle*

 

 

* a postcard from Robert Wyatt

 

 

Damit es dieses Mal kein Gedränge gibt, wenn wir das Jahr musikalisch Revue passieren lassen, und unsere ganz persönlichen Bestenlisten veröffentlichen, kann nun jeder „Mana“ den 6. Dezember wieder dem Nikolaus und seinen Stiefeln überlassen, und, nach Lust und Laune seine / ihre  Top 10, Favourite 20, oder Beloved 50 ins Feld führen, zwischen dem grauen Tag heute, dem Feiertag morgen, und Sylvester.

 

Wer das ist, fragen sich manche. Nun, als Chefredakteur der Fussballzeitschrift 11 FREUNDE hat er wesentlich dazu beigetragen, ein hervorragendes Magazin aufzustellen, das alles vereint, was die Fussballfans unter den Manafonisten (knapp die Hälfte, wenn ich richtig zähle) sich dabei wohl vorstellen dürften. Ähnlich wie BRAND EINS ein unfassbar gutes Wirtschaftsmagazin ist (und eben nicht an Leute gerichtet, die täglich das Handelsblatt lesen). Eine Zeitschrift wie SPEX hat jahrelang am eigenen Untergang mitgewirkt, durch lächerliche „Modestrecken“, und die verzweifelte Suche nach dem neuen Cool. Aber zurück zum Helden dieses kleinen Textes. In der aktuellen November-Ausgabe des Hefts redet er Klartext, nach den Vorfällen in Hoffenheim, und der fraglos beknackten Aktion aus dem Dortmunder Fanblock. Da bekommen etliche Darbietungen stolpernder Doppelmoral (von Herrn Hopp, vom gern überschätzten Dieter Nuhr, von Matthäus sowieso, was nicht schwer ist) ihr Fett ab, aus der Hüfte, kenntnisreich, und voll auf die 12. Grund genug, das alles zusammen, 11 FREUNDE in unseren Blogroll aufzunehmen, und die Frage zu beantworten: wer ist das überhaupt?

 
 

Philipp Köster, geboren 1972. Aufgewachsen in Bielefeld, zunächst Fan des VfB Stuttgart. Große Freude nach dem Meistertitel unter Helmut Benthaus. Anschließend jedoch Sympathieverlagerung auf den Heimatverein Arminia. Strafanzeige der Verbandsgemeinde Wittlich nach gemeinschaftlichem Einreißen eines Zaunes beim Gastspiel der Arminia beim FSV Salmrohr. Später Mitbegründer des Arminia-Fanzines »Um halb vier war die Welt noch in Ordnung«. 1000 Exemplare Auflage, gute Verkaufszahlen, strenge finanzielle Disziplin. Noch später dann »11FREUNDE«. Auch schön.

 

Eigentlich wollte ich nur einen weiteren Kommentar zu Michas La-Fenice-Review beisteuern. Das Vorhaben ist aber aus dem Ruder gelaufen. Deshalb erscheint es als eigenständiges Posting. Ich stimme vollkommen überein mit den Kommentaren von Micha und Jan. So gibt es im Grunde eigentlich nichts, worüber zu schreiben sich lohnt.
 
 

 

Als Facing You erschien, habe ich mich gewundert, dass in HiFi-Stereophonie dem Album nicht die höchste Bewertung zuteil wurde – 9 von 10 Punkten wurden gegeben, nach meiner Erinnerung. Ich fand das unverständlich. Für mich war die Platte sensationell. Die Kritik näherte sich damals behutsam diesem neuen jungen Wilden. Ja, es gab schon längst „Wagnerianer“ in den frühen 70er Jahren, aber noch keine „Jarrettianer“. Die gibt es aber jetzt, sie nähern sich gar nicht behutsam Jarretts Opera, sie schaffen es kaum, unter die Höchstbewertung zu greifen, es sei denn der Unantastbare gibt den Ton an. Reinhard Köchl ist zweifellos einer der mustergültigsten. Gehorsam verdammt er das „Köln Concert“. Das „Köln Concert“ hoch zu schätzen, kann folgenreich sein. Wolfgang Sandner hat das erfahren.
 

