Manafonistas

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Archives: Dienstag, 6. März 2012

 
Bleibe in der Nacht in Köln. Nach meiner Sendung ausschlafen im Chelsea Hotel, und morgens beim Lieblingsitaliener Spiegelei mit Parmesan. Die Süddeutsche lesen, am besten wieder nur Gutes über Borussia Dortmund. Schwebetag. Besuch in der Alibi-Krimibuchhandlung. Was wird der Meister von HARD-BOILED und NOIR empfehlen? Ich empfehle ihm Steve Hamiltons Misery Bay. Hoffe auf frühlingshafte Temperaturen. Gerne auch Regen, zumindest im Radio: Spring Rain, von den Go-Betweens. Nachmittags zurück ins Chelsea. Träumen. Konkret träumen. Dann Vielleicht den neuen Roman von Joe R. Landsdale anfangen, „Ein feiner dunkler Riss“ heisst er, oder so ähnlich. Abends dann ins Gloria: die Tindersticks haben ein so starkes Album gemacht. The Something Rain. Sie haben einen Stil, seit langem. Und jetzt überhaupt keine Manierismen mehr. Hoffentlich spielen sie meinen neuen Lieblingssong: Show me everything.

 

„And then there is the standout Show Me Everything, unfurling against a heavy bass thump, resonating guitar and glacial female backing vocals. There´s a stage pause … we wait. And then Stuart Staples finally speaks for the first time on the record. Complexities / Treachery / We watch through glass / We see nothing. Building higher and higher upon itself until it overspills in a cacophony of guitar and the clambering tumult of his vocals; it is utterly, utterly brilliant.“

Man glaubt es ja nicht, aber es stimmt, es gab einmal eine Zusammenarbeit von Wolfgang Dauner, Volker Kriegel und Robert Wyatt, auch der damals noch sehr junge Terje Rypdal war dabei und der neuseeländische Bassist Neville Whitehead. Diese fünf Musiker bildeten die Begleitband für Don „Sugar Cane“ Harris. Das Ereignis, das diese sechs Herren miteinander musizieren ließ, waren die Berliner Jazztage 1971. Nur für dieses Ereignis hatte man diese Gruppe zusammengestellt. Kein Geringerer als Joachim E.Berendt hat, mit Hilfe seines damaligen Assistenten und späteren Nachfolger Berendts beim SWF bzw. SWR Achim Hebgen, diese damals in den Medien überaus hochgelobte Band zusammengeführt.

 
 
 

 
 
 

MPS brachte eine Live-Aufnahme dieses Konzerts auf Platte heraus. Dieses Schallplatte einmal aus dem Plattenschrank geholt, aufgelegt, „Liz Pineapple Wonderful“ gehört und man ist wieder einmal überzeugt von dieser fantastischen Gruppe, auch nach 41 Jahren. 2008 kam diese Platte als Original Recording Remastered CD wieder heraus und ist heute noch zu haben. | Ebenso im Jahre 2008 kam eine Schallplatte als Original Recording Remastered CD auf den Markt, die ein Jahr früher als „Sugar Cane`s Got the Blues“ im Orginal in die Plattenläden kam, nämlich 1970. Die Rede ist von der Gruppe IF und ihrem herausragendem Stück „What Did I Say About The Box Jack“. Auf einer preisgünstigen Anthology 1970 bis 1972 kann man diesem wunderbaren Stück Musik wieder begegnen.

 
 

 
 

IF, das waren Terry Smith, John Mealing, J.W. Hodkinson, Jim Richardson, Dick Morrissey, Dave Quincy, Dennis Elliot. Die Gruppe existierte bis 1975. Im BEAT-Club war die Band am 25.09.1971 neben Birth Control, Canned Heat, Curved Air , Deep Purple, und Family zu hören und zu sehen … Das waren Zeiten!

“Complexities / Treachery / We watch through glass / We see nothing” (Tindersticks)

