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Archives: Montag, 25. April 2011

2011 25 Apr.

John Martyn: London Conversation

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Wenn diese Rezension einem Genius huldigt, dann völlig zu Recht: John Martyn,
leider unlängst im Alter von 60 Jahren verstorben, hat zeit seines Lebens (fast) nur
die Wertschätzung seiner Musikerkollegen und einer treu eingeschworenen Fangemeinde erfahren dürfen.

Während seine Karriere am Boden kleben blieb, schwang er sich zu Songperlen und Hymnen der angelsächsischen Popkultur empor. Im musikalischen Flug und Aderlaß der Emotionen mochte er exaltierter sein als seine Seelenverwandten der englischen Folk-Gilde, aber er manövrierte sich damit vielleicht zu sehr in die Position des Eigenbrötlers und Außenseiters.

Hier nun haben wir das Debüt von 1967 vor uns und es ist in seiner grün- schnäbeligen Abgeklärtheit nur mit dem jungen Bob Dylan zu vergleichen. Dessen „Don’t think twice…“ wird dann auch hier auf sehr berührende Weise vorgetragen. Zwei Traditionals werden noch intoniert, und schließlich überzeugen natürlich die wunderschönen, noch etwas verhalten dargebotenen Eigenkompositionen.

Fazit: Hier ist ein ganz Großer noch „klein“. Und wir ahnen bereits, daß unser Glück
noch 40 Jahre währen wird. Rest in Peace, John!

Schiffsverkehr

Entfalte Meine Hand
Die Anker Los
Denn Auch Jedes Tief Dreht Sich Ins Hoch
Fall Auf Meinen Fuß
Die Feuer Sind Gesetzt
Und Die Nebel Leuchten

Deutung: Das lyrische Ich macht sich auf den Weg auf die hohe See.
Es ist sicher, dass nach schlechter Zeit auch mal wieder eine gute Zeit kommt.
Herzlichen Glückwunsch, schon mal vorab, zu dieser Erkenntnis!

Weg Mit Dem Fixen Problem
Ich Will Mehr
Schiffsverkehr
Endlich Auf Hohe See
Endlich Auf Hohe See

Deutung: Ein fixes Problem will das lyrische ich loswerden; es soll nicht starr sein,
sondern in Bewegung geraten. Schau, schau: „Wenn man sich bewegt, bewegt sich was“.
Hey, diese Textzeile hätte auch noch gut gepasst. Das ist nicht Küchenpsychologie,
das ist Besenkammerpsychologie.
 

Werde, Wer Ich Bin
Gute Fahrt
Die Dämonen Sind Versenkt
Aufgeklart
Es Gibt Kein Damals Mehr
Es Gibt Nur Ein Jetzt, Ein Nach Vorher

Deutung: das lyrische Ich will in der Gegenwart leben. Es hat die Dämonen versenkt. Hoffe, die waren schon tot, als er sie versenkt hat. Die Vergangenheit gibt es nicht mehr. Das ist natürlich Blödsinn, Herr Grönemeier. Und für das Jetzt erfinden Sie einen neuen Ausdruck, das „Nach Vorher“. Entschuldigung, aber dieser Ausdruck hat keinerlei
sinnliche Präsenz und wirkt ein bisschen lächerlich.
  

Stell Mich Vor
Das Leere Tor
Ich Schlag Mich Fein
In Seide Ein
Geb Mir Ewigen Schnee
Pures Gold, Wohin Ich Seh
Und Leb Mich Voran
Und Leb Mich Voran
Und Ich Verliere Mich In Mir

Deutung: ich fürchte, hier brennen dem Dichter die Sicherungen durch.
Vor einem leeren Tor trägt er Seide und wünscht sich ewigen Schnee.
Befindet er sich
in Todesnähe? An einer Schwelle? Oder meint er Koks? Oder ein El Dorado im ewigen Eis? Wird er hier gar vieldeutig? Er sieht überall pures Gold. Welche Drogen sind im Spiel?
Ein bisschen holzschnittartig ist das für so viel Psychedelik. Dann wird’s ganz hart:
das lyrische Ich lebt sich voran und verliert sich in sich; das ist nicht mehr Besenkammerpsychologie, das ist trivialer Totalblödsinn!  Er spielt wieder
mit Pseudotiefe und kalauert dabei vollkommen unfreiwillig.

Brauch Meinen Tag
Kein Schicksalsschlag
Das Salz In Mir
Die Vorfahrt
Radikalkur
Klare Natur
überholspur
Kein Radar
Den Abendstern

Deutung: Na, klar, jetzt zieht es unsern Freund zum Abendstern, natürlich auf der Überholspur. Schliesslich will er keine Zeit verlieren. Er reimt im Staccato, will sagen:
auf Teufel komm raus, Radikalkur auf klare Natur. Da steckt natürlich Potential drin,
wenn eine Brauerei mal wieder einen Song für einen Werbespot sucht. Da passen auch
Form und Inhalt, denn wenn man Lyrik auf einen Promillegehalt untersuchen könnte,
wäre das hier schon was für eine Zwangausnüchterung.
 

