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Archives: Dienstag, 5. Juni 2018

2018 5 Juni

Elbjazz Festival

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  Impressionen

 
 
 
Es ist ein weiter Weg nach Hamburg. Große Städte zu besuchen, reizt mich nicht besonders. Weite Wege lege ich lieber zurück, wenn ich in leeren Landschaften ankomme, in Landschaften voller karger Schönheiten.

Weite Wege gehe ich gerne, wenn ich Freunde treffen kann. Die Reise nach Hamburg war ein Geburtstagspräsent, das mein Mädel von unseren Kindern geschenkt bekommen hat.

Wir verbrachten zwei Tage bei Bettina und Rudolf. Zwei weitere Tage streiften wir auf dem Festival umher. Das Programm war reichhaltig, Bekanntes und Unbekanntes, Attraktives und Uninteressantes.
 
 
 
  Omer Klein Trio   (listen)
 
 
 
Dieses Trio habe ich im letzten Jahr live gehört. Wenn ein Auftritt in Reichweite ist, sollte man die Gelegenheit zum Besuch nützen. Ich halte das Omer Klein Trio live für das zur Zeit aufregendste Piano Trio weltweit. Das Recital in der Schiffbauhalle auf dem Blohm & Voss Gelände wurde von NDR info mitgeschnitten.
 
 
 
  Django Bates und die hr-Bigband
 
 
 
51 Jahre Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Saluting Sgt. Pepper – direkt an den Bühnenabsperrungen, ganz vorne. Witzige und aberwitzige Arrangements. Der Sänger Martin Ullits Dahl, glänzend!
 
A Day In The Life – a wonderful one in this case …
 
 
 
  Tony Allen
 
 
 
Ein Blick aus der Elbphilharmonie auf die Stadt. Am Samstagabend um 20 Uhr spielte im Großen Saal die Band von Tony Allen. Ich kannte ihn nicht. Der Auftritt war eine kleine Enttäuschung.

Allen spielte wenig differenziert, sein Pianist war kein begnadeter Improvisator, allerdings ein gut groovender basso-continuo-Spieler. Ein junger Saxophonist und ein talentierter Double Bass Player ergänzten zum Quartett. Zu Hause angekommen, habe ich mein Wissen über Tony Allen deutlich vergrößert, habe bei Qobuz ein paar Alben angehört, die mir gut gefallen haben. Brian Eno beschrieb einmal Tony Allen als „den vielleicht größten Schlagzeuger, der je gelebt hat“. Dieser Auffassung werde ich mich jedoch nicht anschließen.

Vielleicht lag es am Ort, am Großen Saal, dass ich wenig angetan war. Es ist ein Raum, gebaut für ein Sinfonie-Orchester, mit den dafür passenden akustischen Eigenschaften. Zwei Sekunden Nachhall mögen ideal sein für Sinfonische Musik, aber wenn Tony Allen die Cymbals traktiert, wird es ein zischender Klangbrei, in dem dumpfe Tomtom-Impulse schwimmen. Bass Drum und Kontrabass liefern ein konturlos wummerndes Tiefton-Fundament. Auch an den Freiluftbühnen der Blohm & Voss Werft frönte man den über die Maßen röhrenden Bässen, den Machos des Frequenzspektrums – grauenhaft. Am besten war der Sound beim Omer Klein Trio in der Schiffsbauhalle, vielleicht deswegen, weil Spezialisten des NDR am Werk waren.

Ich freue mich auf die Kulturwelten Helmbrechts, wo Mixer mit guten Ohren und Geschmack für transparenten Sound sorgen, in kleinen Sälen – ein großer Vorteil!

Wer wird dort wohl spielen?

„Das Drama ist nämlich, dass das Unvermögen zu schreiben einem noch keineswegs das Verlangen danach nimmt.“
 

Das Zitat, im Merve-Verlags-Prospekt 2003 entdeckt, stammt aus dem Buch von Marcel Bènabou „Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe.“

Ich habe mir das Buch antiquarisch gekauft – für 5 Cent. Davon bekommt der Autor einen eher geringen Anteil, und so wird deutlich, dass kein Vermögen zu besitzen direkt zum Unvermögen zu schreiben führen kann.

Die zweite Bedeutung des Satzes ist die klassische Schreibhemmung: das Schreiben fällt schwer, was irgendwie mit Komplexen und Psyche zusammenhängt. Der Schreibwunsch bleibt und hält uns davon ab, einfach etwas Ungehemmtes zu tun, zum Beispiel den Rasen zu mähen (falls keine Rasenmähhemmung besteht). Es kann aber auch daran liegen, dass ich eigentlich was anderes schreiben möchte als ich meine zu müssen.

Drittens könnte es einer Größenphantasie entspringen: ich habe kein Talent zum Schreiben, tue es aber trotzdem, oder ich tue so, als ob … . Vielleicht beklagt sich Bénabout über die vielen schlechten Bücher, die aller Schreibhemmung zum Trotz dennoch erscheinen.

Noch eine weitere Möglichkeit, den Satz zu verstehen: das Unvermögen sitzt im Körper, durch Krankheit, Unfall, Alkoholkonsum oder Behinderung bedingt. Davon habe ich neulich erzählt: von der Widerspenstigkeit der elektronischen Kommunikationsmittel. Meine Finger produzierten trotz nur minimaler Dysfunktionen in fast jedem Wort Fehler. Das Diktierprogramm hatte immerhin eine Quote von 1:4 Richtigen. Beim manuellen Korrigieren verzitterte ich noch mehr Buchstaben. Aus Ungeduld wurde Zivilisationskritik oder ehrlich gesagt Wut, bis ich in der Situation eine gewisse Albernheit entdecken konnte. Die Technik hatte sich selbständig gemacht.

Das Geschriebene sah sehr merkwürdig aus und ließ sich, wie die Tramschilder in Budapest, nicht im Gedächtnis behalten. Einzige Anker für Sinn und Verstand boten die von selbst entstandenen Worte DADA und DERRIDADA. Ich fühlte mich gleich kulturhistorisch ein bißchen zuhause. Zufällig fand ich heraus, daß sich der Text hervorragend rappen ließ. Also doch Stoff für das manafonistische (far) beyond.

Zwei reizende Kommentare fanden sich ein. Doch dann entdeckte ich, dass sich offensichtlich ein Korrekturprogramm an meinen Text herangemacht hatte. Alle einzelnen Wörter waren orthographisch richtig geschrieben; zusammen ergaben sie keinen Sinn. So hat mich die künstliche Intelligenz zweimal ausgetrickst; erst hat sie meine Ordnungsversuche hintertrieben, dann hat sie auch noch mein Chaos zerstört. Unvermögen! DADA und DERRIDADA blieben übrig.

Anmerkung: Marcel Bénabou war mit Georges Perec befreundet, dem großen Erzähler und Aufzähler. Während Perec in seinem Roman „La vie mode d’emploi“ Geschichten und Bildern aus einem Pariser Mietshaus sammelt, findet sich bei Bénabou die wohl längste Liste, was warum nicht zu schreiben ist – eine Fundgrube für Schreibgehemmte.


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