Einem Biographen, sagt Wolfgang Sandner, könne eigentlich nichts Besseres widerfahren, als sich vor Abschluss des Manuskriptes mit dem zu Porträtierenden zu überwerfen – der Autor sei dann befreit von Rücksichtnahme.
Der frühere FAZ-Redakteur spricht über sich selbst. Und es war ein tiefer Fall, denn Sandner ist weiter als die meisten Journalisten zum Objekt seines Interesses vorgestoßen: vom Händedruck beim Kennenlernen Anfang der 70er (eine Seltenheit in Jarrett´s Verhalten, wie er […] erzählt) bis zu einer Einladung samt Übernachtung in Jarrett´s Haus in Oxford/New Jersey im Oktober 1987 […]
Sandner triumphiert nicht über diese Audienz, er spricht in verhaltenem Reportage-Ton, auch den Bruch mit Jarrett auf der dritten Textseite, den er dem Buch damit quasi voranstellt, schildert er mit Noblesse und einem gewissen Verständnis.
Keith Jarrett war informiert über die Biographie und habe Interesse & Wohlwollen gezeigt, „bis es bei einer öffentlichen Feier nach einem seiner Solokonzerte zu einem kuriosen Disput zwischen uns über das Köln Concert kam. Dass ich dieses Konzert als einen seiner großen Erfolge bezeichnete, löste sein ausgesprochenes Missfallen aus und brachte unseren Dialog zum Erliegen.“

Michael Rüsenberg in JAZZCITY

 

Ich mag das „Köln Concert“ und finde nicht, dass es ein derart missratenes Kind ist, dass man es verstoßen müsste. Mr. Jarrett hat sicher gute Gründe dafür. Kennt sie jemand? Ich würde sie gerne erfahren.
 
 
Reinhard Köchl – ein Jarrettianer
 

Wie der Jazzpianist Keith Jarrett gerade drauf ist, das weiß seit Jahrzehnten eigentlich jeder, der sich für ihn interessiert. Seine Musik, die Titel und Beigeschichten seiner Liveaufnahmen übermitteln zuverlässig den gerade aktuellen emotionalen Pegelstand. Wie ein Regenradar zeigen sie zurückliegende oder anstehende Hoch- und Tiefdruckgebiete an, warnen vor Hurrikans und geben manchmal sogar Erklärungen für vergangene Katastrophen. Natürlich ist das auch der Fall bei der neuesten Veröffentlichung La Fenice, aufgenommen im gleichnamigen Theater in Venedig am 19. Juli 2006, einem der heiligen Konzertsäle der klassischen Musik.

Reinhard Köchl – ZEIT Online

 

Das ist eine gewagte These, die kaum zu beweisen ist. Umgekehrt wird eher was draus. „Musik ist dazu da, bestimmte Emotionen zu wecken und deren Reflexion“ – Worte von Josef Bulva (in FONO FORUM April 2017). Wir alle sind Opfer der Babylonischen Sprachverwirrung, welche sich nicht nur in der Existenz Hunderter verschiedener Sprachen und Dialekte manifestiert. Die Verwirrung fängt schon bei einem Wort, bei einem Begriff an. Nehmen wir „Emotion“.

Musik – nicht jede – kann uns bewegen (lat. = movere). Mehr sagt das Wort auf der elementarsten Bedeutungsebene nicht: Bewegung, im übertragenen Sinn auch Gemütsbewegung. Wie sich eine emotio konkret äußert, ist mit diesem bedeutungsoffenen Worte freilich nicht gesagt.

