Unerfüllte Wünsche können etwas Aktivierendes haben. Ich fand es sympathisch, dass es in dem Studentenwohnheim, in dem ich ein Zimmer hatte, eine Heimselbstverwaltung gab, und während zwei Freunde von mir begeistert darüber debattierten, was man alles verändern könnte, wurde ich ins Heimpräsidium gewählt. Schlagartig war das Interesse meiner Freunde an dem Job verschwunden. Es war eine ziemlich gut bezahlte Arbeit und ich bot eine Mietrechtsberatung an. Die Vernetzung erstreckte sich auch auf weitere Wohnheime, so dass ich irgendwann zu einer Versammlung des Gesamtwohnheimrats eingeladen wurde. Wir trafen uns in Ms Wohnheimzimmer, das auf dem Campus lag. Das Zimmer war noch kleiner als meines, aber die Möbel waren aus dunklem Holz und M hatte ein ganzes Regal voll mit Schallplatten und während ich damals erst Terry Riley entdeckte, lief bei M eine Musik, die ich immer gesucht hatte und die mich völlig umgehauen hat. Eine sehr dezente Art von Aktivierung, eine kaum spürbare Dramaturgie. M achtete sehr darauf, dass sich immer eine Scheibe auf dem Plattenteller drehte. Die Diskussionen aber waren enttäuschend dogmatisch. Die studentische Wohnungsnot war damals groß und die Mietverträge im Wohnheim waren auf drei Jahre begrenzt. Die anderen forderten unbegrenzte Mietverträge, ich fand das unfair denen gegenüber, die gar kein Zimmer hatten. Es gab Ungeziefer in unserem Wohnheim, die Verwaltung wollte drastische und gesundheitlich umstrittene Bekämpfungsmaßnahmen ergreifen, die Jungs forderten den Abriss des Wohnheims, weil das Problem nur so gelöst werden könne. Es wurden Protokolle geschrieben und Resolutionen unterzeichnet. Nur weil ich jetzt einen bestimmten Posten hatte, wollte ich nicht eine bestimmte politische Meinung vertreten. Ich wäre lieber allein in Ms Zimmer gewesen und hätte seine Plattensammlung durchgehört und mir alle Titel aufgeschrieben. Dafür gab es jedoch keine Zeit und mein Interesse an M war auch nicht so, dass ich mich mit ihm hätte verabreden wollen. Deshalb blieb ich viele Jahre auf der Suche nach dem Inhalt seines Plattenschranks. Pan American, das alter Ego von Mark Nelson, gab es damals noch nicht. Aber wenn ich mich an meine Stimmung im Raum erinnere, dann war es genau diese Musik. The river made no sound.
Archives: Sonntag, 9. April 2017
2017 9 Apr.
A glimpse at the covers after so many years
Martina Weber | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Heute (Samstag Abend) fuhr ich durch Oxford, um via Leeds nach Birmingham zu gelangen. Was sich auf den ersten Blick nach einer arg umständlichen Route anhört, war tatsächlich eine recht kurze Strecke auf der Interstate 20. Allerdings nicht in New England, sondern in Alabama. Dabei dachte ich an Lucinda Williams letztes Album, das dieser Straße gewidmet ist, wenngleich im Wesentlichen der Region ein Stückchen weiter westlich, in Lucindas Heimat Louisiana (auch ganz wunderbar auf ihrem Album Car Wheels on a Gravel Road porträtiert). Leider habe ich die Ghosts of Highway 20, die ja unter den Top 5 meiner 2016-Scheiben war, nicht dabei, da ich das Doppelalbum nur auf Vinyl besitze und da kein Download enthalten war.
Mein Weg führte mich heute von Atlanta in Georgia nach Birmingham in Alabama. Nicht nur konnte Georgias geschichtsträchtige Hauptstadt bei mir diesmal einen gänzlich anderen, weitaus freundlicheren Eindruck hinterlassen als bei meinem ersten Besuch hier vor gut 18 Jahren – als ich vor allem das Zentrum mit dem Coca-Cola-Museum und den Olympia-Stätten besichtigte -, auch wurde mir bewusst, dass ich total verdrängt hatte, dass Peachtree Road natürlich Elton Johns Atlanta-Album ist. Er nahm es vor rund 14 Jahren hier auf, und es ist – ähnlich wie Tumbleweed Connection mehr als drei Jahrzehnte zuvor – vom amerikanischen Süden geprägt. Film- und Literaturkenner denken bei der Peachtree Road natürlich sofort an Gone With The Wind. Ich wiederum war nie ein besonderer Fan dieses Werks, weshalb mir diese Referenz bei Eltons Album entglitten war. Bei den Autofahrten quer durch Atlanta, auch entlang der Peachtree Road beeindruckte mich, wie unfassbar grün und gerade bewaldet das gesamte Stadtgebiet ist. Ich denke, dies ist ein Stadtbild, wie sich kaum ein Europäer eine US-Großstadt vorstellt.
Alternativ zu Lucinda Williams (von ihr habe ich zwar ein anderes Album mitgenommen, Down Where The Spirit Meets The Bone, doch das habe ich erst vorgestern bei der Fahrt durch Floridas Südwesten genossen) untermalte also die „Deep Cuts“-Zusammenstellung, die ich kürzlich hier verfügbar machte, meine gut zweistündige Abend- und Nachtfahrt (siehe Bild 1). Darin findet sich immerhin ein wunderbarer „Southern States Song“ aus dem Album Peachtree Road – Porch Swing In Tupelo:
There’s a porch swing in Tupelo
In the shade of the south
Where the sweet honey drips off that old hush-yo‘-mouth
It’s a slow road on down
That old Natchez Trace
Through Alabama cotton fields to a state of grace
It’s a crisp golden autumn
On the Tennessee line
Rolling down to Mississippi like you headed back in time
Town’s closed on Sunday
Everybody’s in church
It’s empty as the moon this place here on earthAnd this place don’t change
Some places move slow
I’m just rocking myself on this porch swing in Tupelo
I got nothing to do ‚cept hang in the breeze
Ghosts of the old south are all around me
Yea swing high, yea swing low
Here on this porch swing in Tupelo
Das Schwarzweiß-Foto stammt noch aus Floridas Süden, während ich den amüsanten CD-Tipp auf dem vierten Bild bei Decatur CD & Vinyl fand. Gekauft habe ich übrigens ein frühe(re)s Album von Laura Marling (I Speak Because I Can) und Nonagon Infinity von King Gizzard and the Lizard Wizard.
Am Sonntag wird mich mein Weg weiter nach Norden führen, ins kleine Städtchen Fayetteville in Tennessee, wo ich diesen Herrn besuche und zum Gespräch über Demokratie treffe.



