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Archives: Samstag, 19. August 2017

2017 19 Aug.

So ein Teilen vor der Flut

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Einige Elementarteilchen können nicht

allein existieren, sagt meine Tischnachbarin.

Niemand widerspricht. Gespräche über Physik

sind eher selten. An der Schattengrenze

sitzen wir im Freien. Speisen und Getränke.

Pasta und Politik. Alle reden. Ich schweige,

denke über Sprache nach. Im Duden steht

Freund hinter freuen, wörtlich: froh machen.

Vriundin sagten Frauen zur Zeit der Zauber-

sprüche zu einer Vertrauten, zu einer,

deren Nähe sie suchten. Ich lehne mich zurück.

Schaue in die Runde. Bitte um etwas Brot.

 

Aus: Barbara Zeizinger – Wenn ich geblieben wäre. Gedichte. Pop Verlag Ludwigsburg 2017
 
 
 

 
 
 

Martina Weber: Dein Gedicht „Einige Elementarteilchen können nicht“ ist das letzte Gedicht deines vierten Gedichtbandes, der in diesem Frühjahr erschien. Da sitzen Leute in einer Runde zum Essen am Tisch, der Anlass bleibt offen und spielt keine Rolle. Das lyrische Ich fühlt sich isoliert, schweift mit seinen Gedanken ab, denkt über den Begriff der Freundin nach und versucht, sich durch eine förmliche Bitte wieder in die Gruppe einzubringen. Es fasziniert mich, wie in diesem Text die Einsamkeit spürbar gemacht wird. Während die Tischnachbarin eine Information aus der Physik in die Runde wirft, denkt das lyrische Ich im Prinzip über das gleiche Phänomen nach, aber auf der begriffsgeschichtlichen Ebene. Ich finde es auch witzig, wie hier mit dem Vorurteil bzw. der Erfahrung, dass sich kaum jemand freiwillig außerhalb der Schule mit Physik beschäftigt und welcher Respekt den angeblich so wertneutralen Naturwissenschaften entgegengebracht wird, gespielt wird. Die Bitte um „etwas Brot“ hebt das Gedicht auf eine metaphysische und symbolhafte Ebene. Brot ist existenziell, die Bitte um Brot kann man niemandem abschlagen. Assoziationen ans Abendmahl flackern auf. Es kann sein, dass die Bitte, die das lyrische Ich äußert, ein paar Höflichkeitssätze auslöst, ein kurzes Geplauder. Grundsätzlich aber scheint es ein verpatzter Abend zu sein. Die Einsamkeit, die in Gegenwart anderer so viel stärker wirkt als allein, ist, denke ich, eine menschliche Urerfahrung. Ich will gar nicht erst damit anfangen, darüber nachzudenken, wie mich diese Erfahrung in meinem Leben begleitet hat, wenn ich mich, vor allem als Kind, unfreiwillig in Tischrunden fand und mich möglichst schnell herausgemogelt habe. Physikalische Erkenntnisse übrigens tauchen dann doch in weiteren deiner Gedichte auf.

 

Barbara Zeizinger: Das Gedicht ist das letzte eines Zyklus‘, in dem ich mich mit den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „Aufgehoben“ beschäftige, und behandelt den Aspekt „sich aufgehoben fühlen“. Das lyrische Ich klinkt sich hier aus dem gemeinsamen Gespräch aus, hängt eigenen Gedanken nach, obwohl es zwischen Freunden sitzt.

Vielleicht ist das Gedicht etwas unfreiwillig typisch für viele andere in diesem Gedichtband, die sich mit dem beschäftigen, das du Einsamkeit nennst und wofür es zahlreiche Gründe gibt. Das erste Kapitel „Die Zeit dazwischen“ habe ich mehr oder weniger geschrieben, während ich mein Elternhaus ausräumen musste. Und ehe man sich versieht, kommen längst begraben geglaubte Erinnerungen hoch und man ist wieder das Kind, das auf Familienfotos in der letzten Reihe steht.