Nach meiner persönlichen Erfahrung und Anschauung können es psychosomatische Bewegungen sein, Fußwippen, Herumhopsen, Lust auf Tanzen. Vor allem als Kind und Jugendlichem ist mir (damals vorwiegend bei Mozart) die Gänsehaut den Rücken rauf und runter gelaufen. Mir ist auch schon passiert, dass ich zu Heulen anfing, nicht weil ich traurig war! ich war nur bewegt, ich war high von der Musik. Es kann sich ein unmittelbar sinnliches Lustgefühl einstellen, wie beim Essen einer Brotsuppe.

Nach meiner persönlichen Erfahrung und Anschauung können es rationale, kognitive Bewegungen sein, Auslöser etwa Tom Johnsons Musik und Fragen oder Failing, A Very Difficult Piece for Solo String Bass.
 
 

 

Nach Köchl soll die Musik Auskunft geben über den emotionalen Zustand des Künstlers. Radiance (2002), The Carnegie Hall Concert (2005), La Fenice (2006) , Paris/London (2008), Rio (2011), München (2016). All diese Konzerte zeigen Jarretts von der Anlage der Solokonzerte bis 1996 abweichendes Konzept – „nicht mehr endlos ins Offene treibend, vielmehr fokussierter“ wie Michael es perfekt, weil fokussiert, beschreibt. Wenn ich sie höre (München 2016 hörte ich im Gasteig) und von Titeln und Beigeschichten nichts weiß, ja, selbst wenn mir diese Titel und Beigeschichten im Kopf herumspukten, höre ich dem Paris/London nicht an, in welch verletztem emotionalem Zustand Jarrett damals gewesen ist.
 

Then my wife left me (this was the third time in four years). […] These were the first solo events since my wife had left. I was in an incredibly vulnerable emotional state.

Nach Köchl sollen die Titel Auskunft geben über den emotionalen Zustand des Künstlers. Nun, die Titel der Solokonzerte Jarretts sind überwiegend neutral, neutraler geht es nicht. Es sind Ortsangaben. Gut, die 10-LP-Box des Jahres 1976 hieß Sun Bear Concerts. Der Titel blieb mir immer ein kleines Rätsel – „Sonnen Bär Konzerte“. Ich habe keine Vorstellung davon, was ein Sonnenbär ist. Kann mir jemand helfen? Packt man die LPs aus, hält man dennoch japanische Städte in Händen. Die Box hätte genausogut „The Japanese Concerts“ heißen können.

Mit Radiance änderte sich diese nüchterne Namensgebung. Glanz, Leuchten – meinetwegen, etwas Chuzpe, warum nicht. Paris/London hat aber einen schwerwiegenden Beititel: Testament. Ich weiß noch, wie der mich in Verwirrung stürzte, als ich ihn las. Welt ade, ich bin dein müde? Zieht Jarrett sich vom Podium zurück? Wird er nie mehr einen Ton spielen? Ist er todkrank? Ich habe erst vor wenigen Tagen das Booklet von Testament gelesen.

Nach Köchl sollen die Beigeschichten Auskunft geben über den emotionalen Zustand des Künstlers. Da möchte ich doch eine Beigeschichte aus alten Zeiten vorstellen, eine Beigeschichte aus dem Jahr 1802.
 

O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen,, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels das (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen.
[…]
aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück.

 

Das schrieb Beethoven im Oktober 1802. Es ist aus einem Brief an seine Brüder, den er nie abschickte, der, noch versiegelt, 1827 in seinem Nachlass gefunden wurde. Im Sommer des Jahres 1802 beendete er die Komposition der 2. Sinfonie. Es ist ein Stück von ausgelassener Heiterkeit, entstanden während einer Lebensphase voller Verzweiflung. Dieser Brief, das sog. Heiligenstädter Testament, ist eines der berühmtesten Dokumente der westlichen Musikgeschichte.

