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on life, music etc beyond mainstream

2022 3 Jul

Vorspiel mit Reitgerte

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Tags:  15 Comments

Um der Magie des Films „The Duke Of Burgundy“ gerecht zu werden, kann es sehr interessant, eine lohnende Variante, sein, auf Begrifflichkeiten wie „Sado“ und  „Maso“ und „Gequälte“ und „Quälerin“ zu verzichten. Diese Termini allein behindern das unvoreingenommene Einlassen auf die erzählte Geschichte. Weil sie so negativ konnotiert sind im Alltagsgebrauch. Als ich einst eine Geliebte hatte, die aktiv bei Amnesty International war, kam ich nicht so weit mit meinen, reiner Lust, Verliebtsein, munterer Experimentierfreude, entsprungenen Vorstössen, sie möge mir, bitte, Fesseln anlegen – zu schnell dachte sie an Folter, Unterwerfung, Misshandlung, wo mir nur der Sinn nach Hingabe und „Unterwerfung“ (der betörenden Sorte) stand. Der Sprache von BDSM entkommt man insofern nicht, als der Film auf der Klaviatur dieser speziellen, erotischen Erfahrungswelten spielt: es gibt Truhen, in denen frau über Nacht eingesperrt wird (mit Codewort); Toiletten, die es ohne Rückenverrenkungen erlauben, dem goldenen Strahl der Geliebten ausgeliefert zu sein (als Bestrafung) – solche Truhen und Toiletten gehören nicht zum Mainstream unserer Inneneinrichtungen. Sprache reguliert, selektiert, zensiert. Schaut man sich diesen Film an, ohne vorab in den Widerstand zu gehen („weil man so komische Sachen darüber gelesen hat“), begegnet man, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, einer sinnlich berauschenden, zugleich interessant inszenierten,  Liebesgeschichte (eine mit einem Knackpunkt, und einem offenen Ende). Eine Analytikerin braucht keine der beiden, Cynthia aber gewiss einen ChiropraktikerAlles weitere dazu im August, wenn ich in einem Strandkorb sitze, und der Text mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Die berauschte und entrauschte Cynthia“ seine verwegene Gestalt annimmt –  Wörter wie „Erniedrigung“ und „Qual“ werden sich darin eher nicht finden. „Lass uns leben, das Etikett kleben wir später drauf“, sagte mir die atemraubende Petra in Kiel, tief im letzten Jahrhundert, als wir, mit einem unglaublichen élan vital und gespielter Ernsthaftigkeit, in einem seriösen Geschäft für Pferdesportfreunde, nach einer perfekten Reitgerte Ausschau hielten, und uns fachlich beraten liessen. Hernach lachten wir Tränen (ein Festival der Situationskomik), doch bald schon brach die Nacht herein, sie zündete ein paar Kerzen an, und wir betraten eine andere Welt.

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15 Comments

  1. Ursula Mayr:

    Das ist aber dann schwierig eine sprachliche Fassung zu finden, insb. für die denen diese Neigung fremd ist. Ich wäre da überfordert. Im übrigen gibt es in München ein BSM…dingens – Hotel mit entsprechender Ausstattung. Immer gut belegt, auch ein Kollegenpärchen geht gern da hin.

  2. Michael Engelbrecht:

    Das kriege ich hin, mit der Sprache… ein paar Konzessionen an die konventionellen Begriffe müssen reichen… bei allem Respekt für solche Hotels, das schöne weite tiefe Feld von „BDSM“ lässt sich öffnen mit den einfachsten tools, anytime everywhere, und das Glück ist, hier und da im Leben auf ideale Pendants zu treffen. Und da erlebst du die schönsten Überraschungen, aber auch mal Stirnrunzeln und „Befremdnis“.

    Der Text und die paar commments transportiere ich im Laufe der Woche zu deinem Haupttext.

  3. Ursula Mayr:

    Die Beiden hatten mit BDSM gar nix am Hut, aber die Umgebung in diesem Zimmer und die ganzen bereitgestellten tools hatten wohl einen derart stimulierenden Effekt so dass sie gleich mal zu den Handschellen griffen und dann zu Bondage. Und dann wars wohl toll..So kanns auch gehen.

  4. Michael Engelbrecht:

    Ah, verstehe. Klar, so geht es auch!