 

Martina Weber: Die Methode, die du bei deinem Gedicht „Einige Elementarteilchen können nicht“, anwendest, ist symptomatisch für deine anderen Gedichte: Die Themen sind oft unspektakulär, aus dem Alltag gegriffen, Begegnungen mit Fremden oder innerhalb der Familie zwischen Gefühlen von Zweifel, Nähe und Distanz, Rückblick auf das Leben, die Kindheit, Einblendung politischer Beobachtungen, Empfindungen nach dem Besuch einer Kunstausstellung, Reisen, der Fund einer Puppe ohne Arme am Strand. Die große Stärke deiner Gedichte sehe ich darin, wie es dir immer wieder gelingt, diese scheinbar so auf der Straße herumliegenden Themen durch einprägsame Bilder und Metaphern und Gedanken auf eine andere Ebene zu hieven, dorthin, wo sie etwas Grundsätzliches bekommen und im Lesenden immer wieder eigene Erinnerungen auslösen. Eine Prise Magie. Namedropping: Bloch, Dante, Hemingway. Gerhard Richter. Dies alles wirkt unangestrengt und leicht. Gibt es für dich eine typische Methode, wie du beim Schreiben von Gedichten vorgehst? Welche Art von Notizen machst du dir, bevor du Gedichte schreibst?

 

Barbara Zeizinger: Eine eindeutig typische Methode habe ich eigentlich nicht, weil die Ausgangspunkte, die zu einem Gedicht führen ganz unterschiedlich sind. Bei dem Zyklus „“Grundton Büchner habe ich mich beispielsweise gefragt, welche Assoziationen Büchner-Zitate bei mir auslösen, das Gedicht „Lucy in the Sky“ ist von einem Zeitungsartikel in der Frankfurter Rundschau inspiriert, in dem der Wissenschaftler beschrieben hat, dass diese Lucy genannte Urfrau wahrscheinlich deshalb gestorben ist, weil sie nicht mehr richtig klettern konnte und vom Baum abgestürzt ist. Daraus sind dann die Zeilen „Sie hat sich / entschieden, sie will aufrecht durchs Leben gehen“, geworden. Aber Du hast Recht, meine Gedichte erwachsen aus dem Alltag, aus dem was ich erlebe, lese, sehe – worüber sollte ich auch sonst schreiben. Aber es darf nicht bei mir als Person stehen bleiben, so wichtig bin ich nicht, sondern sollte eben die von dir angesprochene zweite Ebene erreichen. In meinem Lyrikband gibt es ein Gedicht, das handelt auf den ersten Blick nur von Zugvögeln, die an der Ostsee pausieren, um sich im Watt ihren Reiseproviant anzufressen. Dabei machen sie sich überhaupt keine Konkurrenz, und so lauten die wichtigsten Sätze im Gedicht, die sich nicht nur auf Vögel beziehen: „So viele Möglichkeiten. / So ein Teilen vor der Flut.“

Um auf deine Frage nach der Methode zurückzukommen, kann ich vielleicht zwei Punkte nennen. Zum einen trage ich einzelne Wörter oder Sätze oft wochenlang mit mir herum, bis daraus ein Gedicht wird und zum anderen schreibe ich so etwas wie eine Idee erst einmal ganz prosaisch auf und forme dies nach und nach zu einem Gedicht.

 

Martina Weber: Ich kann deinen Gedichtband auch als Rundgang um deinen Plattenschrank oder als Einblick in deine Jukebox lesen. Dies sind die Titel: Leonard Cohen, Pink Floyd, The Doors, The Beatles (Lucy in the Sky). In einem Gedicht heißt es “nie mehr Janis Joplin gehört”. Es klingt so, als ob Musik die Bedeutung, die sie einmal für dich hatte, etwas eingebüßt hat.

 

Barbara Zeizinger: Nicht unbedingt die Musik. The Doors und Janis Joplin habe ich als junge Frau, als Studentin viel gehört und es sind eher die Inhalte der Songs, die ich inzwischen manchmal vermisse. In dem Gedicht, auf das Du anspielst, bedauert das lyrische Ich ja gerade den Verlust der „verwirrenden Möglichkeiten“. Pink Floyd steht in dem Kapitel, das sich in erster Linie mit dem und der Fremde beschäftigt, für etwas Vertrautes. Und das Gedicht über Leonard Cohen soll eine Hommage sein.

 

Martina Weber: Du schreibst nicht nur Gedichte, sondern hast auch einen Reisebericht über Kuba geschrieben, du arbeitest an einer Romantrilogie, die mit dem zweiten Weltkrieg und der Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammenhängt, deren erster Teil, Am weißen Kanal, um ein Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien kreist und in diesem Jahr auch in italienischer Sprache erschienen ist. Seit Jahren schreibst du Rezensionen für das Literaturportal Fixpoetry.com, das vor zehn Jahren von Julietta Fix gegründet wurde. Was ist dein Eindruck von der aktuellen Literaturszene?

