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Archives: Donnerstag, 18. Mai 2023

2023 18 Mai

Die Nacht singt

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Über dem Meer
wölbt sich das Himmelszelt
und deckt mich zu.

 

[Madredeus – O mar aus o espírito da paz, 1994. Ich habe das vorhin auf der Autobahnfahrt mit Tempomat von Berlin nach Eschborn nach längerer Zeit mal wieder gehört und war sofort in Halbtrance. Diese Stimme, die in pechschwarzer Nacht hinaufsteigt aus den Wassern und so etwas unsagbar Tröstendes hat.]

 

Das Ehepaar Oto und Yusuke Kafuku pflegt ein bemerkenswertes Sexritual. Während die Beiden noch matt und beglückt beieinander liegen, erzählt Oto ihrem Mann Bruchstücke skurriler Geschichten von mehr oder weniger subtil erotischer Art.  Yusuke hakt nach, fragt weiter, entwickelt mit Oto einen Handlungsstrang. Es ist kein Spiel, es ist Teil von Otos Beruf als Drehbuchautorin beim Fernsehen. Als Schauspieler und Regisseur ist auch Yusuke vom Fach. Es sind die erfüllten Stunden einer Beziehung, die schon fast ein Vierteljahrhundert währt. Doch es gibt eine geheime Gewohnheit von Oto, die Yusuke durch Zufall entdeckt, und es gelingt ihm nicht, mit ihr darüber zu sprechen. Ryūsuke Hamaguchis Film Drive my Car kam 2021 ins Kino, er basiert auf zwei Kurzgeschichten aus Haruki Murakamis Buch Von Männern, die keine Frauen haben (Drive my car und Scheherazade). Der Film entfernt sich deutlich von der literarischen Inspiration und transportiert mehr an japanischer Tradition: kleine religiöse Handlungen, die Kraft, die ein Schweigen hervorbringt, und nicht zuletzt die tranceartige, meditative Stimmung während langer Autofahrten, über komplizierte Autobahnkreuze von Metropolen, die Küste entlang, durch unbeleuchtete Landschaften Richtung Norden, durch endlos scheinende Tunnel, denen weitere Tunnel folgen, bis der Schnee in der Sonne glitzert. Das Unterwegssein in einem mattroten Saab 900 turbo hat hier geradezu therapeutische Qualität. Die Intimität, die darin liegt, jemandem den Ort zu zeigen, an der man aufgewachsen ist, setzt etwas in Bewegung und es entsteht ein Moment ikonischer Qualität. Zwei Menschen, die im Nichtraucherauto sitzen, haben ihre Zigaretten angezündet und halten sie aus dem geöffneten Schiebedach nach oben, wo die Glut sich einfügt in verschwommene Lichter der Nacht.

 

 

 

 

Erst nach 35 Minuten läuft in diesem dreistündigen Film der Vorspann, nach einem Zeitsprung bildet im zweiten Teil eine bemerkenswerte Inszenierung von Tschechows Onkel Wanja einen Schwerpunkt. Wenn ich mir auch manche erklärenden Dialoge etwas knapper gewünscht hätte (hier schien man sich an der russischen Tradition des Erzählens zu orientieren), hat mich die Glaubwürdigkeit der Charaktere in Drive my car vollkommen überzeugt. Die Performance der Figur der Sonja im Theaterstück bringt nochmal eine andere Nuance der Rezeption ein: Die Schauspielerin drückt sich durch koreanische Gebärdensprache aus. Und noch eine Geste, die ich in diesem Film zum ersten Mal sah: Eine brennende Zigarette in eine kleine Fläche Eiswasser hineinzustecken, als wäre es ein Räucherstäbchen. Ein Abschiedsritual.

2023 18 Mai

Die Kraft der Erosionen

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„the ghost interview series, part 1, unbelievable.“

– Giancarlo Benzina 

 

JUST. Ich fotografiere diesen zauberhaften Düsseldorfer Hinterhof nicht, sonst fragen noch Stadtführer nach und bauen ihn in ihre Themen-Rundfahrten zu den geheimen Power Spots der City ein – erst mal heisst es ankommen, die Herrin des Hauses ist noch beim Sport, Karl und Friederich begrüssen mich einmal mehr freudig, und nehmen dann Platz in ihren bevorzugten Winkeln. Der allerfeinste Kaffee aus der Siebträgermaschine, interessanter „small talk“  – und, in der Tat, ohne Olafs Tipp, mir mal (vor Jahr und Tag) das Robert Fripp-Video von Michael Ludwigs anzuschauen, auf „Michael45rpm“, wäre ich wohl nie hier gelandet.

ANOTHER. Zuvor mit Ulrike bei Robert am Rhein, überbackener Wirsing mit Pilzen in Rahmsauce, köstlich, ihr üppiger Muschelteller mit Nudeln in Pernod(?)sauce, meine Bratwurst der 11. Generation (eine kulinarische Delikatesse für Carnivoren) … aber ich schweife ab. Obwohl, ähem, der Kreis meines kulinarischen Trips schloss sich erst später, mit frischen Erdbeeren und Rohrzucker, in der Nachmittagssonne bei Ulrike in Oberbilk.

DIAMOND. Ich staune, wer alles dieser aufregenden Story bis hierhin gefolgt ist … Spass beiseite: der äussere Anlass der Reise war das kleine Video, das Michael dann, mit Mats Gustafsson (aus der Sonos-Box) und mir (auf dem Sofa), auf den Weg brachte. Wer will, kann es sich jetzt (über den Blogroll rechts, resp. Michaels youtube-Kanal) anschauen. Der Clou des „Drehs“: ich hätte das noch mehr als „Radio“ inszeniert, mit meiner Stimme und der des „alten Schweden“ aus dem Off. So passierte es auch, nur dass der freundliche Gastgeber optisch präsent blieb und die gut zwanzig  Minuten mit den beiden Unsichtbaren moderierte: „Welcome back! Today I‘m not alone. Really …“ Das hatte auch seinen Charme.

DAY. Und so drehte sich die kleine Runde um „Echoes“ vom Fire! Orchestra, um das Besondere dieses „vinyl boxset“. Für ein erstes Mal groovten wir uns zügig ein. Mats Gustafsson entpuppte sich als grosser Vinylfreund, und sorgte dann noch für eine Nachricht, die die Fans des norwegischen Labels Rune Grammfon (seit Jahren auf unserem Blogroll) aufhorchen lassen wird, kurz vor Ende. Ich verliess die gute Stube und den nahezu pittoresken Hinterhof aber nicht, ohne noch Sonne zu tanken, und eine der jüngsten Veröffentlichungen der Electric Recording Co. aus London einzupacken (als kostbare Leihgabe), Vashti Bunyans „Just Another Diamond Day“. Ganz egal, was wir uns alles über Vashtis Meisterstück oder „Echoes“ erzählten: there‘s no replacement for listening. Thanks to Mats Gustafsson for joining the party! 


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