Endlich Freie Sicht
Die Segel Sind Gefüllt
Und Keine Liebe Bricht Mich

Deutung: das lyrische Ich hat freie Sicht. Prima. Die Segel sind gefüllt: ich ahne,
es weht eine steife Brise (da fällt mir ein Bierwerbespot mit Joe Cocker-Musik ein).
Und er ist frei von allem Liebeskummer. Das überrascht nicht: denn die Vergangenheit
hat er ja abgeschafft (s.o.), und eine Braut ist bei dem Verrückten glücklicherweise  
nicht mit an Bord.

Sie ist jung, schreibt Romane, Short Stories, und singt. Manchmal denkt man,
ihre Stimme sei elektronisch bearbeitet, aber da zapft sie nur uralte Gesangstechniken diverser Ethnien an. Ihr Album VISCERA wurde gerade bei Rune Grammofon veröffentlicht. Sie ist eine Bewunderin der neuen, kühnen Alben von David Sylvian und freut sich,
ihn beim diesjährigen Punktfestival in Kristiansand (1.9.bis 4.9.) persönlich zu erleben.
Mir erzählte sie zu einem der Songs ihres Albums Folgendes:  

“This is a thirst” ist wahrscheinlich der am stärksten improvisierte Song auf meinem neuen Album VISCERA. Es begann als spoken word-Stück. Ich sprach und summte vor mich hin, während ich andere Musik hörte. Und dann begann ich diese Session, bei der ich nur meinen Part aufnahm, diese gesprochenen Sätze und Bilder, und ich sang zu einem tiefen und langsamen Puls. Und von da an entwickelten wir das Stück. Es ist mehr Improvisationsmusik als ein Song, und wenn wir es live spielen, stellen wir uns vor, es gehe um das Bewahren eines inneren Zustandes, im Gegensatz zu einer voranschreitenden Form. So entsteht ein Raum beim Hören, vielleicht ein Zustand, bei dem man Minuten lang verweilt – es ist anders als bei einem Song, der dich anhand seiner Story  mitnimmt…spielen wir das Stück live,  ist es manchmal kurz, manchmal lang… manche Leute halten THIS IS A THIRST für einen toten Song , und andere, die es berührt, geniessen diese Stille. Ich halte es für wichtig, die stillen Momente frei  improvisierter Musik in den Rahmen von Popmusik transportieren zu können. Der Platz, den ich bei diesem Song kreieren möchte, ist ein dunkler,  aber auch ein positiver Ort – so als wärst du in einer dunklen Höhle, innerhalb  eines Körpers. Durch das Sprechen und das Wiederholen einzelner Wörter, die sich auf das Fühlen und Empfinden von Welt beziehen,  habe ich versucht, diesen dunklen Raum in einer Weise zu erfahren, die ich vorher noch nicht kannte. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang, wie ich einmal einen Song aus David Sylvians Album Blemish hörte, im Radio, das war 2003, damals lebte ich noch  in Melbourne, und das war so eine verblüffende Radioerfahrung. ich vergass alles, Zeit und Raum, und war auf einmal innerhalb einer Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Ich denke David Sylvians „Blemish“ war eine große Inspiration für  “Viscera.“

Wie würde Genazino schreiben, wenn er in den Ozarks groß geworden wäre? Sicher bar aller Ironie, Josie! Vielleicht wie Daniel Woodrell, der sich auf seinem kleinen meisterhaften Thriller „Winters Knochen“ ins niemandlandige Amerika begibt, wo sich viele Kleinkriminelle und manche Mörder mit dem Kochen von Crystal Meth über Wasser halten. Der Film Winter´s Bones läuft gerade in unseren Kinos und wird von der Presse zurecht gerühmt.

Im Film waltet ein kalter sozialer Realismus, der es äußerst lohnend macht, die literarische Vorlage zu lesen, die gerade im feinen, kleinen Verlag „Liebeskind“ erschienen ist. Man hat das Gefühl, dieselbe Story ganz anders zu erfahren, denn der Film blendet den magischen Realismus des Schriftstellers komplett aus. Die Sprache ist sinnlich, vibriert, macht atemlos: in der Schilderung der Nachtseite der Dinge ist sie einem Cormac McCarthy ebenbürtig. Der Regisseur hätte ja auch mit der „subjektiven Kamera“ arbeiten müssen, um z.B. darzustellen, wie die junge Anti-Heldin sich gelegentlich in andere Wirklichkeiten versenkt, in dem sie das trostlose Immergrau des Winters mit Hörkassetten vertreibt, auf denen ihr tropische Landschaften, warme Brisen und blaues Meer vorgegaukelt werden.

Als ich den Namen des Autors zum ersten Mal las, dachte ich, es handele sich um Cornell Woodrich –  so nah liegen die Namen beieinander. Der ist schon lange tot, seine Leben war eine einzige Tragödie, und er hat, glaube ich, zur Zeit von Hammett und Chandler, seine exzellenten schwarzen Thriller geschrieben. Etwa „Die wilde Braut“, ein lang vergriffenes Diogenes Taschenbuch. Woodrell und Woodrich – zwei Meister ihres Fachs. Aber, naja, bei den Manafonistas bin ich der Thriller-Experte, und ich bin gespannt, wann sich einer der Mitstreiter mal daran macht, meine unerbittlichen Lesebefehle in die Tat umzusetzen. Aber die Jungs sitzen wohl jetzt in Outdoor-Cafes in Thüringen und Niedersachen, lesen wahrscheinlich Italo Svevo und fragen sich, warum sie einen Regenschirm für diesen Tag mitgenommen haben.


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