Er sammelt Stille, die längsten Pausen in den Songs der Rockhistorie, „Roxanne“ ist weit vorne. Das ärgert seinen Vater. Später begeht der Sohn Selbstmord; es genügte ihm nicht, Stille zu sammeln. Nicht alles ist so tragisch, obwohl vieles traurig ist, im neuen Roman von Jennifer Egan. Aber auch komisch. Und dann wieder herzerweichend. Auch habe ich dem möglichen Leser in den ersten Sätzen nicht viel verraten. DER GRÖSSERE TEIL DER WELT ist ein Puzzle aus 13 grossen Kapiteln, eins davon ist als Powerpoint-Demonstration getarnt. Wir landen in einer Zukunft, die wir alle noch nicht erfahren haben, und die erzählte Zeit, die hier ein sehr dehnbarer und durchlässiger Stoff ist, reicht zurück bis ins Amerika der späten 70er Jahre. Jennifer Egan war selbst ein spätes Hippie-Mädchen, aber sie konnte das Gespür der Punks für Umbrüche bestens nachempfinden. Und so lernen wie die Flaming Dildos kennen, mit ihrem Gitarrenzauberer Scotty (der als Teenager zu lange in die Sonne schaut, später Hausmeister wird und Fische angelt, und die Welt versuchsweise in Nullen und Einsen auflöst), sowie den unglücklich verliebten Bassmann Bennie, der später gross rauskommt im Rock-Business. Der Roman springt zwischen den Zeiten und Figuren, aber seltsamerweise zerfällt das Buch nicht bei der Lektüre in lauter unverbundene Einzelteile. Man könnte sich bei der Vorstellung des Romans verlieren in tausend Episoden. Wer einmal eingetaucht ist in dieses permanent den Tonfall, die Zeit und die Glückszustände wechselnde Erzählwerk, wird auch davon berichten wollen, denn hier wird einem, in enormer Kurzweiligkeit, mit glänzendem Humor und tottrauriger Prägnanz, das Leben als kurzer schneller Fluss präsentiert, und wer zweimal in den gleichen Fluss springt (in den schmutzigen East River etwa), bleibt eben doch irgendwie derselbe. Jennifer Egans Schreibstil hat zwar etwas Sezierendes, eine gewisse Unterkühltheit – doch zugleich, egal, wie paradox das erscheint, verrät sie nie ihre Figuren, lässt ihnen Luft zum Suchen und Lieben und Vögeln und Atmen und Träumen und Selbsterkennen. Die episodische Erzählstruktur ist natürlich nichts Neues, man denke an den Film SHORT CUTS von Robert Altman, man denke an Romane, die bestens geübt sind in verrücktesten Zeitsprüngen. Gelungen ist dieses Buch eben auch, weil keine postmoderne Romantheorie durchexerziert wird. An Theorien ist Jenniger Egan nur interessiert, wenn ihre Figuren sie sich zu eigen machen. Diese Theorien heissen dann Lebenslügen. Wie das Fremde einem ganz nahe kommt, und das ganz Nahe fremd wird, auch davon erzählt dieses Buch. Ein rauschhaftes Leseerlebnis!

 
 
 
Der größere Teil der Welt
 

2012 6 März

Statt Nichts Hannover

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Es wäre ja mal an der Zeit, eine Lanze für seine Heimatstadt zu brechen (ja, ist er noch ganz frisch, frischverliebt zumindest nicht …) – „Leinen los!“ also für diesen Ort an der Leine, der soviele Berühmtheiten vom Stapel ließ: die Lena, die Scorpions, den Gerd und einen Schloßhund namens Wolf, der sich ´ne kleine Hütte vorfinanzierte. Aber seit Jahr und Tag wird diese Stadt von ausserhalb her denunziert als Dunkelort der Depression.

Wie kommt das bloß? Wo liegt der Grund begraben? Bestimmt nicht in der meist trostlosen Architektur (post war re-buildings) – die gibts auch anderswo und selbst in Rio de Janeiro (am Fluß des Januars) sind die Häuser häßlich. Nichts als Vorurteile also: pride and prejustice?

Vielleicht. Wer länger in Hannover weilt – und viele tun das nicht aus Schwermut, sondern purem Glück -, der weiß: hier lebt sich´s gut und komfortabel. Ein großer Vorteil nämlich ist die enorme Konformität: niemand fällt hier aus der Rolle – alles ist gemäßigt und normal. Nur laut ist es: die Lärmbelastung ist von allen deutschen Städten hier am höchsten. Merkwürdiger Widerspruch – denn optisch gleicht die Szenerie eher einem von de Chirico gemalten Augenblick ewiger Windstille.

Das ist für Fahrradfahrer vorteilhaft, denn wo kein Wind ist, da ist auch kein Gegenwind. Zum Bikerglück tragen auch die ebene Landschaft und ebenso expomäßig renovierte Wege und Erholungsflächen bei. Gehört man allerdings zu den trainierteren Naturen, muss man schon 30 Kilometer bis zum Deister fahren, um dann am Nienstedter Pass endlich den ersehnten Widerstand zu spüren: dort gehts, man glaubt es kaum, in Serpentinen steil bergauf … und hernach steil bergab.

Hannover ist eine Stadt der Kunst. Ein ungeheurer Satz wie dieser will begründet sein: längst vergessen ist zwar die Fachhochschule für Gestaltung – sie fiel den Sparzwängen zum Opfer (dafür wird das Herrenhäuser Schloss jetzt wieder aufgebaut). Aber besagte Flachland-Topografie sorgt dafür, das alles, was aus dieser Ödnis sich erhebt, sich gleich als Objekt hervortut. In abwechslungsreicheren Gefilden wäre das gar nicht möglich: allein die Natur sorgte für eine Konkurrenz zum Artifiziellen, die hier gänzlich fehlt.

So sind der Projekt(ions)- und der Gestaltungswille groß: denn wo nichts ist, muss etwas werden. „Warum ist denn überhaupt Etwas?“ – nach vielmehr Nichts sehnte sich doch schon der alte Leipniz, dem zu Ehren hier ein Tempel steht. Sein Wunsch blieb ungehört.

Denn was die Schöpfungsgeschichte uns verschweigt: am Siebten Tage, ausgerechnet, war Hannover an der Reihe. Es war gerade Sonntag und der Schöpfer sprach (im gleichen Dialekt wie Schröder): „Macht ihr mal fertig, Genossen, ich mach heute gar nix mehr!“ Und deshalb ist hier seit Genesis ewig Messe (what a mess!) und das Leben eine Baustelle. High Life für die Stadtbauplanung einer Hochkultur. Ist doch auch was – oder Nichts?


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