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Archives: Nik Bärtsch

DER ORT
 

Ich wohne ungefähr 1 Meile entfernt von der bayrisch-thüringischen Grenze. Es ist nicht weit bis nach Sonneberg, dem nächstgelegenen Ort an der Jazzmeile Thüringen. An dieser langgestreckten Meile liegen die Städte Erfurt, Weimar, Jena und noch ein paar mehr.

Der 22. November, ein Freitag, war ein sonniger Tag, ein guter Tag für einen Ausflug, selbst wenn man sich kein besonderes Ziel vorgenommen hatte. Wir hatten ein Ziel, fuhren bei Sonnenhöchststand los und erreichten es gegen 3 Uhr nachmittags.

 
 


     
 
 
 

Das Gebäude, vor dem wir stehen – es ist das ehemalige Empfangsgebäude des Saalbahnhofs und heißt jetzt Kulturbahnhof – gehört zu den Kulturdenkmalen Jenas. Kaum zu glauben. Das hat der Palast der Republik nicht geschafft (2004 fand nach dem Beschluss des Berliner Senates zum Abriss des Palastes der Republik ein Konzert der Band Einstürzende Neubauten statt). Wie konnte der SaalKulturBahnhof zum Denkmal avancieren? Vermutlich liegt es an seinen inneren Werten. Betritt man die Eingangshalle des 1965 eingeweihten, nach einer Bauhaus-Konzeption errichteten Gebäudes, fällt rechter Hand ein aus Aluminiumbändern gefertigtes Wandbild auf. Erstaunt bin ich, dass es nicht den Arbeiter- und Bauernstaat zelebriert, sondern Jena würdigt als Universitätsstadt, als Ort in dem schon im 19. Jahrhundert technische Produkte von Weltruf entwickelt wurden: Carl Zeiss’ Nah- und Fernrohre (Mikroskope und Teleskope) und das hitzebeständige Glas Otto Schotts, später bekannt geworden als Jenaer Glas.

Mein Mädel und ich haben den Kulturbahnhof gesucht, weil er ein Knotenpunkt der thüringer Jazzmeile ist. Bis zum Beginn der Ritual Groove Music waren es noch ein paar Stunden und da es nicht weit ist bis zur Innenstadt, schlenderten wir die Sophienstraße entlang, in welcher schöne alte Gebäude offenbar bewohnt sind. Die Sophienstraße ist nicht zur Shopping Promenade mutiert. Auf dem Weg zurück zum Kulturbahnhof kehren wir ein im Sophienstübl, wo man zu günstigen Preisen köstliche einfache Mahlzeiten und frisches Bier aus der regionalen Rosenbrauerei serviert bekommt.

 
 


 
 
 

Im Kulturbahnhof ist über dem Eingang ein Lichtspiel, das den Weg weist, das Magisches verspricht – alles aus einem Hut … Treten wir ein. Ein Ambiente nach meinem Geschmack. Eine ganz spezielle Clubatmosphäre, an der Rückwand ein Tresen wo Getränke angeboten werden, eine Fläche, die den halben Zuschauerraum einnimmt für Stehende oder Tanzende. Vor der kleinen Bühne gibt es fünf oder sechs Stuhlreihen mit rund 50 Sitzplätzen für frühzeitig Kommende. Aber lassen wir zwei Bilder sprechen, zu deren Verwendung für den Manafonistas-Blog die Fotografin Tina Peißker mir die Erlaubnis erteilt hat (die komplette Bilderserie kann man hier betrachten). Vielen Dank!

 
 


     
 
 
 

Der Raum wirkt einladend. Er strahlt nicht die exklusive elitäre Kühle der Elbphilharmonie aus. Den Kulturbahnhof besuchen bestimmt keine „Saaltouristen“ sondern Menschen, die neugierig sind auf etwas Neues, und Leute welche die auftretende Band kennen und live hören wollen.

 
DIE MUSIK
 

Jede Musik braucht den zu ihr passenden Raum, und zwar aus verschiedenen Gründen, unter denen raumakustische Aspekte für mich die wichtigsten sind. Wir saßen in der ersten Reihe. Von den Instrumenten, besonders von den Reeds und vom Drum Set nimmt man viel Direktschall wahr – die reine Freude! Becken und Cymbals klingen fein und gar nicht schrill. Die Sounds der Trommeln kommen trocken und wuchtig ans Ohr, die Töne von Saxophon und Bassklarinette ertönen natürlich.

Als ich RONIN zum ersten Mal von CD hörte, war ich sofort fasziniert von der einzigartigen Mixtur. Die Musik ist verführerisch klangsinnlich, vor allem durch Nik Bärtschs Klavierspiel. Durch allerei Manipulationen im Inneren des Flügels zaubert er magische Klänge „aus dem Hut“. Die Musik kann animalisch grooven, man kann dann den Körper kaum ruhig halten. Die Musik führt mich oft freundlich in die Irre: hat man sich einem Puls aus dem repetitiven Rhythmusgeflecht ergeben, kann es passieren, dass man bald auf dem falschen Fuß erwischt wird. Und dann fängt – jedenfalls bei mir – der Verstand an zu forschen: wo verflixt nochmal steckt die Raffinesse in diesen subtilen, manchmal drastischen Verschiebungen?

