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2019 15 Feb

Neun Geniestreiche der Phantastik

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 8 Comments

 

VORSPIEL – „Als Gusti den Tod Sallys erfuhr – im Sommer 1980 –, saß er in der Bar des einzigen Hotels am Toten Meer, einem in die Steinwüste geworfenen Fertigbau aus Zementplatten, der entweder nie fertig geworden war oder schon wieder zerfiel.“

 

1 – Der Deal des Lebens

 

Ohne Zweifel schlummern zuviele Meisterstücke deutschsprachiger Literatur in Archiven, oder sind mittlerweile als Papiermüll recycelt worden, vor allem solche, die einen gehörigen Sinn für Phantastik verraten, und jedem common sense zuwiderlaufen. So mancher Autor strebt nach Zeitlosigkeit, doch ist dies ein hehres Gut, das masslos überschätzt wird. Wer die Wahl hätte, in den Geschichtsbüchern oder in einem Grab zu landen, wäre ja wohl töricht, nicht in den Deal des Lebens einzuschlagen und sich in einen Highlander zu verwandeln. Aber wie herrlich ist es, auch als Normalsterblicher all den Zeitgeistern und ihren schnalzenden Zungen zu entkommen, und im Reich der unerschöpflichen Fantasie zu verweilen!

 

2 – Aus den Gräbern des Vergessens

 

Man bedenke, und könnte sich jedes vergangene Jahrzehnt herauspicken, was für ein unerträglicher Blöd- und Grausinn saisonweise verlobhudelt wird, mein liebstes Beispiel dafür ist „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, ein Machwerk mit einem hinreissenden Titel und einer hirnrissigen Geschichte, von einem trostlosen Gesellen, der halbtot durch die Grosstadt geistert und dann noch zum Killer mutiert. Als Heilmittel für solchen Quatsch mögen einige der folgenden Werke, nach denen nur selten noch gefragt wird, zurück ins Licht geholt werden – ihre Magie ist ungebrochen. Wie sang doch einst Friederike M. ihr Loblied auf H.C. Artmann, oder flüsterte sie nur?

 

NACHSPIEL – „er hat wasserblaue augen immer noch, kann schoen fabulieren, sitzt vor seiner lesung in der hotelhalle, schluerft kamillentee, wird von ehrfuerchtigen juengern umringt, faehrt moped (meist ueberland), will den knochenschmerz nicht wahrnehmen. ist der juengste von uns allen geblieben, die wir damals in den fernen fuenfzigerjahren begonnen hatten, die neue poesie fuer uns und die welt wiederzuentdecken. ohne ende seine stolze feuerkunst moege verzaubern.“

 
 
 

 
 
 

Ernst Kreuder Die Gesellschaft vom Dachboden

H.C. Artmann: Grammatik der Rosen (Die volle Dröhnung)

Ernst Augustin: Der amerikanische Traum 

Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Brigitte Kronauer: Teufelsbrück

Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später. 49 Ausschweifungen

Urs Widmer: Der Kongress der Paläolepidepterologen

Hartmut Geerken: Obduktionsprotokoll

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

 

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8 Comments

  1. Lajla:

    Ausser Hartmut Geerken, den ich nicht kenne, sind es auch meine Schriftsteller. Kreuder war der Freund von Hans Henny Jahnn, dessen Bücher ich ja als Studentin verschlungen habe. Die beiden Freunde bestärkten sich gegenseitig in ihrem Schreiben, ähnlich wie Goethe und Schiller. Ob Jahnn auch zu diesem Männertreffen von Keuder ging, ist anzunehmen.

    Diese Männerbünde haben für mich was Suspektes. Die Herren vom Bauhaus z.B. glaubten sich emanzipiert und unterstützten die Bauhäuslerinnen so gut wie gar nicht. Als ich vor einem Jahr das Bauhaus in Dessau besuchte, staunte ich nicht schlecht über die fabrikmässige Weberei, wohin die Frauen dirigiert wurden.

  2. Anonymous:

    Das Buch las ich mit 17. Und fand es toll. Männerbünden bin ich auch skeptisch gegenüber. Aber es gibt Ausnahmen. Genau wie bei Frauenbünden.