 

Barbara Zeizinger: Sie ist extrem vielseitig. Das betrifft sowohl die Lyrik, als auch die Prosa. Ich könnte jetzt nicht sagen, es gibt in der Lyrik eine bestimmte Richtung oder bei der Prosa bestimmte Themen. Vor allem, weil fixpoetry ja nicht nur die deutsche, sondern auch die internationale Szene im Blick hat. Vielleicht würde ich sagen, es gibt relativ viele Romane, die private Geschichte mit der allgemeinen verbinden. Dieser Eindruck kann aber auch an meinem Blickwinkel liegen, weil mich persönlich solche Themen interessieren.

 

Martina Weber: Die Zeile, die deinem Gedichtband ihren Titel gab, ist die erste Zeile des ersten Gedichts: „Wenn ich geblieben wäre“. Es ist der Beginn eines abgebrochenen Satzes:

 
Wenn ich geblieben wäre

im Wispern der Blätter,

im Rot der Kirschen,

als ich Ohrringe pflückte

von unteren Zweigen.
 

Es bleibt offen, was wäre, wenn das lyrische Ich dort geblieben, wo die Mutter im Tupfenkleid die Kirschkerne einfach ausspuckt.

 

Barbara Zeizinger: Ist es nicht so, dass jeder im Laufe des Lebens getroffene Entscheidungen in Frage stellt und sich vorstellt, wie hätte mein Leben auch anders verlaufen können?

 
 
Website von Barbara Zeizinger:

Barbarazeizinger.de
 
 

Nächste Lesung mit Barbara Zeizinger:

Mittwoch, 6. September 2017, 19.30 Uhr,

Literaturhaus Darmstadt (Kennedyhaus), Lesebühne.

Kasinostraße 2, Darmstadt

Gemeinsam mit Martina Weber

Moderation: Kurt Drawert

 
 
 

 

2017 19 Aug.

Experimente beim Zuhören

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Es war nach Mitternacht, ich hatte die Uhrzeit dezent im Blick. Tanja räkelte sich auf einem Sessel, sie sagte, sie würde gern noch bleiben, sei aber seit 18 stunden wach und müsse leider aufbrechen. Ich sagte, ich würde die ganze Nacht wach sein und eine Musiksendung hören. Vielleicht würde es sich für sie seltsam anhören, aber ich würde die Sendung auf Audiokassetten aufnehmen, eine Technik, mit der sie wahrscheinlich nie etwas zu tun gehabt hätte. Doch, sagte sie, Rec und Play. Die nachfolgende Generation, diejenigen, die 5 Jahre jünger wären als sie, könnten keinen Kassettenrecorder mehr bedienen. „Warum nimmst du die Sendung auf, wenn du sie doch hörst?“ fragte Tanja. Die Frage verblüffte mich. Ich beschriftete drei 90er Kassetten. Stories, Feldaufnahmen. Was macht man als Zuhörerin einer Livesendung nachts zwischen 1 Uhr und 6 Uhr? Ich war überhaupt nicht müde, vielleicht eine Fernwirkung des Eistees mit Mate, ich holte aus dem Kühlschrank ein Elderflower Tonic Water, knipste zwei Lichterketten an, eine mit bunten Stoffbällen, die mir B aus Kambodscha mitgebracht hatte, und eine puristische. Alltagsmusik aus dem Niemandsland. Schon in der ersten Stunde, in der eine Überraschung der anderen folgt, schaffte Michael es, mindestens fünf Mal den Namen seines all times favourite Brian Eno zu erwähnen. Die Vierecke der Fenster sind unbeleuchtet. Kein Hund bellt, kein Baby schreit. Ich überlege, bis zu welcher Lautstärke ich gehen kann, ich setze den Kopfhörer auf, Liegestühle, many many years, die Namen auf Steinen mit Zahnbürsten reinigen. Die Sternzeit, die Nachrichten und Staumeldungen schneide ich schon bei der Aufnahme raus. Das Doppelkassettentape habe ich seit 1994, es ist eine der besten Anschaffungen in meinem Leben. Kurz nach drei, mitten in der zweiten Audiokassette, beginnt etwas zu quietschen. Ich hole die Kassette raus. Bandsalat. Ich bleibe cool, die Kassette ist neu, ich lege eine andere ein, ebenfalls Quietschen, ebenfalls Bandsalat. Vielleicht liegt´s an der Art der Kassette, ich hole eine andere, alte, bewährte. Dasselbe. Ich beginne, nervös zu werden. Denke an Tanja und denke darüber nach, ob ich die Sendung eigentlich anders hören würde, wenn ich weiß, dass ich sie nur einmal höre und dass es keine Playlist gibt. Vielleicht ist es eine Übung im Loslassen, es ist lächerlich, etwas festhalten zu wollen. Ich mache mir ein paar Notizen, notiere Namen, schließe einen Moment die Augen, denke an den Deutschlandfunk-Radiorecorder, den ich vor längerer Zeit installiert, aber kaum verwendet habe, ich schalte ihn an, das update zieht sich Ewigkeiten hin. Von wegen Ok Computer. Ich mag sowieso keine digitalen Aufnahmen, sie machen mich nervös. The medium is the message. Ich will nicht online sein, wenn ich Musik höre. Jedenfalls will ich es nicht grundsätzlich. Und ich will auch nicht, dass das Notebook an ist, wenn ich Musik höre, jedenfalls nicht immer. Mir fällt ein, dass ich im Keller noch einen relativ neuen, ganz passablen Radiorecorder habe, ziehe Schuhe an und renne los. „Moshi“ läuft weiter ohne mich. Der Deutschlandfunk-Radiorecorder ist immer noch mit seinem update beschäftigt. Inzwischen ist es vier Uhr sieben. Ich bin von vier Lautsprechern umgeben. Zwei meiner „großen“ Musikanlage, und zwei des Radiorecorders aus dem Keller. Ich bin umgeben von „Pyramid of Skulls“ und sitze wie ein Teenager zwischen den Boxen, unfähig, irgend etwas anderes zu tun als dabei zu sein.