Erstmals gestern ist mir assoziativ eine Parallele aufgefallen, die als These formuliert die „küchenpsychologische“ These Köchls an Gewagtheit in den Schatten stellen würde. Bevor ich sie darlege, weise ich ausdrücklich darauf hin, dass es eine Schnapsidee ist. Das Linking Link heißt „Testament“:
 


I decided that if I backed down now, I would back down forever
(K. Jarrett)
 
frei übersetzt:
 
Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück
(L.v. Beethoven)

 
 

Mit der Annahme, ein Künstler würde in seiner Kunst sein Innerstes (immer) nach Außen kehren, ist Herr Köchl einer Anschauung verfallen, die historisch bedingt ist, die im 19. Jahrhundert wurzelt und auch nicht auf jeden Musiker des 19. Jahrhunderts zutrifft. Wenn ich könnte, würde ich Herrn Köchl fragen, ob er meint, dass der Küchenmeister des Grafen Esterhazy seinen Schmerz über den Tod seiner Gattin in den Speisen, die er zubereiten musste zum Ausdruck brachte.

Wir sollten uns klar machen, dass beispielsweise Johann Sebastian Bach – wenn er Hofkapellmeister war – zu den Bediensteten seines Fürsten zählte, wie der Stallmeister, der Küchenmeister und andere Meister. Da ging es nicht darum, sich selbst in der Musik, im Striegeln der Pferde und dem Kochen der Gerichte auszudrücken. Während der zweiten Reise nach Karlsbad, die J.S. Bach mit seinem Fürsten Leopold auf sich nehmen musste, ist er zum Witwer geworden.
 

Nachdem er mit […] seiner ersten Ehegattin 13 Jahre eine vergnügte Ehe geführet hatte, wiederfuhr ihm in Cöthen, im Jahre 1720 der empfindliche Schmerz, diesselbe, bey seiner Rückkunft von einer Reise, mit seinem Fürsten nach dem Carlsbade, todt und begraben zu finden; ohngeachtet er sie bey der Abreise gesund und frisch verlassen hatte. Die erste Nachricht, daß sie krank gewesen und gestorben wäre, erhielt er beym Eintritte in sein Hauß.

 

Seinen Kompositionen aus jener Zeit hört man nicht an, welcher Schicksalsschlag ihn getroffen hatte. Hiermit endet der Abschnitt über die Beigeschichten.

In Bachs Köthener Jahren sind die Suiten für Violoncello entstanden, die Kim Kashkashian so wunderbar auf der Viola interpretiert.

 

 
 
 

This picture is a blow-up. There´s a kind of a surreal or magic-realistic setting at the end of this film, accompanied by the music of Pink Floyd. And then the young woman gets into her car and drives towards the sunset. The film was released in 1970. It´s a love film, too, but I think they don´t really fit together. Just listen to this dialogue.

 

He: I always knew it´d be like this.

She: Us?

He: The desert.

 

In this game you can win – accordingly to the movie´s message – nothing material, but the hint for a really good film, if you don´t know it already.

 

 

 

Auch wenn Professer Honkurth mir eine private Vorlesung gäbe, um mich in die Grenzen des Unerhörten einzuweihen, würde ich, vor die Wahl gestellt, freundlich absagen, und die Freikarte und den besten Platz in der Carnegie Hall ausschlagen, und, anstatt das weltberühmteste Streichquartett der Welt bei der Aufführung von Beethovens letzten Quartetten zu erleben, viel lieber meinen Freund Edward Stoop in Brooklyn besuchen, dessen Dashiell Hammett-Biografie in den letzten Zügen liegt. Darin zitiert er einmal aus meiner Story „Als ich das erste Mal den Dünnen Mann sah“, und koppelt in seinen Ausführungen geschickt die Fernsehgeschichten der Baby Boomer-Generation mit „Screwball Comedy“ und „Film Noir“.

Auch würde ich an einem solchen Tag, wenn Edward gerade einen historischen Tatort besichtigt, jeden Umweg um die renommierte Konzerthalle antreten, und allemal den Auftritt von Edward Larry Gordon alias Laraaji mit seinem Trio in Pittsburgh vorziehen (die Schallplatte gibt es in blau marmoriertem Vinyl) – anschliessend eine urige amerikanische Bar aufsuchen, und mit Jan über Gott und die Welt plaudern! Ja, das wäre ein abendfüllendes Programm, das Klassik-Gen habe ich nicht – umso aufgeregter bin ich, wenn mir aus dieser versunkenen Welt alle Jahre wieder dann doch Töne nahegehen, „in their own peculiar ways“. 

