Manafonistas

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Archives: Samstag, 30. November 2019

DER ORT
 

Ich wohne ungefähr 1 Meile entfernt von der bayrisch-thüringischen Grenze. Es ist nicht weit bis nach Sonneberg, dem nächstgelegenen Ort an der Jazzmeile Thüringen. An dieser langgestreckten Meile liegen die Städte Erfurt, Weimar, Jena und noch ein paar mehr.

Der 22. November, ein Freitag, war ein sonniger Tag, ein guter Tag für einen Ausflug, selbst wenn man sich kein besonderes Ziel vorgenommen hatte. Wir hatten ein Ziel, fuhren bei Sonnenhöchststand los und erreichten es gegen 3 Uhr nachmittags.

 
 


     
 
 
 

Das Gebäude, vor dem wir stehen – es ist das ehemalige Empfangsgebäude des Saalbahnhofs und heißt jetzt Kulturbahnhof – gehört zu den Kulturdenkmalen Jenas. Kaum zu glauben. Das hat der Palast der Republik nicht geschafft (2004 fand nach dem Beschluss des Berliner Senates zum Abriss des Palastes der Republik ein Konzert der Band Einstürzende Neubauten statt). Wie konnte der SaalKulturBahnhof zum Denkmal avancieren? Vermutlich liegt es an seinen inneren Werten. Betritt man die Eingangshalle des 1965 eingeweihten, nach einer Bauhaus-Konzeption errichteten Gebäudes, fällt rechter Hand ein aus Aluminiumbändern gefertigtes Wandbild auf. Erstaunt bin ich, dass es nicht den Arbeiter- und Bauernstaat zelebriert, sondern Jena würdigt als Universitätsstadt, als Ort in dem schon im 19. Jahrhundert technische Produkte von Weltruf entwickelt wurden: Carl Zeiss’ Nah- und Fernrohre (Mikroskope und Teleskope) und das hitzebeständige Glas Otto Schotts, später bekannt geworden als Jenaer Glas.

Mein Mädel und ich haben den Kulturbahnhof gesucht, weil er ein Knotenpunkt der thüringer Jazzmeile ist. Bis zum Beginn der Ritual Groove Music waren es noch ein paar Stunden und da es nicht weit ist bis zur Innenstadt, schlenderten wir die Sophienstraße entlang, in welcher schöne alte Gebäude offenbar bewohnt sind. Die Sophienstraße ist nicht zur Shopping Promenade mutiert. Auf dem Weg zurück zum Kulturbahnhof kehren wir ein im Sophienstübl, wo man zu günstigen Preisen köstliche einfache Mahlzeiten und frisches Bier aus der regionalen Rosenbrauerei serviert bekommt.

 
 


 
 
 

Im Kulturbahnhof ist über dem Eingang ein Lichtspiel, das den Weg weist, das Magisches verspricht – alles aus einem Hut … Treten wir ein. Ein Ambiente nach meinem Geschmack. Eine ganz spezielle Clubatmosphäre, an der Rückwand ein Tresen wo Getränke angeboten werden, eine Fläche, die den halben Zuschauerraum einnimmt für Stehende oder Tanzende. Vor der kleinen Bühne gibt es fünf oder sechs Stuhlreihen mit rund 50 Sitzplätzen für frühzeitig Kommende. Aber lassen wir zwei Bilder sprechen, zu deren Verwendung für den Manafonistas-Blog die Fotografin Tina Peißker mir die Erlaubnis erteilt hat (die komplette Bilderserie kann man hier betrachten). Vielen Dank!

 
 


     
 
 
 

Der Raum wirkt einladend. Er strahlt nicht die exklusive elitäre Kühle der Elbphilharmonie aus. Den Kulturbahnhof besuchen bestimmt keine „Saaltouristen“ sondern Menschen, die neugierig sind auf etwas Neues, und Leute welche die auftretende Band kennen und live hören wollen.

 
DIE MUSIK
 

Jede Musik braucht den zu ihr passenden Raum, und zwar aus verschiedenen Gründen, unter denen raumakustische Aspekte für mich die wichtigsten sind. Wir saßen in der ersten Reihe. Von den Instrumenten, besonders von den Reeds und vom Drum Set nimmt man viel Direktschall wahr – die reine Freude! Becken und Cymbals klingen fein und gar nicht schrill. Die Sounds der Trommeln kommen trocken und wuchtig ans Ohr, die Töne von Saxophon und Bassklarinette ertönen natürlich.

Als ich RONIN zum ersten Mal von CD hörte, war ich sofort fasziniert von der einzigartigen Mixtur. Die Musik ist verführerisch klangsinnlich, vor allem durch Nik Bärtschs Klavierspiel. Durch allerei Manipulationen im Inneren des Flügels zaubert er magische Klänge „aus dem Hut“. Die Musik kann animalisch grooven, man kann dann den Körper kaum ruhig halten. Die Musik führt mich oft freundlich in die Irre: hat man sich einem Puls aus dem repetitiven Rhythmusgeflecht ergeben, kann es passieren, dass man bald auf dem falschen Fuß erwischt wird. Und dann fängt – jedenfalls bei mir – der Verstand an zu forschen: wo verflixt nochmal steckt die Raffinesse in diesen subtilen, manchmal drastischen Verschiebungen?