Tipp fürs Shelfie: „Pyramid of Skulls“ (wahlweise als DoppelCD, Doppel-LP oder und Kassettenaufnahme) passen zu Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgados Portrait des Fotografen Sabastiao Salgado „Das Salz der Erde“ und zu Benjamin Lee Whorfs Klassiker der Metalinguistik „Sprache, Denken, Wirklichkeit“.

 

K

k

FIRST HOUR Joseph Shabason AYTCHE long swim / Darren Hayman THANKFUL VILLAGES VOL. 2 ( three tracks ) wigsley – east norton – maplebeck / Emanuele De Raymondi SARO viaggio / Fleet Foxes CRACK-UP i should see memphis / Björn Meyer PROVENANCE traces of a song / Fovea Hex THE SALT GARDEN 2 all those signs / Alexei Lubimov & Carl Philipp Emanuel Bach TANGERE cantabile e mesto / Erik Honoré UNREST abandoned home – the park / Joseph Shabason AYTCHE track 3 (the track with the „do-you-remember-when-Joni Mitchell-played-with-Jaco Pastorius-bass“)

 

SECOND HOUR Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar EINFLUSS (two tracks) black white felt – venta / Porter Ricks ANGUILA ELECTRICA prismatic error / Jeff Tweedy HOME AT LAST sky blue sky / David Torn V. A. – SKY MUSIC (A TRIBUTE TO TERJE RYPDAL) avskjed / Grizzly Bear PAINTED RUINS wasted acres / Stale Storlokken V. A. – SKY MUSIC (A TRIBUTE TO TERJE RYPDAL) dream song – into the wilderness – out of this world / Iron & Wine BEAST EPIC song in stone / Rodach DIE ZEIT IST RUND häuserballett / Matthew Bourne ISOTACH (two tracks) isotherm – isogone

 

THIRD HOUR Music from the reissue of Barney Wilen’s double vinyl album „Moshi“ that can be ordered from the French label „Souffle Inconnu“

 

FOURTH HOUR Music from Carlos Casas‘ double vinyl album „Pyramid of Skulls“ accompanied and surrounded by the composition „Avskjed“ of Terje Rypdal’s album „Descendre“ (1980), and a classic field recording from old England, „Trains in the Night“

 

FIFTH HOUR: two long tracks from the reissue of Pep Lloris‘ „Poiemusia La Nau Dels Argonautes“ and, in the final twenty minutes, a long and winding take on Terje Rypdal’s composition „Icing“ from his classic „What Comes After“ (ECM), to be found on the forthcoming Rune Grammofon release (vinyl only), „Sky Music – a tribute to Terje Typdal – Vol. 2“, a limited addition to the forthcoming „Sky Music“-album (for more information go to the Rune Grammofon homepage!)


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