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Archives: Montag, 9. August 2021

2021 9 Aug.

Michael Stipe wants to make mistakes

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In the early days—and I’m talking about up to “Document,” the first seven years of the band—I saw mystery as a crucial element of seduction. Of creating a desirous image—I don’t even know if that’s a word. Mystery was an important part of it. “Willful obscurity” is the term that was used against me, or the band. But there was a useful obscurity that disappeared around “Document.” And I think, actually, politics is what pulled us away from that. Also, I honed my chops as a lyricist. I wasn’t just reading words that sounded good and that felt emotional and important, which is what “Murmur” is. Don’t try to make sense of it—it’s as obscure as anything by Sigur Rós or Cocteau Twins. But I did have, or I discovered, a knack for words, and then I worked and worked to make it as good as it could be.

[…] “Fables” became like putting together a storybook of characters, pulling from real life but creating these fictive—is that a word?—narratives. It goes from real life to fantastic. I went through a very dark period during “Fables.” A year and a half—really hard. And I came out of that dark period with incredible clarity. Which found its way into “I Believe,” and into “These Days,” really important songs to me. I think they’re beautiful songs. I don’t think they’re the best thing I ever did, but, for me, those songs defined a new way of planting my feet on the ground, folding my arms across my chest, and saying, I am here, I’m not fucking going anywhere, and I’m going to do the best I can. And then I had purpose. I think that was realized and cauterized in “Document.” And it was seven fucking years of Reagan-Bush, at that point, and aids, and a country even more divided and separated—we had no idea how it would become, but, at that time, it was as dire and infuriating as it had ever gotten. But that helped to galvanize an attitude that pushed things out of the idea of mystery, out of the idea of willful obscurity, into the idea of, I want clarity, I want people to know what I’m saying.

And, also, I realized somewhere along the way that, with my voice, I could sing almost anything, and I could make people cry. My singing voice is very powerful. Just the sound of it. And I don’t want to put shit out there that doesn’t have some underlying meaning. If someone’s searching for meaning, they’re gonna find it. And it’s there. And that’s willful—the desire to communicate.

[…] For me, an R.E.M. song was a little like a door opening into culture. A world of references.

Someone who doesn’t listen, and doesn’t care, should be able to sing along to it, if it’s got good riffs—not riffs. . . . What are they called? Hooks. In the car, or when you’re washing the dishes.

 

(from The New Yorker, August 8)

 

„Es gibt eine Menge Musik, die M.E. gefällt, mir aber nicht. Es sind vor allem ereignisarme ambientige Klangflächen, gegen die mein von analytischem Hören geprägtes Immunsystem Antikörper entwickelt hat. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben heißt es, und ich weiß aus Erfahrung, dass man ein Album nicht vor dem Verklingen des letzten Tons in die Tonne werfen darf.“ (HDK)

 


DER SPARGEL IN VOLKACH IM SOMMER

Es war die zweite Hälfte der Siebziger Jahre. Im Würzburger Studentenleben standen Ausflüge in die Gegend der Festung Marienberg hoch im Kurs. Der weite Blick, der Obstwein, die Frauen. Nicht in dieser Reihenfolge. Im Sommer fuhren wir in ein berühmtes Spargellokal, „Zur Sonne“. Wir badeten im Main, an entlegenen Stellen. Es gab noch amerikanische Soldaten, und die T-Bone-Steaks waren noch nicht von den Speisekarten der Nation verschwunden. Es war die Zeit, als reihenweise künftige Klassiker der Musikgeschichte erschienen, zum Beispiel bei ECM, wo der Produzent Manfred Eicher Wegweisendes schuf für die improvisierte Musik. Zum Beispiel in den Studios, in denen sich Brian Eno damals rumtrieb.

 

GENIALER ZUFALL

„Discreet Music“ zählte zu meinen ersten Schallplatten von Brian Eno. Dieses unendlich ruhige Stück, diese allereinfachsten Tonfiguren, diese Wiederkehr des Ewiggleichen, das immer anders klang! Ein Klassiker der Ambient Music, fast zufällig enstanden: es sollte nur  als Klangteppich taugen für Duo-Improvisationen von Fripp und  Eno.  Noch dazu lief es (ich glaube, auch das war ein Versehen, zumindest Spielerei!) in halber Geschwindigkeit. In einer Verkettung heller Momente und glücklicher Umstände erkannte Eno, dass diese Musik sich selbst genügte.

