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Archives: Dienstag, 27. Juni 2023

 

Sie stand neben mir in den heftigen Atlantikwellen, hielt sich an mir fest und sagte unvermittelt: “Ich habe überhaupt keinen Busen.“ Ich warf schnell einen diskreten Blick auf ihren nackten Oberkörper und rief in den Wind: „Jaja, das sagen wohl die Männer zu dir.“ Sie nickte und machte sich los, um tiefer ins Wasser zu waten. Ich wartete auf sie und sah, als sie herauskam, dass ihre Nippels steif und groß von ihrem Körper wegstanden. Wenn das mal keine Lolipopeinladung für wache Männerwünsche war. Wir standen noch eine Weile gemeinsam am Ufer und sahen zu, wie eine ältere Frau, sie war nackt, aus dem tobenden Wasser wankte. Offensichtlich hatte sie beide Brüste wegoperiert bekommen. „Was denkst du, wenn du das siehst“, fragte ich die Niederländerin. Sie hob stumm die schmalen Schultern. Die Amerikanerin gesellte sich zu uns und deutete auf die Narbe der Holländerin: „What the hell happened?“ Ich übersetzte auf Englisch: ich hatte eine Lebertransplantation. „Oh, OMG. Look at my body, I had  beautiful breasts, they cut them off,  I give a shit of boops, I am an old woman.“ Die junge Frau lehnte sich jetzt an mich und flüsterte: „Jetzt mag ich plötzlich meine Brüste.“ Ich begriff sofort und drückte sie leicht.

Als die beiden Frauen sich entfernt hatten, ging ich zu dem öffentlichen Buchfenster. Dort stand nur ein Buch – dieses:

 
 

 
 

In dem Buch ist eine lange Liste von den Tugenden. Ich schlug die Seiten über TOLERANZ auf. Ich lese, dass wir beim Streit beachten sollten, dass wir ein würdevolles Wesen gegenüber haben. Und dass wir dieses ehren sollen. Dass ein Faktenstreit im Schützengraben lande und nicht zu gewinnen sei. Vielleicht meint dieser Schriftsteller, von dem ich übrigens ein kluges Buch über die unnützen Dinge besitze, mit Ehre= Respekt. Mir gefällt Ehre in diesem Kontext besser.

 

Diese Stunde war etwas anders geplant. im Mittelpunkt sollte ein „buried treasure“ von Pharoah Sanders erklingen, aus dem Jahre 1977, remastert und herausgebracht von Luaka Bop, die uns vor Jahren Pharoahs geniales Farewell-Album bescherten. Aber, bei aller Liebe zu den meisten Werken des Saxofonisten nach dem Tod Coltranes, von „Tauhid“ bis früh in die Achtziger hinein, „Pharoah“ (1977) enttäuschte mich fast auf ganzer Linie – von wegen „heiliger Gral“!

Und so kam es, dass ich bei meinem kleinen Trip durch die Siebziger Jahre Station machte im Jahr 1973, der frühen Zeit von Keith Jarretts Solopianokonzerten. Inspiriert auch von Wolfgang Muthspiels Komposition „Folk Song“, die etwas von Keith Jarretts zwei Studioalben mit seinem europäischen  „Belonging“-Quartett aufgriff –  und verwandelte. Das „ECM special“ wurde dezent erweitert – in einem Magazin mit „Neuem von der improvisierten Musik“ bestens zu rechtfertigen mit der aktuellen Vinyl-Serie einer  Auswahl alter „Meilensteine“ des Labels, innerhalb der Reihe „Luminessence“.

Und so ging‘s, zeitweise und in munteren Galopp, schlaglichtartig, durch, musikhistorisch gesehen, eine der wundersamsten Dekaden der letzten hundertfünfzig Jahre, ein „power spot“ ohnegleichen, was Erfindungskraft, Ereignisdichte, Grenzüberschreitungen –  und die Zahl von „Instant Classics“ angeht. Im Jazz und weit über den Jazz hinaus. Da spielte, in meinen „Ton“, eine Prise Humor hinein, etwas „Storytelling“ (wenig ist so lähmend wie eine trockene akademische Ansprache).

In der Losung zum „deep listening“, eine  Art Affirmation, nichts anderes als  der Titel eines Jazz-Standards“ (von dem es übrigens auch eine „late night version“ von Keith Jarrett gibt), kommt etwas zum Vorschein, was leicht den „Meta-Ebenen“ des Diskurses abgeht: dass das existentielle Element die Hörerfahrung selbst ist. Der private Raum.

Hier die ganze Stunde, mein Dank an den „radiophilen Henry“, an die „virtuellen Gesprächspartner Wolfgang Muthspiel und Jan Bang, und an Olafs muntere Replik: „deep listening, michael, auf jeden fall – aber darüber den hund vergessen ??“ Abgesehen vom Jahresrückblick mit Thomas und Karsten im Studio 3A des Deutschlandfunks, sind meine nächsten Ausgaben der „JazzFacts“ und der Klanghorizonte“ erst Anfang des folgenden Jahres.

 

 


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