  3. Lajla:

    Anonymous nenn doch mal deinen Namen. Wie hälst du es mit Peter Handke?

  4. Jan Reetze:

    Ich gestehe, tatsächlich nicht ein einziges der hier genannten Werke je gelesen zu haben. (Ausnahme: Hans Henny Jahnn, dessen Nacht aus Blei vor etlichen Jahren eine Nacht lang einen eigenartigen Sog auf mich ausübte. Am Morgen hatte ich’s durch. Seine „13 nicht geheuren Geschichten“ hingegen halte ich für Schwulst.) Ich weiß nicht, ob mich das jetzt zum Kulturbanausen macht.

    Man muss eine Auswahl treffen. An meinem Sarg werden sich dermaleinst die ungelesenen Bücher stapeln. Tipps und seriöse Kritiken sind immer hilfreich, trotzdem muss man sich damit abfinden, dass man nicht alle lesenswerten Bücher lesen kann, ebenso wenig, wie man alle sehenswerten Filme oder Serien sehen und alle hörenswerten Platten hören kann. Vergessen wir mal den Schamott, den man nach drei Absätzen als solchen erkennt. Manchmal dauert es einfach, bis man weiß, ob es die Zeit wert war, die man investiert hat. Es hilft nichts. Ich fürchte auch, es muss die 99 Prozent Schrott geben, damit auch das eine Prozent lesens-, hörens- oder sehenswerter Stoffe entstehen kann.

    Es altern ja auch nicht alle Werke gleich gut. Oft dauert es einige Jahre, bis man erkennt, wer eine Modeerscheinung war und wer interessant bleibt. Gibt es nicht das alte Wahrwort “Ein Buch, das kein zweites Lesen lohnt, ist auch das erste nicht wert”? Erinnert noch jemand den Zirkus um Zoe Jennys Blütenstaubzimmer oder um Robert Schneider von Schlafes Bruder (oder war das umgekehrt?)? Hat nicht jeder so seine Bücher, die man mal ganz toll fand, und beim zweiten Lesen merkt man, dass es so doll dann doch nicht war? Dann doch lieber gleich Rosamunde Pilcher, da weiß man, was man erwarten darf, und das bekommt man zuverlässig.

    Thomas Mann, wenn man sich mal durch die jeweils ersten 50 Seiten hindurch gekämpft hat, ist lesenswert und bleibt es, ebenso wie Teile des Werkes von Ingeborg Bachmann, Robert Musil, Jurek Becker oder Mark Twain. Mit Grass konnte ich nie etwas anfangen. Jonas Lüschers von der Kritik in den Himmel gehobener Roman Kraft ist für mich ein fürchterlicher Schmarren. Wie Daniel Kehlmanns Tyll, der mich sehr gefesselt hat, in 20 Jahren dastehen wird, wird man sehen. Thomas Bernhard hat einigen Ramsch verzapft, aber einige seiner Werke sind für die Ewigkeit – Holzfällen, Auslöschung, Wittgensteins Neffe, und seine autobiographischen Fünf, die zum düstersten gehören, was ich je gelesen habe.

    Ob Bücher von Männern oder Frauen geschrieben worden sind, war für mich übrigens nie ein Kriterium. Ich kenne auch nur wenige Bücher, bei denen ich das im Blindtest erkennen könnte.

  5. Michael Engelbrecht:

    Nein, Thomas Mann brauche ich nicht. Mich langweilt er auch nach 50 Seiten.

    Letztlich ist es völlig egal, was zum Kanon der grossen Literatur gerechnet wird, es geht um die Bücher, die wir lieben, und da müssen wir nie einem Gütesigel folgen. DIESE BÜCHER, DIE WIR LIEBEN, HABEN UNS SO VIEL ZU GEBEN. Und da habe ich halt neun Bücher genannt, die ich alle mal zu einem bestimmten Zeitpunkt geliebt habe, und due zu grossen Teilen wohl auh einem zweiten Lesen standhalten würden.

    DER AMERIKANISCHE TRAUM und
    EASTEND
    Von Ernst Augustin
    Habe ich dreimal gelesen.