Meine erste ernstzunehmende Begegnung mit Johann hatte ich als Teenager mit dreizehn Jahren ungefähr, als ich eine Schallplattenkiste aus heimischem Bestand öffnete, und aus einer hübsch knisternden Hülle der Deutschen Grammofon-Gesellschaft Die Brandenburgischen Konzerte rausholte, und mir der splitternd klare Sound von Spinett oder Cembalo, das ganze Gewebe ringsum, durchaus gefielen. Doch in der Nacht zuvor hatte ich auf der „Europawelle Saar“ zum ersten Mal „Mr. Pleasant“ von den Kinks gehört, und vor die Wahl gestellt, genau, Sie ahnen es! Jahre später bescherte mit eine Nacht mit gehörigem Alptraum die nächste Begegnung mit dem alten Johannes, dessen Outfit mit Perücke ich stets als karnevalesk empfand, trotz seines schlichten Gesichtsausdrucks.

Des Liebeskummers glorioses Finale ereignete sich während eines zuckrigen Postkartensonnenaufganges auf einem rauhreifbedeckten Feld hinter Würzburg, mit offener Autotür, einem hergottsfrüh geschlürften Grog, als Sedativ nach dem Horror, und einer schräpig tönenden Kantate von Sebastian, incl. aller Verzerrungen, die die gute alte Mittelwelle bereithalten konnte. Ich war frei, für die schönen Töchter anderer Mütter, bald sollte ich Julia Braun vögeln, oder, um sexuell korrekter zu sein, sie vögelte mich, und der Postbote brachte hernach persönlich Brian Enos Music For Films in den siebten Stock, diese asketisch überfliessende Musik!

 

 

 

 

Ob dann nun in späteren Jahren Keith Jarrett mal Bach spielte oder Gregor und Rosato, im Gespräch der Connoisseure, ihre Kirchenorgelstories zum Besten gaben, ich nahm es zur Kenntnis, es gibt auch nette Aliens. Ganz anders wird mir, wenn, anders als diese herzensguten Zeitgenossen, gewisse Affen der Hochkultur von Ast zu Ast schwingen, und ihre akademischen Trockenergüsse wie tote Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken. Und dann also doch ein drittes Kapitel der Begegnungen mit dem Altvorderen, als ich, dank meines Kumpels Jayson Greene, sehr neugierig wurde auf Kim Kashkashians neueste Bach-Aufnahme.

Wie bemerkte doch Jayson: „The mood of her interpretation is searching, earthbound, human – she doesn’t treat solo Bach like divine math out of reach of mortal understanding. Her tone is sumptuous, moaning, throaty, with a catch of ache snagged in the instrument’s midrange. Her phrasing in the Préludes always seems to be worrying away at a nagging question – you can feel urgency in the way she presses up against her own tempo slightly in the Prelude to the D Minor suite. Her Bach is furrowed-brow Bach, crisis-of-faith Bach, toiling Bach.“ Ich lauschte und lauschte und lauschte, und beschloss diesmal, bloss still zu sein, und zu schweigen, zum Cappuccino, zu all den Klängen im Kopf.

