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Archives: Freitag, 15. Februar 2019

 

VORSPIEL – „Als Gusti den Tod Sallys erfuhr – im Sommer 1980 –, saß er in der Bar des einzigen Hotels am Toten Meer, einem in die Steinwüste geworfenen Fertigbau aus Zementplatten, der entweder nie fertig geworden war oder schon wieder zerfiel.“

 

1 – Der Deal des Lebens

 

Ohne Zweifel schlummern zuviele Meisterstücke deutschsprachiger Literatur in Archiven, oder sind mittlerweile als Papiermüll recycelt worden, vor allem solche, die einen gehörigen Sinn für Phantastik verraten, und jedem common sense zuwiderlaufen. So mancher Autor strebt nach Zeitlosigkeit, doch ist dies ein hehres Gut, das masslos überschätzt wird. Wer die Wahl hätte, in den Geschichtsbüchern oder in einem Grab zu landen, wäre ja wohl töricht, nicht in den Deal des Lebens einzuschlagen und sich in einen Highlander zu verwandeln. Aber wie herrlich ist es, auch als Normalsterblicher all den Zeitgeistern und ihren schnalzenden Zungen zu entkommen, und im Reich der unerschöpflichen Fantasie zu verweilen!

 

2 – Aus den Gräbern des Vergessens

 

Man bedenke, und könnte sich jedes vergangene Jahrzehnt herauspicken, was für ein unerträglicher Blöd- und Grausinn saisonweise verlobhudelt wird, mein liebstes Beispiel dafür ist „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, ein Machwerk mit einem hinreissenden Titel und einer hirnrissigen Geschichte, von einem trostlosen Gesellen, der halbtot durch die Grosstadt geistert und dann noch zum Killer mutiert. Als Heilmittel für solchen Quatsch mögen einige der folgenden Werke, nach denen nur selten noch gefragt wird, zurück ins Licht geholt werden – ihre Magie ist ungebrochen. Wie sang doch einst Friederike M. ihr Loblied auf H.C. Artmann, oder flüsterte sie nur?

 

NACHSPIEL – „er hat wasserblaue augen immer noch, kann schoen fabulieren, sitzt vor seiner lesung in der hotelhalle, schluerft kamillentee, wird von ehrfuerchtigen juengern umringt, faehrt moped (meist ueberland), will den knochenschmerz nicht wahrnehmen. ist der juengste von uns allen geblieben, die wir damals in den fernen fuenfzigerjahren begonnen hatten, die neue poesie fuer uns und die welt wiederzuentdecken. ohne ende seine stolze feuerkunst moege verzaubern.“

 
 
 

 
 
 

Ernst Kreuder Die Gesellschaft vom Dachboden

H.C. Artmann: Grammatik der Rosen (Die volle Dröhnung)

Ernst Augustin: Der amerikanische Traum 

Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Brigitte Kronauer: Teufelsbrück

Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später. 49 Ausschweifungen

Urs Widmer: Der Kongress der Paläolepidepterologen

Hartmut Geerken: Obduktionsprotokoll

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

 

Die Taten von Lukic und seiner paramilitärischen Einheit wurden nicht erst durch die Ermittlungen des Haager Kriegsverbrechertribunals bekannt. Sie sind, basierend auf Zeugenaussagen, bereits der Gegenstand des von Handke kritisierten Artikels gewesen. Es handelt sich um eine Reportage des Journalisten Chris Hedges (Foto), die am 25. März 1996 in der „New York Times“ erschienen ist.

 
 
 

 
 
 

Im Gegensatz zu Handkes Unterstellung nennt Hedges den vollen Namen, die Herkunft und den Aufenthaltsort der meisten seiner Gesprächspartner, und er nennt auch den Namen von Milan Lukic. Zu den von Hedges befragten Personen gehört eine traumatisierte Frau, die mitansehen musste, wie Lukic und seine Männer ihre Mutter und ihre Schwester erschossen und lachend in den Fluss warfen. Handkes Erzähler will von alledem nicht wissen und spottet über den „Schlussabsatz des nach Visegrad hinter die bosnischen Berge geheuerten Manhattan-Journalisten, worin er eine aus ihrer Stadt geflüchtete Zeugin, nächtens dabeigewesen beim Hinabgestoßenwerden von Mutter und Schwester von der Brücke, Tennessee-Williams-haft sagen lässt: The bridge. The bridge. The bridge.“

Handkes Erzähler, der die Tatsache leugnet, dass es die Massaker von Visegrad gegeben hat, trifft mit seiner Invektive nicht nur den Journalisten, der aufgrund seiner Recherchen zu einem anderen Ergebnis als Handke kommt. Seine Aussage über die „Tennessee-Williams-hafte“ Sprache trifft durch den Journalisten hindurch auch das Opfer, dem nicht nur Mutter und Schwester genommen wurden, sondern auch – durch Handke – die Möglichkeit, das real erfahrene Leid zu artikulieren.