  6. Michael Engelbrecht:

    EXKLUSIV FÜR LAJLA, eine alte Mail von Hartmut Geerken, dessen Rezension von Marion Beowns GREECHEE RECOLLECTIONS im Jazzpodium damals sofort zum Kauf der Platte führte, ein gutbgehüteter Meilenstein der Siebziger Jahre.

    lieber michael engelbrecht,

    schön von ihnen zu hören, – dinge aus frühen jahren! sie haben recht, die geechee recollections sind auch für mich ein meilenstein, viel zu wenig ins bewusstsein der jazzhörerschaft eingedrungen. ich mag die lp wegen des mutigen vorandrängens kreativer musik zu jener zeit & nicht nur, weil viele instrumente auf der lp zu hören sind, die ich marion nach usa geschickt hatte, als ich in den 60er jahren in kairo lebte.

    wir waren in intensivem brieflichen kontakt, & von ihm bekam ich auch ein sehr langes 4-spur-tonband mit damals fast nicht erreichbaren lps von sun ra, die marion von einem freund ausgeliehen hatte. marion & ich planten eine musikfassung von büchners woyzeck, aber durch meine versetzung nach kabul (ich war damals beim goethe-institut) blieb es beim plan.

    sehr schade. wissen sie, ob marion noch lebt? ich hatte noch ein paarmal nach seiner gehirnoperation briefkontakt, aber dann wurde mir klar, dass eine kommunikation kaum noch möglich war. die korrespondenz zwischen uns liegt jetzt im archiv der akademie der künste in berlin.

    marion hat auch mehrfach meine erste lp mit dem cairo free jazz ensemble (1970/71) in usa im radio gespielt. ein weit unterschätzter künstler war er & einer der ersten afroamerikaner, der sich auf intellektuellem niveau dem free jazz näherte. & ein wunderbarer bescheidener mensch…

    um wieviel uhr kommt ihre sendung im deutschlandfunk?
    ich grüsse einen der seltenen leser meines obduktionsprotokolls!

    hartmut geerken

  7. Jochen:

    zum Thema: „Das ist alles auch Lebenszeit“ (Zeit Online)

    Gemüse ist mein Fleisch und Serien sind meine Bücher, heutzutage. Von Houellebecq kaufte ich mal „Karte und Gebiet“, des Titels wegen. Der Inhalt? Stellenweise witzig, überwiegend fad. Gerne las ich einst gute Biografien – über Handke und Heidegger etwa. Vor Jahrzehnten eine „Krimiperiode“ mit Sjöwall, Wahlöö und vielen anderen. Philosophische Texte werden nach wie vor gerne goutiert, vorzugsweise häppchenweise, orientiert an spontan auftauchen Themen und Fragestellungen („Wo bin ich eigentlich, wenn ich Musik höre?“). Zizek, Kamper, Han, Sloterdijk, Pfaller, Serres, Groys … – und Willemsens „Der Knacks“ würde ich sogar noch ein viertes Mal lesen.

    PS. Ganz wichtig noch: ich habe meinen Lieblingsverein wiedermal gewechselt, aus opportunistischen Genussgründen. Es ist jetzt wieder Werder, dann erst folgt 96. Wo wir doch von Ror Wolf sprachen und von der handkeschen Torwartangst.

  8. Lajla:

    Danke Michael. Ich hatte ja auch selbst nachgesehen, wer Herr Geerken ist und siehe da: ein Goethe-Instituts Kollege. Ich kenne ihn aber nicht.

    Jan, mir ist es auch egal, ob ein Mann oder eine Frau das Buch geschrieben hat. Aber es gibt doch eindeutige Frauenbücher: „Ihr Männer mit Namen Hans…“ Ingeborg Bachmann. Die Jellinek kann kein Mann und Sybille Berg schon garnicht. Ernst Jünger, um wieder auf das hier hervorgehobene Genre „Phantastik“ zurückzukommen, wäre ein Beispiel von nur männlich möglicher Literatur.

    Und Roger, Jochen, kann so zart schreiben, wie es so mancher Schriftstellerin – z.B. Juli Zeh – nicht gelingt.


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