2018 28 Okt

Begegnung am Kanal

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Ein Sommertag und doch schon Herbst. Um die Mittagszeit herum reflektiert das Wasser am Mittellandkanal die Sonnenstrahlen und es wird noch einmal richtig warm. Hier jetzt einen Moment verweilen. I took the old track, the hollow shoulder across the waters. Am anderen Ufer überfüttern sie Möwen, Hunderte, so will es scheinen. Auch die Kinder kreischen, jauchzen. On the tall cliffs – sons and daughters, they were getting older. Warum kommt mir hier in dieser Gegend stets der alte Peter Gabriel Song in den Sinn? Anyhow … Ab und zu schippert ein dicker Kahn vorbei, die meisten tragen Frauennamen am Bug, doch dieser hier, der heisst „Extase“ und ich muss schmunzeln. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Freundlich rücke ich ein wenig auf der Bank nach rechts und kündige sicherheitshalber an, ich wolle eh gleich weiter. Doch schnell spüre ich: hier geht was. Sie habe schon weiter vorn dort auf der Bank Platz nehmen wollen, doch die Tussi mit dem Smartphone habe sie genervt: „Ohrstöpsel raus und Häh, da kann ich gar nicht drauf.“ Passt gut, sage ich und füge an, was ich des Morgens dachte: ich sei wohl der letzte Mohikaner ohne Handy. Niemals offline? An absolute no-go! Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf. Auf jedes Stichwort des einen fällt dem anderen sofort etwas ein – so kenne ich das selten. Still life talking. Sons and daughters, we are getting older. Sie ist gebildet, agil, braungebrannt mit Designerbrille und sehr hager, hat eine degenerative Erkrankung an den Händen, kann nicht mehr Fahrrad fahren, sei aber gut zu Fuss. Mein Rad sei mein Rollator, kontere ich beipflichtend. Sie mache auch Krafttraining, zeigt mir die Muckis ihrer Oberarme. „Beachtlich!“ Artists are allowed to praise each other. Das Gespräch läuft eine lange Weile so, mit der Geschwindigkeit eines grassierenden Steppenbrands, und irgendwann dann setzen wir beide behutsam zum Landeflug an. Vielleicht treffe man sich ja mal auf einer Kunstausstellung oder Party. “ … dann besaufen wir uns, aber richtig!“ Gut zwei Stunden sind schnell vergangen, die geplante Radtour kann ich jetzt knicken. Sei es drum – we took the long way home.

 

From dishwasher to millionaire – that’s the American Dream in a nutshell. How do people in the country experience it these days? This is the theme of a documentary film worth seeing that ran on 3sat on 22 October and can only be viewed today in the media library via this link, authentic in the original with German subtitles. The film team travelled on the train across the USA and has asked travellers for their statements. In this way we learn a lot about the mood in the country and about which concept of freedom is supported by the state and which concepts of life are confined.

I would like to take this opportunity to recommend the excellent book „America“ by Jean Baudrillard from 1987 once again.

 

2018 27 Okt

Spätlese Sommer 2018: J Peter, Rim & Sophie

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Manche Alben müssen ein kleines bisschen reifen bis sie fassbar geworden sind und Worte für sie entstehen können. Der Sommer ist vorüber, der Vorabend zur herbstlichen Zeitumstellung (wann wird dieser Schwachsinn denn endlich abgeschafft?) ist gekommen, mein Schwager hat seinen Rotwein nun bald fertig bereitet und einige Veröffentlichungen aus den vergangenen Monaten laufen an den länger werdenden Abenden immer noch auf meiner Anlage. Zeit diesen elektronischen Kleinodien ein paar Zeilen zu widmen.

