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Archives: Dienstag, 30. August 2016

2016 30 Aug.

Der reine Blick

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Auf das Buch Die fünf Sinne („Les cinq sens – Philosophie des corps mêlés“) von Michel Serres greife ich stets gerne zurück. Die deutsche Erstausgabe kaufte ich am Tag der Erscheinung. Sie markiert meinen damaligen Neuzugang zu Sprache, Lektüre und Denken: nicht der Inhalt (die message) ist vorrangig wichtig, sondern der spielerische Umgang mit den Wörtern, Sätzen, Gedanken – die Textur, die sich daraus ergibt. Es war damals auch eine Art Befreiung vom „Botschaftswahn“. In dem Kapitel Heilung in Epidaurus schreibt Serres über die Bedeutung und Macht der Stille. In dem Kapitel Hermes und der Pfau schreibt er über das Sehen. Die mythische Gestalt Panoptes betritt die Bühne:

 

„Argus, der Mann, der alles sah, hatte, so sagt man, zwei Paar Augen, das eine, wie jedermann, vorne im Gesicht, das andere im Hinterkopf. So gab es keinen toten Winkel. Andere sagen, er habe hundert Paar Augen gehabt, fünfzig vorne und fünfzig hinten, während wieder andere von unzählig vielen Augen sprechen, mit denen seine Haut übersät gewesen sei. Wo am Anfang der Überlieferung noch bloßer Klarblick stand, da wird am Ende einer phantastischen Steigerung der reine Blick, ein Augapfel aus lauter Augen, eine mit Augen tätowierte Haut daraus. (…) Argus sieht immer und überall. (…) Halb schläft er, halb wacht er; der beste aller Wächter im Himmel wie auf Erden hat seinen Beinamen verdient: Panoptes, der Allsehende.“

2016 30 Aug.

DOCTOR, MY EYES (Jackson Browne)

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Sie lag auf den Holzdielen und zählte die Spinnen, die sie mit blossem Auge erkennen konnte. 7×8 sind 56 Augen, die sie anstarrten. Schauer lief ihr über die Haut, sie kratzte sich, schloss die Augen und stand auf. Nie wieder würde sie das sanfte Kuhauge in dem Film Ein andalusischer Hund sehen wollen.

 

Doctor, my eyes have seen the years
And the slow parade of fears of crying
How I want to understand

 

Was meinte Merleau-Ponty damit: Man sieht nur, was man betrachtet? Wie oft war sie im Louvre um die Monalisa geschlichen, um von ihr verfolgt zu werden. Wie gerne wäre sie Leuchtturmwärterin von dem RheinKomet gewesen. Sie hätte weit über ihre räumliche Umgebung hinausblicken können. Sie hätte sich eine Welt mit 8 Augen aufgebaut und wie die Spinnen vor Gefahren gewarnt. Wie kümmerlich erschien ihr der Besitz von nur 2.

 

Doctor, my eyes
Tell me what is wrong
Was I unwise to leave them open for so long

 

Er hatte sie mehrfach gebeten, die Augen beim Sex offen zu halten. Bei ihrem letzten Zusammensein hatte sie es versucht. In ihren Ohren dröhnte, wie als Strafe der sich widerstreitenden Sinnesorgane: Biko, oh Biko / And the eyes of the world are watching you. Sie wollte sich unsichtbar machen. Sie sah Bilder aus Aleppo, Vietnam und Biafra.

 

Doctor, my eyes
Tell me what you see
I hear their cries
Just say if it’s too late for me

 

Manchmal starrte sie in ihr Bierglas und fragte sich, warum die kleinen Fliegen so gerne Bier trinken. Sie schlug nach ihnen, aber alle entfleuchten. Sie haben 5 Augen, ich habe 2 und Geist. Sie fragte sich, wie viele Augen Markus Gabriel in seiner Welt, die es nicht gibt, bräuchte.

Am liebsten hätte sie ein 3. Auge. Damit könnte sie in Welten blicken, die ausserhalb ihrer physischen lägen. Wenn sie sicher wäre, dass ihre Zirbeldrüse keine Augenreduktion wäre, würde sie sich dieses Auge herausoperieren lassen.

 

Doctor, you must help me, if you can.

2016 30 Aug.

In The Belgian Jungle

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2016 30 Aug.

still binge (watching)

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Zwischendurch gab es einzelne Episoden von TV Serien, die er sich zweimal anschaute. Diese visuellen Errungenschaften des digitalen Erzählzeitalters waren nämlich vielschichtig wie gute Musikalben und jede hatte ihre eigene sound signature – ob es sich dabei um Mad Men handelte, Justified, um SOA oder die von ihm geschätzte Serie Love. Eine Episode von Bloodline beispielsweise sah er zweimal und fiel aus allen Wolken. Hatte er geschlafen? Wirkten Huxleys „Doors“ hier wiedermal, weil er nur die Hälfte mitbekommen hatte? Die Ursache schien schlicht: nur in begrenztem Masse sei man fähig, Aufmerksamkeit zu fokussieren. Da war dieses ADHS Syndrom des ewigen Träumers: kleine Details lenkten flugs ab auf eine Nebenspur, und schnell war der hauptsächliche Handlungsstrang entschwunden. Er erinnerte sich an die Stopp- und Rückspultasten seines Diktiergerätes und des altvertrauten Kassettenrekorders. Man sollte vielleicht nicht zu schüchtern sein, sie auch für Visuelles zu verwenden. Sons of Anarchy beispielsweise: war man nicht froh, kurz mal durchzuschnaufen, emotional kolossale Momente wirken zu lassen, Atem zu holen zwischendurch oder ein Bier? Hilfreich war auch eine frei flottierende Aufmerksamkeit: man liess es laufen in dem Urvertrauen, dass sich das Ganze doch von selbst einpendelte und das Unterbewußte letztlich am Rande alles mitbekam. Like a dog running across the fields, mostly finding the way back to its owner.


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