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Archives: Donnerstag, 2. August 2018

 

Da scherten die Erinnerungen gleich aus, als ich das Bild von der Insel da unten sah, mit der ich soviel Kindheit und frühe Jugend verbinde, und ich huschte nur über ein paar Zeilen, die von der Entrüstung eines Paares handelten, das jetzt Brüssel verklagen möchte, weil es die Klimaschutzbestimmungen missachtet sieht. Sofort fesselte mich der Wald von Langeoog, durch den ich so oft geradelt bin, die geliebten Lichtungen, die Verdunstungskälte, der Weg zum Teehaus. Ja, ich glaube, auf dem Foto erkenne ich die kleine Einbuchtung, in der es damals stets riesengrossen Apfelkuchen (gedeckt, heute eine Seltenheit) und ostfriesischen Tee mit Sahne und Kluntjes gab. Die Erinnerungen schwappen stets zwischen Borkum und Langeoog hin und her, nirgendwo war ich damals öfter in den grossen Ferien. Unzweifelhaft verliebte ich mich auf Langeoog in die Pensionsbesitzerin des Hauses Westfalen (habe ich tatsächlich den Namen behalten?), es war der Urlaub, in dem ich 8 Jahre alt war, und einen Drachen besass und einen Roller. Einmal stand der Wind so kräftig im Rücken, dass ich mit dem linken Fuss nur einmal zum Schwung auf Asphalt ausholte, und dann gelangte ich ohne jedes Absetzen bis zur Bäckerei am Stadtrand, und war ganz glücklich, ein Rosinenbrötchen zu erstehen. In Langeoog gab es, und gibt es noch heute, das Cafe Leiß, und dort ass ich zum ersten Mal eine Eisspezialität jener Jahre, komm, sag mir, wie sie heisst, eine Porzellanschale mit Vanilleeis und einer heissen Banane, ordentlich Sahne dazu. Ja, den Michael Naura und seine magischen Jazzsendungen habe ich auf Borkum entdeckt, auf Langeoog hatte ich frühe Kinoerlebnisse. Am Bahnhof hingen die Plakate, was wann zu sehen ist, aber ich kann mich an keinen einzigen Film erinnern, nur an die Vorfreude, und dass es gar nicht genug Western sein konnten. Ich weiss auch nicht, welchen Strand ich vor mir sah, den von Langeoog oder Borkum, als meine Mutter mir geschichtenhungrigem Kind immer wieder (auf meinen Wunsch) diese zwei erfundenen Märchen erzählte, in einer kam dieser Strand vor, ohne Menschen, nur das Meer, und ihr Satz: – In hundert Jahren sind wir alle tot. Vielleicht habe ich mich deshalb als Teenager so sehr für Gespenstergeschichten interessiert, die oft genug von Toten handelten, die nicht in weissen Gewändern durch ein Schloss, sondern gern auch in luftiger Höhe, am Meeresaum, entlang schwebten. Jahre später erstand ich in der Inselbuchhandlung Krebs (ich glaube, sie heisst Krebs) Peter Rühmkorffs Lyrikband mit dem Titel „Haltbar bis Ende 1999“. Auf dem Umschlagcover ein überquellender Aschenbecher. In diesem Gedichtband habe ich eine gute Woche gelebt, in dem ich wahlweise in einem Strandkorb sass, oder abseits von dem Getümmel in den verbotenen Dünen.

 

 

Also, Jochen sollte sich das Buch noch heute besorgen, das müsste ihn doch interessieren, es geht um Gitarren und um einen Musiker, Liebhaber von Vintage-Gitarren, der in einem Gitarrenladen aushilft, er braucht Geld, sein Name Thomas Dupré. Eines Tages darf er nach Schottland fahren, Ziel ist ein nobles Landhaus am Loch Ness, sein Chef hatte ihn beauftragt, dort die berühmte Goldtop, eine Les Paul von 1954, zu überbringen, ein reicher Kunde hatte sie gekauft. Dort angekommen, bleibt unserem Helden zunächst das Herz stehen, stand da nicht Jimmy Page vor ihm? Wie sich herausstellt: nein, aber es war ehemals das Haus von Jimmy Page, das schon. Ein gewisser Lord Charles Winsley begrüßt Thomas, bittet ihn herein und zeigt ihm später seine atemberaubende Gitarrensammlung:

 

… hier eine weiße Broadcaster, die bestimmt zu den ersten zählte, die Leo Fender gebaut hatte; da eine Stratocaster in dem wunderbaren Lake-Placid-Blau aus der Mitte der fünfziger Jahre; und dort der Traum von Sammlern auf der ganzen Welt: eine Les Paul Standard von 1959 mit der atemberaubenden geflammten Decke. Letztere mochte so um die 500 000 Dollar wert sein. Direkt darunter hing eine Gretsch White Penguin, weiß und goldfarben …

 

In einer geheimen Kabine bewahrt der Lord noch zwei besondere Gitarren auf, die Thomas später auch betrachten darf, eine Flying V und die Explorer. Das Herzstück der Sammlung fehle allerdings, so Lord Winsley, der Heilige Gral der Vintage-Gitarren, die Gibson-Moderne, sie wurde dem Besitzer gestohlen.

Thomas Dupré wird nun beauftragt, diese Gitarre zu suchen oder zumindest zu beweisen, dass es sie gab, damit die Versicherung zahlen würde. Ein Roadmovie beginnt; spannende 400 Seiten prallgefüllt mit Musik- und Musikergeschichten sowie Erzählungen von sagenumwobenen Gitarren.

Grègoire Hervier schrieb das Buch Vintage, erschienen 2017 im Diogenes Verlag.

 
 

 
 

Eine weitere Leseprobe: Thomas darf sich einige Stunden mit der Sammlung des Lords beschäftigen und dessen Gitarren und Verstärker ausprobieren:

 

Endlich traf ich eine Entscheidung und griff ganz vorsichtig nach der Gretsch, auf der ich zunächst nur schüchtern herumschrammelte. Sie war ein Gedicht, und als ich ein bisschen beherzter zugriff, vibrierte sie nur so vor Lebendigkeit. Es war an der Zeit, einen Verstärker anzuschließen. Ein Vox AC30 wollte unbedingt ausprobiert werden und fing an zu summen, kaum dass er Strom hatte. … Als erstes ertönten die Beatles mit dem guten alten Day Tripper … Das brachte mich zu While My Guitar Gently Weeps und I Want You. Weiter ging es mit dem Solo von Oh Sweet Nothin´von Velvet Underground, und dem Thank You von Jimmy Page während seines BBC-Konzerts. Dafür brauchte ich eine Les Paul´59, was sich ganz gut traf, und warum das Ganze nicht mit dem Marshall-Amp spielen, der sich zu langweilen schien, so ganz allein in der Ecke …

 

Später im Buch erfährt unser Held, Thomas, von einem sagenumwobenen Musiker, der auf einer Single-Platte das Stück Half Moon Blues auf einer Gibson-Moderne gespielt haben soll. Sein Name: “Li Grand Zombi“, mit bürgerlichem Namen hieß er Harold Clay. Ein Musikstück mit dem Titel “Li Grand Zombi“ findet sich auf der Platte Versus von Branner Griswell aus dem Jahre 2015 (aber hat das etwas mit unserem Blues-Musiker zu tun? Wohl eher nicht.). Den Half Moon Blues kann man sich auf YouTube anhören (original song by John Richards).


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