Da ist erst einmal J. Peter Schwalm mit How We Fall. Nachdem bei ihm ein inoperabler Hirntumor gefunden wurde, musste er sich den anderen nicht gerade angenehmen Behandlungen, wie einer Bestrahlung unterziehen, was seine Produktivität zunächst völlig zum erliegen brachte, aber auch dazu führte, dass sich innerlich sehr viel anstaute, dass sich schließlich in einer langsamen Rückkehr ins Studio seinen Weg ins Klangliche bahnte. Dabei griff er auf Kompositionstechniken zurück, die er Jahre zuvor mit Brian Eno begonnen hatte zu entwickeln, insbesondere auf das Multitrack Composing, bei dem unterschiedliche Ideen auf Parallelspuren unter Stummschaltung der jeweils anderen eingespielt und nachher komplex elektronisch verfremdet werden. Herausgekommen ist eine ambiente Klangwelt, die sehr eigene, weite Räume aufzieht, die in leisen Reminiszenzen zu verfremdeten Orten seiner Kindheit Bezug nehmen. Aber in Erweiterung zu den früheren Arbeiten spürt man die Spannung, das Treibende, die Intensität im Hintergrund sehr viel klarer, die sich dann mit spröder Schönheit den Weg in den Vordergrund bahnen. Da tritt viel Akzidentielles in die Klangräume, mal ganz leise, mal ungehört und fremd, mal etwas dramatischer, um schließlich aber von einem erfahrenen Musiker und Produzenten ganz fein in eine Balance gesetzt und mit sehr dezenten und dennoch gewichtigen Beiträgen von Eivind Aarset und Tim Harries durchwoben zu werden. Ein subtiles und recht vielschichtiges Erlebnis!

Vor einigen Tagen wurde in den Kommentaren noch über Brian Eno’s Engagement für das BDS -Movement geschrieben, wo ich dieses Mal gar nicht erneut einsteigen möchte, sondern hier lieber das Album einer Palästinenserin vorstellen möchte. Um es vorweg zu nehmen: Rim Banna ist tot. Gestorben an dem Tag, an dem ihr letztes Album Voice of Resistance final abgemischt wurde. Neun Jahre kämpfte sie gegen eine Krebserkrankung, die sie schließlich 2015 ihre Stimme kostete und dieses Jahr nun auch das Leben. Singen konnte sie kaum noch, aber sprechen. Sie hatte immer noch etwas zu sagen und wollte nicht leise werden. Und ging in diesem letzten Werk noch einmal weiter als bei ihren früheren Aufnahmen. Mit Hilfe des tunesischen Elektroniktrios Checkpoint 303, das MRT-Bilder der Künstlerin in Musik, Knirschen und Knacken umsetzte und des norwegischen Pianisten Bunge Wesseltoft gelang es ihr ein eindrucksvolles und musikalisch durchgehend spannendes Statement zu hinterlassen, mal intensivst sprechend, mal in Sprechgesängen, mal in rauen, fast gebrochenen Gesangslinien und zuletzt durchs Telefon. Ein wunderbares Stück Weltmusik und Kulturerbe, das in ungebrochener Kraft und Schönheit strahlt und selbst angesichts des Todes nicht in Bitterkeit verfällt, sondern mit größter Selbstverständlichkeit die Voice of Resistance ein letztes mal erklingen lässt. Ihre Mutter, die palästinensische Poetin Zouhaira Sabbagh verneigte sich leise „she departed and left behind her bright smile.“

Sophie Hunger liebte schon immer das Experimentelle, ein Suchen in neuen Ausdrucksformen. So überrascht es wenig, das sie nach dem Umzug nach Berlin von dem seit Jahrzehnten dort grassierenden Elektronikvirus befallen wurde und mit Molecules ein erstaunlich leichtes und dennoch elektronisch-kantiges Stück Minimal Electronic Folk, wie sie es selber bezeichnet, vorlegt. Überwiegend mit Dan Carey zusammen schuf sie schräge, schnarrende, etwas skurrile Musik über der ihre, dieses mal nur englisch singende Stimme sommerlich schwebt. Aber nicht ohne die gewohnten melancholischen und zuweilen düsteren Untertöne, die die Spannungsbögen des ewig unfertigen Berlins („das deutsche Zauberwort“ singt sie in Electropolis) zwischen Licht und lichtfernen Winkeln immer neu entstehen lassen und manchmal ganz selbstverständlich und fast unbemerkt in einem Atemzug die Seiten wechseln. Kleine Brüche, so wie wenn man um eine Strassenecke geht und das Licht, die Atmosphäre auf einmal ganz anders sind. Und genau deshalb auch nach mehrmaligem Hören immer noch spannend bleibt.

 
 
 
      

 


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