Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2018 26 Nov

Wanderungen im Konzertsaal

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | 3 Kommentare

Ein Besuch der Stadt Hamburg ist ja immer eine Reise wert, zumal man erstmals mit dem Rad vom Ruhepol des riesenhaften Ohlsdorfer Friedhof aus Erkundungen in verkehrsreichere Zonen unternahm. Um ein leicht skandalträchtiges Vorkommnis zu schildern, möchte ich zeitlich zunächst zurückgreifen: ein Höhepunkt meiner Karriere als Konzertbesucher war zweifelsohne jener sagenhafte Abend mit João Bosco und Arto Lindsay, der seinerzeit im Raschplatz Pavillon zu Hannover beglückte. Beide Musiker sind Sänger und Komponisten, in Brasilien geboren oder dort aufgewachsen. Beide sind Gitarristen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wo der eine hochversiert der Konzertgitarre Bossa Nova, Fusion und sogar Klassiktöne entlockt und dabei die afrikanischen Wurzeln brasilianischer Musik in Rhythmus und Stimme betont, hat der andere die Kunst, nicht wirklich Gitarre spielen zu können, in erhaben avantgardistische Höhen getrieben: delicious crispy splittertones.

Bosco trat im Trio auf, begleitet von E-Gitarre und Bass. Er selbst sang, lautstark begleitet von etwa hundert patriotischen Brasilianern im Publikum, gerade so, als seien seine Lieder Gassenhauer. Als nun Arto Lindsay mit seiner Band auftrat, fand ein akustischer Szenenwechsel statt, wie er lautstärker und kontrastreicher nicht sein konnte. Sogleich machte sich diese heimatverbundene Hundertschaft auf, um geschlossen Richtung Ausgang zu marschieren. „Das merke ich mir, von jetzt an haben die bei mir verspielt. Sentimentale Ignoranten!“ meinte ein Freund und Kenner der Materie – unvergessen auch sein Spruch, wenig würde ihn noch begeistern, zuviel hätte er schon gesehen und gehört, aber ein Konzert mit Arto Lindsay würde ihn noch bei vierzig Grad Fieber hinter dem Ofen hervorlocken. „Erst einem das Konzert vermiesen und dann den freieren Formen von Musik im Affront begegnen!“ Unsereins war ebenso pikiert und nennt dieses befremdliche Geschehen seitdem für sich im Stillen „die brasilianische Krötenwanderung“.

In der Elbphilharmonie spielten nun im November Nik Bärtsch und Vijay Iyer mit ihren jeweiligen Ensembles, im Rahmen der kommenden Jubiläumsfeier des Plattenlabels ECM, dem ja beide angehören: „We are proud to be members of the ECM family.“ Der Schweizer mit seinem Quartett Ronin fand zunächst durchaus Anklang bei einem Publikum, das großenteils aus älteren Herrschaften bestand, die als Pauschaltouristen in Bussen kamen, um die „Elphi“ zu besuchen und sich den Bärtsch zwar noch gefallen liessen, bei Vijay Iyer und seinem Sextett aber massenhaft die Saalflucht ergriffen. Dies störte ungemein. Auch wenn einem die Stücke des Albums Far From Over etwas kühl, konzeptionell und emotionslos erschienen, so wollte man doch dieses Jazzereignis feiern, das Anklänge bot an Bitches Brew, Sun Ra und McCoy Tyner. Hernach war auch in der Presse einiges zu lesen zu diesem Vorfall, man sprach von Beschämung und Skandal. So kam es also, dass meine „Krötenwanderung“ von einst nun in neuen Licht erschien. Wäre man bei Helene Fischer auch vorzeitig gegangen? Wohl kaum, denn aus Versehen hätte sich da keiner hingetraut.

 
 
 


 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 26. November 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Olaf:

    Ich war an dem Abend auch in der Elbphilharmonie und habe es ähnlich erlebt.

    Das Vijay Iyer Sextett war gerade am Anfang sehr skizzenhaft, durcheinander. Danach fanden die Musiker mehr zueinander, aber: genug Energie vom Publikum haben sie dabei nicht zurück bekommen, ganz im Gegenteil. Genau: Krötenwanderung – da gingen ja die ganze Zeit welche. Magie entstand nicht – wie auch?

    Bei Ronin war die durchaus vorhanden. Ein Symphoniekonzert hätten die Saaltouristen wohl nicht verlassen … Aber ich frage mich auch, wo auf der Welt gut 2000 Menschen Jazz in der Tradition von Bitches Brew und Sun Ra hören. So endete ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut hatte, etwas zwiespältig.

  2. Lajla Nizinski:

    Vielleicht sollten die Organisatoren der Elbphilharmonie an die Idee von Henri Nannen erinnert werden. Er ließ Ende der 80er Busse voll mit Menschen aus dem Emdener Umland in sein Museum karren mit dem Versprechen von freiem Eintritt und obendrein Kaffee und Kuchen. Als ich in dieser Zeit das Museum in Emden besuchte, saßen die Museumsbesucher vergnügt bei Tische und der Kunstgeniesser hatte die Räume für sich.

    Olaf, als Sun Ra auf dem Moerser Jazzfest spielte, verließ keiner das Zelt.

  3. Rosato:

    es wächst nicht zusammen, was nicht zusammen gehört


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