NEW CONCEPTS OF ARTISTRY IN RHYTHM

RONIN hat ein ganz spezielles rhythmisches Konzept erfunden, das ich gerne einer Reihe anderer bzw. andersartiger Konzeptionen anfügen möchte:

 
– Igor Stravinsky, Sacre du Printemps
– Conlon Nancarrow, Studies for Player Piano
– Steve Reich, Methode des phase shiftings in Come Out, Piano Phase, Drumming etc.
– Jazz, das Prinzip des swings
 

Auf einem Tisch, wo CDs der Band feil geboten wurden, lag ein Exemplar der Score des Albums Llyrìa. Die Partitur habe ich erworben, denn selbst intensives Belauschen enthüllt nicht die Geheimnisse dieser Rhythmik. Wer neugierig darauf ist, möge bitte hier weiterlesen.

NEW CONCEPTS OF BAND LIFE

Mir scheint, RONIN befolgt nicht nur ein spezifisches Rhythmuskonzept, sondern auch ein besonderes Konzept des Band Life’s. Am Ende des Recitals erfährt man, dass RONIN (fast) jeden Montag in Zürich im Club EXIL spielt. Details findet man hier. Bestimmt dienen diese Auftritte der Verinnerlichung des Repertoires, das ja irgendwann im nicht-öffentlichen Rahmen erarbeitet und geübt werden musste.

Würde ich in der Nähe Zürichs wohnen, besuchte ich bestimmt einige der Montagskonzerte. Nun habe ich das 782. Montagskonzert vom 25. November 2019 tatsächlich live erlebt. Wie das? Es liegt daran, dass ich meine Ausflüge gerne noch einmal nachreise im virtuellen Raum, wo man große Abstecher bis in entlegene Nischen machen kann. Auf diese Weise habe ich von einem kostenpflichtigen Schweizer Streamingportal erfahren, das diese Montagskonzerte anbietet und recht lange Zeit im Archiv behält. Auch RONINS Auftritt in der Elbphilharmonie ist dort aufbewahrt. Ich habe ein Probeabo gebucht. Kein Wunder, denn das KuBa-Konzert ist eines der am stärksten nachwirkenden, die ich je erlebt habe.

 

 
 
 
I first ignored this book for cost reasons ($75!) and because I thought it would only be an addition to Laurie Anderson’s album Landfall with Kronos Quartet (see here). But when I found a used copy for less than half the amount, I couldn’t resist.

And I was wrong; this book has much more to offer than just Landfall. „All the Things I Lost in the Flood“ (left: book cover, right: slipcase) is Laurie’s personal retrospective — not on all her works (that would be too much), but on many of them. As the subtitle says: „Essays on Pictures, Language and Code“. She lost a lot of things when her basement got flooded, but she doesn’t whine after them, she takes the misfortune as an opportunity to look back, sometimes with a touch of irony, sometimes with a touch of melancholy, usually not deadly serious. She offers views on her life and family background and her start as an artist, and what we get here is more than Roselee Goldberg’s Anderson biography from 2000 had to offer. Laurie speaks about the first-person narrative in her performances which, as she puts it, might be personal but never private. We hear about some important collaborators without whom she wouldn’t have been able to design and assemble several of her technical works — like sound designer and technician Bob Bielecki who built several of Laurie’s modified violins and other stage gadgets, the Headphone Table (1978) or the Talking Statues; or Hsin-Chien Huang who collaborated for the interactive virtual room installation Aloft (2017). She talks about how and why she uses projections and stage gadgets.

Every chapter starts with a short text in a computerized phonetic alphabet Laurie developed herself. She writes about and documents not only the works itself in essays and pictures, she also gives some information about their making, sometimes spiced up with nice little anecdotes. In one of her earliest performances, Duets On Ice (1975), she played a modified violin while her shoes where frozen into two blocks of ice; the performance ended when the ice was molten away. She performed this at some public places in a couple of Italian cities. An Italian guy obviously traveled after her and was always present at her appearences and unaskedly and rich in gesture explained to the (usually small) audience what she was doing and why she probably did it. Must have been an early fan.

She tells how at the Nova Convention in 1978 she met William S. Burroughs who, with his unforgettable voice, later appeared in „Sharkey’s Night“ on her album Mister Heartbreak. A sample from this track (the lines „listen to my heartbeat“) were transformed into a tune in the film Home Of The Brave (where she also slow dances with him across the stage). Alas, she does not tell us why this film was never released on DVD although it was announced. However, on Youtube you can watch a full version, technically perfect because obviously taken from the laser disc. The Nova Convention was also the place where Laurie discoverd the harmonizer which she used to transfer her voice into a sort of male voice, „the voice of authority“, as she calls it. Later, Lou Reed gave this character the name „Fenway Bergamot“. Other parts of the book are about the „United States“ performance, her works as artist in residence at NASA, her latest film Heart Of A Dog.

I have to admit that not everything Laurie did becomes completely clear to me, but that might be my problem. Her concerts for dogs, to name an example, doesn’t make much sense to me. But obviously it was her beloved rat terrier Lolabelle who put this idea into her brain. Laurie’s increasing connection to Buddhism is a permanent companion in the book. In the end, after the passing of Lolabelle, in the chapter „Time To Go“, she fills several pages with chalk drawings of her dog’s way through all stations of the Bardo (a topic she dealt with earlier already, see here).

The book, it has to be said, is physically heavy and formatted in square, which makes it unpleasant to hold; the text in small print makes it even worse … well, you can’t have it all. The best idea probably would be to put it on a table to read it. It’s a very nice book, 320 pages, I enjoyed it, and probably it would also make a great Christmas gift, in case you still need one.

 

Laurie Anderson
All the Things I Lost in the Flood
Rizzoli Electra, 2018
ISBN-10: 9780847860555
ISBN-13: 978-0847860555


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