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Archives: Sonntag, 18. März 2012

2012 18 März

Ein Kunstprofessor aus Besancon schreibt einen Thriller

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Yves Raveys Erzählung Bruderliebe, schreibt Thekla Dannenberg, ist ein elegant geschliffener, kalter Edelstein. Auf 110 Seiten, in Kapiteln, die gerade einmal aus einem zehnzeiligen Absatz bestehen, konstruiert der französische Autor seine hochkomprimierte Geschichte, die eine mindestens ebenso feine Präzisionsarbeit ist wie das Verbrechen, das es beschreibt. Plan: Die Tochter von Max‘ Chef entführen, eine halbe Million Euro Lösegeld kassieren und über die Grenze abhauen. Eine Angelegenheit von 24 Stunden, ohne jedes Risiko. Scheinbar.

Ravey, der Kunstprofesser aus Besancon, fordert beim Lesen hohe Konzentration und genaues Hinsehen. Auf jedes Detail muss man achten, jedes Zeichen deuten, schnelles Lesen ist unmöglich. Mit einem einzigen Satz verstellt sich wie bei einem Uhrwerk das gesamte Gefüge. Und dabei erzählt er in dieser stilistischen Meisterübung mitnichten die Geschichte einer Bruderliebe, er erzählt eine Geschichte von Rivalität, Verrat und von einem Verbrechen, dessen Perfidie sich erst auf der allerletzten Seite enthüllt.
 

2012 18 März

David Sylvian und seine Werkschau

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Ein Opfer der Sterne? Wir wollen es nicht übertreiben. Auf den Fotos des Doppelalbums sieht er wie einem Bergmann-Film entsprungen aus: „Wilde Erdbeeren“, mit David Sylvian. In der Zeit, als Virgin noch Richard Branson gehörte, gab es noch Risikozonen, Wagnisse, Spielwiesen. David Sylvian profitierte davon, zuerst mit Japan, später als Solokünstler. Wie ist das nun, wenn man manchen dieser alten Aufnahmen begegnet? Und quasi 30 Jahre gelebtes Leben an sich vorüberziehen hört? Überraschend interessant. Natürlich: auch der Sylvian aus den Achtzigern, mit Jon Hassell an seiner Seite, Holger Czukay am Kurzwellenempfänger, und „Brilliant Trees“ im Schaufenster, hat seine Insignien, Zeichen der Zeit, doch keineswegs veraltet. Nur angenehm gealtert. Ich freue mich, wenn ich immer noch Neues, Vergessenes im alten „Stoff“ wiederhöre; Erinnerungen taugen in der Musik nur, wenn sie mit Entdeckungen einhergehen. Die Klangreise dieser Doppel-CD („Victim of Stars“ ist exzellent kompiliert) endet mit einem Versprechen für die Zukunft, dem neuen Lied Where´s Your Gravity? – mit den norwegischen Kollaborateuren Eyvind Aarset, Jan Bang, Erik Honore und Arve Henriksen. Das nächste Songalbum von „Mister Samtstimme“ wird gewiss ein sehr nordeuropäisches werden. Anders als die vielen Verwalter des eigenen Ruhmes, hat Sylvian den Weg gefunden, keineswegs in Schönheit zu sterben.

2012 18 März

João Bosco – ein Sänger aus Minas Gerais

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João Bosco hat über die Jahre hinweg auf einem spannenden Entwicklungsweg Verblüffendes hervorbracht. In einer Mischung aus afrikanischen, arabischen, fusion-jazzigen, stimm- und rhythmusakrobatischen Elementen – und der dazu gehörigen Portion Bossa Nova e Samba, zauberte er ein Gesamtwerk, das bei einer Konzertaufzeichnung in São Paulo im Jahre 2006 seinen reifen, meisterlichen Höhepunkt fand: „Obrigado, Gente!“ – mit hervorragenden Begleit- und Gastmusikern an seiner Seite.

Die Songs des Sängers stehen auch in der Tradition versierter brasilianischer Gitarrenkunst (Baden Powell, Gilberto Gil). Sie sind grossenteils in Zusammenarbeit mit dem Dichter und Psychiater Aldir Blanc entstanden. Märchenhafte und tiefenpsychologische Bilder verbinden sich mit Alltagsgeschichten, eine üppige Sprache verwebt sich mit Strassen-Slangs. 

In Boscos Heimat Minas Gerais, dort wo man Edelsteine (pedras preciosas) findet und verkauft; in den Gassen Ouro Pretos mit barocken Kirchen, Häuserprachten; in einer atemberaubenden bergigen Landschaft; wo die Mittagshitze brennt wie in einem Western on high noon – dort träumt man gerne auch mal vor sich hin.

Ein Lied aus João Boscos aktuellem Album ist das meditativ-minimalistische und afrikanisch akzentuierte „Tanajura“, im Sieben-Achtel-Takt, mit wunderbar dezenter Perkussion. Der Titel der CD verkündet: Não Vou Pro Céu, Mas Já Não Vivo No Chão – „Im Himmel bin ich noch nicht angelangt, doch aus der Gosse bin ich raus“. Das ist wohl weniger biografisch als vielmehr humorvoll und emphatisch gemeint. Doch es stimmt: so manche Vergangenheit sollte man besser hinter sich lassen. Der Himmel hingegen kann warten. 

 

João Bosco: ”Tanajura”


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