 

PARALLELWELT SCHIMMERNDEN LICHTS

Einmal kam damals eine Fotografin auf mich zu und bat mich, Gedichte zu ihren Bildern zu schreiben, für eine Ausstellung. Im „Cafe Peter“ in Würzburg fand das dann statt, im Kellergeschoss. Helle Wände, die weiträumigen Landschaftsmotive der Fotografin – und  „Discreet Music“ im Hintergrund. Permanent. Ganz leise, wie sonst. Dieses Gegenstück zu Lou Reeds „Metal Machine Music“. Die Besitzerin kam nach Tagen zu mir und sagte, die Musik erzeuge einen kleinen Schwindel in ihrem Kopf, sie verspüre einen seltsamen Sog. Und, ehrlich gesagt, auf Dauer würde sie dabei den Verstand verlieren. Wir reduzierten die Einsatzzeiten. Alles Forcierte ist den Tönen abhanden gekommen, die aus einer Parallelwelt des schimmernden Lichts zu stammen scheinen:  da kam etwas um die erstbeste Ecke gebogen und verschwand irgendwann hinter der nächsten. Kam allerdings noch mal wieder. Und noch einmal. Und verschwand dann. Und kam wieder. Und verschwand. Wie die Fotografin, mir der ich so gern geschlafen hätte, aber stattdessen (jedem seine Emma Peel, once in a lifetime, und, Jungs, Kommaregeln beachten😂), brachte sie mir zehn Kniffe bei, in Notlagen einen Aggressor kurzfristig auszuschalten. 

 

OBSKURE PLATTEN

Und dann dieses Cover: erst sieht man einfach nur etwas Schwarzes, dann erkennt man eine Großstadtarchitektur, von einem Schwarzfilter nah ans Unsichtbare gedrängt. Und so, wie man sich langsam auf die Klänge einschwingt, so gewöhnen sich die Augen auch erst allmählich an das Cover, an die Dinge, die sichtbar werden. Ein kleines Viereck macht sich frei von diesem Filter, und man erkennt dort ein Spur von warm strömendem Tageslicht. Das war der Designer-Trick aller zehn experimentellen Alben, die Brian Eno damals als executive producer bei Obscure Records veröffentlichte. Die Avantgarde stellte sich der Popkultur vor.

 

MELANCHOLIE-HAMMER

Wir wussten es damals nicht, aber bei „Discreet Music“ konnte das Unbewusste üben, wie es ist, wenn Menschen kommen und gehen, kleine Lieben, große Lieben, flüchtige Freunde, gute Bekannte, vertraute Gesichter, kurz aufflackernde Moden, Frauen, die damals Hanne hiessen oder Verena oder Julia. „Discreet Music“ war der sanftese „Melancholie-Hammer“ meiner Studentenzeit. Alles ist flüchtig. Eine Musik, die, wäre sie nicht so schwebend leicht dahergekommen, auch  purer Abgrund sein  könnte. musique noir. Schwarz wie das Cover. Aber das haben wir ja geklärt. „There´s a crack in everything, that´s where the light gets in”.

 

EINE SHORT STORY VOLLER AKUSTISCHER TÄUSCHUNGEN

Wenn wir hier nun im Jahre 2021 sind, und Brian Eno wieder an Songs arbeitet, und sein Interesse daran nicht verliert, könnte ich mir vorstellen, ein Cover eines Leonard Cohen-Songs könnte dort neben all den Originalen einen Platz finden, wie der Song von Lou Reed auf „The Ship“. Aber ich schweife ab. Auf sehr ungewöhnliche Weise kam „Discreet Music“ einmal zum Einsatz, als ich im Bayerischen Wald in einer Fachklinik für Alkohol- und Mediamentenabhängige arbeitete. Und in einer Ortschaft namens Bergeinöden wohnte. Ich werde sie bald mal in aller Ruhe erzählen, tatsächlich eine es eine Geschichte voller akustischer Täuschungen.

 

NACHKLANG 1+2

„Der Inhalt einer Sanduhr in ein Tuch geschüttet. Du kannst die Zeit tragen, wohin du magst. Ihr gebrochenes Herz, wenn die gesammelten Stunden in der Tasche vergessen werden. Die Überlebenden sind sorglos. Manchmal spüren sie ein Staubkorn, das im Auge reibt. Zaghafte Vergänglichkeit.“ (Karl Krolow) 

People  come and go / And  forget to close the door / And leave their stains and cigarette butts / Trampled on the floor / And when they do, remember me, remember me“ (Brian Eno)

 


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