Doch das ist nicht alles. Handkes Erzählung ist noch nicht zu Ende. Am nächsten Morgen taucht der Erzähler – es ist ein schwüler Tag – in den Fluten der Drina unter und kommentiert diesen Vorgang wie folgt: „Kein Wasser, siehe die Wasserleichengeschichten, in den Mund kommen lassen!“ Handke macht sich über die Opfer lustig, er verhöhnt sie. Und das ist wohl das Schlimmste, was man über einen Autor sagen kann, der ausgezogen ist, um mit den Mitteln der literarischen und poetischen Sprache Frieden zu stiften und zur Versöhnung der Völker beizutragen.

(Jürgen Brokoff, FAZ, 2010)

 

 

Das ist nur ein Ausschnitt eines sehr langen Artikels. Als ich ihn damals las, brachte er das Fass endgültig zum Überlaufen. Ich entsorgte alle Handke-Bücher im Müll, und staune nach wie vor, wie man jemanden, dessen Blickwinkel auf die Ereignisse damals so dreckverzerrt und menschenverachtend war, und das über Jahre hinweg, z. B. auf seinen Scheisspilzforschungen begleiten kann. Handke ist tatsächlich von der Vorstellung besessen, das poetische Wort könne zur Wahrheit durchdringen, während die „Meinungsmenschen“ sich von oberflächlichen Indizien ernähren, und diese sensationssüchtig unters Volk bringen würden. In der Art, wie der Österreicher historische Fakten permanent verzerrte und der Unglaubwürdigkeit preisgab und schlicht leugnete, steht er in einer erbärmlichen Reihe all jener, die politsche Wahrheiten und die Aufdeckung von Verbrechen als „fake news“ kompromittieren wollen, von Trump bis Infantino. Die Rollen in Jürgen Brokoffs genau recherchiertem Text sind klar verteilt: Chris Hedges ist der Chronist der Ereignisse, Milan Lukic der Mörder, und Peter Handke sein Geschichte fälschender Feld-, Wald- und Wiesendichter, oder, schlichter gesagt, eine erbärmliche Figur. (m.e.)

 

2019 15 Feb.

The greater mystery

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Im letzten Schuljahr 2017/18 habe ich meinen Schülern im Literaturkurs ein besonders dickes Buch zugemutet, 1259 Seiten, unfassbar, aber so lohnend, es zu lesen!!! Das Buch wurde von Paul Auster geschrieben und sein Titel lautet 4 3 2 1. Kurz erwähnte ich dieses Werk in einem Beitrag über den dänischen Jazztrompeter Allan Botschinsky und den Bassisten Niels-Henning Ørsted Pedersen (Plattenschrank 172).

Und einmal mehr musste ich an Paul Austers jüngstes Buch 4 3 2 1 denken, denn vorgestern war auf ARTE ein Film über Paul Auster zu sehen, in dem vor allem 4 3 2 1 thematisiert wird. Auster erzählt viel aus seinem Leben, spricht über die sein letztes Werk vorbereitenden Bücher, Winterjournal (2015) und Bericht aus dem Inneren (2016); ausführlich kommt Austers Frau Siri Hustvedt zu Wort und, eine besondere Überraschung, Wim Wenders bekennt, wie sehr er Paul Auster als Person schätzt und seine Bücher liebt, vor allem 4 3 2 1.

Das Buch handelt von Archibald Ferguson und viermal wird nun seine Lebensgeschichte erzählt.

 

„… vier Jungen mit denselben Eltern, demselben Körper und demselben genetischen Material, aber jeder mit seinem je eigenen Gefüge von Umständen in einem anderen Haus in einer anderen Stadt lebend. Von den Auswirkungen dieser Umstände hierhin und dahin gedreht, würden die Jungen sich im Fortgang des Buches auseinanderentwickeln, würden als immer unterschiedlichere Charaktere durch Kindheit, Jugend und Mannesalter krabbeln, gehen, galoppieren, jeder aus seinem eigenen, separaten Weg, und doch alle immer noch derselbe Mensch, drei imaginäre Versionen seiner selbst.“

 

Und der Leser erkennt, wie sehr unser Leben durch Zufälle bestimmt ist und wie wenig wir eigentlich selber in der Hand haben. Ein großartiges Buch, das ich hier erwähne, nicht nur, weil ich es zu lesen sehr empfehlen möchte, sondern auch, weil man das Porträt über Paul Auster in der ARTE-Mediathek noch anschauen kann.

Im Anschluss an diese Dokumentation wurde dann noch Austers Film SMOKE gezeigt, ein wunderbarer Film, ein großes Vergnügen, den Streifen mit dem großartigen Harvey Keitel noch einmal zu sehen. Auch hier werden ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, deren Auslöser stets die Zufälle des Lebens sind.

Und dann noch die Musik, die im Film nicht zu kurz kommt, wir hören unter anderem von Tom Waits „Downtown Train“ und „You Dream“; The Jerry Garcia Band mit „Cigarettes and Coffee“ und „Smoke Gets In Your Eyes“; von Louis Prima „Brooklyn Boogie“ sowie von Rachel Portman „Augie´s Photos“, „Snow Story“ und andere mehr.


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