  5. Ursula Mayr:

    Eine Patientin von mir besuchte regelmässig Swingerclubs mit Gatten – und wen traf sie da? Pierre Brice nebst Gattin. Unseren sterilen Winnetou…

  6. Michael Engelbrecht:

    Muss aber schon fast verjährt sein, Geschichten aus der alten BRD :)

  7. Ursula Mayr:

    Jahrtausendwende

  8. Martina Weber:

    In dem Film „Nymph()maniac“ von Lars von Trier gibt es eine Szene mit einer Reitgerte, ich erinnere mich daran. Charlotte Gainsborough spielt die Hauptrolle der Nymphomanin. Ein sehr intensiver, grenzüberschreitender Film, den ich vor einigen Jahren als Director´s Cut gesehen habe.

  9. Michael Engelbrecht:

    So spät bin ich auch nicht oft hier auf dem Blog. Aber ich hatte war gestern auf einer schönen Reise nach Düsseldorf, erst Ulrike, die doch schon von den Trollfjorden heimgekehrt war, und mir ihre unheimliche Story von 38 Grad am Polarmeer erzählte, Plusgrade wohlgemerkt.

    Dann bei Mr. 45 rpm aka Michael Ludwigs und schönes Plaudern und Plattenhören. Mein Haus heute Nacht fast leer, Nachbarn, das obere Stockwer ausgeflogen, und ich höre My Favourite Things, die Vinylreissue, in Mono. Jenseits der Zimmerlautstärke, Coltrane flies… Ein Traum.

    So, jetzt schöne Müdigkeit, und dann noch dies: eine Reitgerte in Lars Van Triers verstörendem Film. In meiner wahren Geschichte kommt zwar auch eine Reitgerte vor, aber zum Glück keine einzige kreuzunglückliche Seele (bei Lars VT ja der Regelfall, das Unglückliche). Und, um den Bogen etwas weiter zu spannen, eine Reitgerte sieht man in fast allen alten nostalgisch besetzten, schön beknackten, anheimelnden Karl May- und Winnetoufilmen:) – viva la Vielseitigkeit der alltäglichen Gerätschaften!

  10. Ursula Mayr:

    Reitgerten und alles andere Folterwerkzeug spielt eine grosse Rolle bei Karl May, vor allem die Nilpferdpeitsche von Hadschi Halef. Unter der Peitsche aufplatzendes Fleisch auch und sonstige Foltertode, der Sadismus und die Homoerotik sind eine starke Unterströmung in seinem Werk, deren Bombardement die Kinder damals subliminal wehrlos ausgesetzt waren. Eines der amüsantesten Bücher über Karl May stammt von Arno Schmidt “ Sitara und der Weg dorthin“ in welchem er diesen Strömungen nachgeht und dabei so manches ans Licht bringt. Sitara war Mays Shangri La.
    Zum Kringeln…
    Vor allem die Landschaften… ständiges Eindringen in dunkel bewaldete senkrechte Felsspalten in denen ein Wässerchen herunterplätschert oder kreisrunde bewaldete Felsenkessel auf deren Boden Giftgase wabern …honi soit….

  11. Michael Engelbrecht:

    Giftgase, hoho… Wunderbar, woran du erinnerst. Das war mal ein Fischer Taschenbuch, glaube ich, von Arno Schmdt. Hätte mir einfallen müssen, als ich die Reitgerte mal in schlichte Zusammenhänge einordnen wollte:)

    Uschi, du bist eine Koryphäe😂

    Eine Reitgerte kann durchaus sehr harmlos und friedfertig im Einsatz sein. Bei Pferden ist sie auch nicht, wie manche Idioten meinen, per se Tierquälerei, und zuweilen nötig, um nicht in gefährliche Situationen zu geraten.

    Meine These ist, dass das ganze Feld von BDSM assoziativ kontaminiert ist von Fällen von echtem Sadismus, Unterdrückung, pathologischen Machtexzessen (von den Nazis bis zu den Pädophilenringen). Man sollte es vielleicht in JSA umbennen: JOYFUL SURRENDER ACTIVITIES.

    Dann ergeht es mir auch nicht mehr so, dass ich, wie gestern passiert, den Tag dieses Artikels als „comment SS“ lese, sondern als comment 55.

  12. Martina Weber:

    Ja, der Sex in Nymph()maniac hat etwas Getriebenes, das alle Sicherungssysteme sprengt. Einmal lässt die Hauptfigur ihr kleines Kind mitten in der Nacht allein zu Hause, um den Mann mit der Reitgerte aufzusuchen. Die Motive klingen in deinem Text schon ganz anders.

  13. Michael Engelbrecht:

    Aber gaaaaaanz anders 🤣

  14. Ursula Mayr:

    Ich bin die Oberkonifere!!

  15. Michael Engelbrecht:

    I bet you are.

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