NEW CONCEPTS OF ARTISTRY IN RHYTHM

RONIN hat ein ganz spezielles rhythmisches Konzept erfunden, das ich gerne einer Reihe anderer bzw. andersartiger Konzeptionen anfügen möchte:

 
– Igor Stravinsky, Sacre du Printemps
– Conlon Nancarrow, Studies for Player Piano
– Steve Reich, Methode des phase shiftings in Come Out, Piano Phase, Drumming etc.
– Jazz, das Prinzip des swings
 

Auf einem Tisch, wo CDs der Band feil geboten wurden, lag ein Exemplar der Score des Albums Llyrìa. Die Partitur habe ich erworben, denn selbst intensives Belauschen enthüllt nicht die Geheimnisse dieser Rhythmik. Wer neugierig darauf ist, möge bitte hier weiterlesen.

NEW CONCEPTS OF BAND LIFE

Mir scheint, RONIN befolgt nicht nur ein spezifisches Rhythmuskonzept, sondern auch ein besonderes Konzept des Band Life’s. Am Ende des Recitals erfährt man, dass RONIN (fast) jeden Montag in Zürich im Club EXIL spielt. Details findet man hier. Bestimmt dienen diese Auftritte der Verinnerlichung des Repertoires, das ja irgendwann im nicht-öffentlichen Rahmen erarbeitet und geübt werden musste.

Würde ich in der Nähe Zürichs wohnen, besuchte ich bestimmt einige der Montagskonzerte. Nun habe ich das 782. Montagskonzert vom 25. November 2019 tatsächlich live erlebt. Wie das? Es liegt daran, dass ich meine Ausflüge gerne noch einmal nachreise im virtuellen Raum, wo man große Abstecher bis in entlegene Nischen machen kann. Auf diese Weise habe ich von einem kostenpflichtigen Schweizer Streamingportal erfahren, das diese Montagskonzerte anbietet und recht lange Zeit im Archiv behält. Auch RONINS Auftritt in der Elbphilharmonie ist dort aufbewahrt. Ich habe ein Probeabo gebucht. Kein Wunder, denn das KuBa-Konzert ist eines der am stärksten nachwirkenden, die ich je erlebt habe.

2012 20 Okt

Nik Bärtsch´s Ronin – Live

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Wozu solche Musik gut sei, fragte mal einer hinsichtlich dessen, was oft als „Zen-Funk“ tituliert wird und seinen Ursprung hat im Land, wo Präzisionsmechanik Grundlage ist für richtiges Timing: in der Schweiz.

„Ein gutes Kunstwerk will nichts!“ wäre eine Antwort auf obige Frage. Musik wie diese behutsam ausgesuchte Zusammenstellung von Live-Mitschnitten der Gruppe Ronin um den Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch lebt und atmet aus sich selbst heraus.

Der Covertext des Bandleaders besagt, Ronin habe sich immer, von Beginn an als eine Live-Band verstanden, auch wenn die ausgeklügelten Studioalben mit ihren als Module bezeichneten Songs etwas anderes vermuten liessen. Beim Genuß dieses vitalen Albums gerät man zunehmend in einen Sog – man möchte diese Musik immer wieder hören, denn sie wirkt als ein Appetizer, der angenehm unangestrengt daherkommt.

Auch als eine ECM-Produktion ist dies auf wohltuende Weise völlig melancholiefreie Musik – in der dafür die Zen-Funken nur so sprühen. Yin und Yang heisst hier: das Gefühlvolle trifft zuweilen auf recht rabiate Krach- und Kraftexplosionen – alles bleibt aber im Rahmen einer disziplinierten und konzentrierten Vorgehensweise. Ronin sind tüftelnde Teamworker und der Reiz ihrer Stücke besteht im Zusammenspiel vielfältiger perkussiver Elemente.

So ist dies Album rundum positiv zu bewerten – allerdings mit einer kleinen Ausnahme und darausfolgender Bitte an die Design-Abteilung einer Münchener Plattenfirma: man möge doch bitte Abstand nehmen von diesen schwarzmonochromen und meist reizlos monotonen Coverbildern. Es müssen ja nicht gleich wieder Sonnenuntergänge sein – aber zuviel corporate identity ist langweilig.

Man erkennt den Stil der Schweizer schnell, aber man kommt gewiss nicht schnell hinter ihre diversen Betriebsgeheimnisse. Sonst würde man jede ihrer Kompositionen, die bei ihnen Module heissen, durchschauen, das Strohfeuer der Virtuosität wäre flugs erloschen, der Kaffee (bei Ronin eher der grüne Tee) bald kalt. Nach ihrem bislang besten Studioalbum bieten sie nun ein Live-Dokument an, das einmal mehr in den Sog dieser raffiniert verzahnten Texturen lockt. Ein Hauch von Jazz. Subtile Einflüsse aus Klassik und ethnischer Musik, und eine Extra-Klangspur „minimal music“. Was zum starren Korsett werden könnte, bleibt luftig, und atmet. Im Live-Spiel gibt es, mehr als im Studio, Passagen, in denen die Musik auf die Spitze getrieben wird, und die Module kurz vorm Kollaps zu stehen scheinen. Solche Momente der Ekstase wurden schon mal, wie Nik Bärtsch im Begleittext schreibt, vom Jaulen eines Hundes in einem Underground Club auf den Weg gebracht, als eine Art Aufschrei zur rechten Zeit. Wer sich dieses Doppelalbum auf der heimischen Couch zu Gemüte führt, wird den Hund gut verstehen, und immer wieder mal versucht sein, zu jauchzen, und aufzuschreien.


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