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Archives: Donnerstag, 26. März 2020

2020 26 März

A local ETHNA outburst

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Seit über 60 Jahren ist der Jazzkeller in Hofheim Brennpunkt und Schnittstelle alternativer und anarchistischer Gegenkultur im sonst eher kleinbürgerlichen Vorstadtmilieu. Von hier aus wurde viele Jahre lang das Hofheimer Jazzfestival organisiert, zu dem fast alle Größen des Jazz früher oder später einmal die in den besten Zeiten völlig überfüllte Stadthalle beehrten. Früher in einem alten Gewölbekeller mit einem metertief mit Bier getränkten Lehmboden und zwei winzigen Fenstern wurde er 1991 in einen Lagerkeller am Bahnhof verlegt, was völlig neue technische Möglichkeiten eröffnete. Wie viele wunderbar psychedelische Abende ich dort seit Teeniezeiten verbracht habe vermag ich heute nicht mehr zu sagen, auch weil viele davon dazu beitrugen, wodurch auch immer assistiert, tief in die Gegenwart einzutauchen und mir kaum Gelegenheit ließen sie in ihrer Fülle in meinem Gedächtnis überhaupt abspeichern zu können.

 

 

 

 

Neulich treffe ich beim Einkaufen Thomas Zöller, der hier vor Jahren die Dudelsackakademie gegründet hat, der mir von einem neuen Projekt erzählte. Fusion und Improvisation im Jazzkeller. Neugierig fand ich mich ein paar Abende später in vertrauten Gefilden ein, um mich überraschen zu lassen, denn bislang gefielen mir seine interkulturellen Musikprojekte immer sehr. Dieses mal war ich aber nur sehr unzureichend darauf gefasst, was mich in den kommenden anderthalb Stunden packen und herumwirbeln sollte. 9 Musiker auf der winzigen Bühne, alle mit Instrumenten, die im mittleren Frequenzbereich ein hohes Überschneidungspotenzial haben. Und schon durchbrach ein schottischer Dudelsack das wartende Geraune des Publikums. Eine Drehleier stieg ein, eine traditionelle Folkmelodie. Aber halt, was war das? Wie eine Vulkaneruption setzte die restliche Band ein und was gerade noch traditionell klang war auf einmal eine wilde Mischung aus Funk, Jazz, Elektro und Folk. Nahtlos die Übergänge, gnadenlos die Sprünge, wild der Drive, der Overdrive zwischen Bombarde, Bass und Schlagzeug. Kaum zu fassen, wie nah sich die die verschiedenen Stilrichtungen dieser bizarren Mixtur kommen, miteinander verschmelzen um Sekunden später über die Schönheit eines weiteren musikalischen Spagats zu tanzen. Alles improvisiert spielen die Musiker sich die Bälle zu, die genauso wild tanzen, wie inzwischen das Publikum. Funky licks manche traditionellen Melodien so verfremden, bis alles in einer Kernschmelze des Ungehörten fusionieren kann und dazwischen eine Drehleierspielerin, die aus ihrem elektrischen Instrument mehr rausholt, als es vielen routinierten E-Gitarristen in ihrer Laufbahn je gelingen sollte. Ekstatisch und musikalisch zwischen allen Stühlen (die dann ohnehin nur im Weg herumstünden), eine brodelnde Panazee gegen alltägliche Übervernunft und nebulöses Untollsein! Ecstatic outbursts: Ethna.

 

 

2020 26 März

Marquard in the Morning

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Odo Marquard hatte Humor. Viele andere Philosophen und Geisteswissenschaftler jeglicher Couleur verwiesen auf ihn, ähnlich wie sie es ja auch mit Martin Heidegger handhabten oder mit Theodor Adorno. Also begann unsereins seine Bücher zu sammeln in jener Zeit, als sich die Geschichte der Philosophie auf wundersame Weise als ein gangbarer Weg und bereicherndes Weg eröffnete, im Sinne legitimer Fluchten aus banalem Alltagsleben und ebenso festgefahrener Identität. Der Schreibstil war markant, geradezu urig, und er vertrat eine „endlichkeits-philosophische Skepsis“ – und zwar „ohne missionarischen Eifer“. Just heute Morgen: die Sonnenstrahlen fielen durch die Jalousie in einen Raum des besinnlichen Rückzuges (be sure to keep a distance) und ein gelbes Buchcover aus dem Hause Reclam lachte einen an. Auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite überschrieben mit der Frage „Wie politisch muss ein Schriftsteller sein?“ war zu lesen:

 

„Menschen – schrieb Aristoteles- – sind politische Lebewesen. Schriftsteller sind Menschen. Also sind Schriftsteller politische Lebewesen. Sie können und müssen darum politisch sein wie alle Menschen und zwar – meine ich – nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle Menschen.“

(OM, Skepsis in der Moderne)

2020 26 März

Bill

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Lieber Michael, liebe Blogger,

danke für deine Besprechung von Enos neuem Album. Ich werde mir richtig Zeit dafür nehmen. In den letzten zwei Wochen war ich im Dauerhören von Bill Callahans neuen Songs. Und schon beim flüchtigen Anhören von YTI⅃AƎЯ wird jedes Gefühl der Begrenzung zu Recht aufgelöst. Wahrscheinlich ähnlich (aber anders 😉 als bei Eno). Mit dieser Platte schafft Bill eine neue Sammlung von kleinen Mythen, einen oft wilden und genreübergreifenden Blick auf die schrecklichen, freudigen und einfach nur seltsamen Dinge, die sich uns in jedem Moment bieten. Diese Geschichten sind mit seiner eigenen, unnachahmlichen Sichtweise durchsetzt, einer Mischung aus flüchtiger Ehrfurcht, gemessenem Zorn, schrägem Humor und natürlichem Staunen.

Peace, Joshua!

 


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