Manafonistas

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Archives: Donnerstag, 7. Januar 2016

New York, Gaslight Café, 1961. Da versammelt sich das Publikum für Folksongs in einer Zeit, bevor Bob Dylan die Bühne betrat. Der junge Llewyn Davis singt ein Lied vom Gehängtwerden. Erste Versuche, sich als Solist zu behaupten. Sein Partner, mit dem er eine Platte gemacht hat, hat sich von der George Washington Bridge gestürzt. Jemand will Llewyn sprechen, draußen. Der Mann verwickelt ihn in ein Gespräch und schlägt auf ihn ein. Warum wird ein Folksänger verprügelt, so wie es Dave Van Ronk passierte? Das war die Ausgangsfrage, die die Coen Brüder beschäftigte und die zu dem Film „Inside Llewyn Davis“ führte. Auch wenn in diesem Film niemand eine Jeans trägt: Die Schwierigkeiten für junge Künstler sind zeitlos. Es geht darum, die eigene Stimme zu finden, und einen Platz in einem Geschäftszweig. Es geht immer um Geld, das nicht da ist, das die Arbeit aber erst ermöglicht. Da sind die Eltern des verstorbenen Freundes, die Llewyn ab und zu auf ihrem Sofa schlafen lassen. Da ist die heimliche Exfreundin, die jetzt doch heiraten und eine Familie gründen will. Llewyn steht völlig allein da, seine ältere Schwester hält ihn von seinem Neffen fern, sein Vater verliert das Gedächtnis. Die Kunst scheint der einzige Ausweg für ihn, es ist genau das, was er will: seine traurigen songs. Llewyn sucht einen Produzenten, von dem er hofft, dass er ihn aufbaut: Bud Grossman in Chicago. Die Mitfahrgelegenheit mit einem selbstherrlichen alten Jazzmusiker und dessen schüchternem Asistenten, dem man auch die Rolle des Geliebten zutraut, gerät zu einem wunderbaren eigenen Roadmovie-Kurzfilm zum Thema Machtausübung, mit kaurismäkihaften Zügen. Manchmal gerät der Film zu slapstickhaft. Ein schräger Humor, der wahrscheinlich als Gegengewicht zu den existenziellen Themen gedacht ist. Die witzigste musikalische Stelle ist die Aufnahme des Songs eines Raumfahrers „Please, Mr. Kennedy“. Und wenn Sie den hier anhören, achten Sie auf die Veränderung im Gesicht von Llewyn, als er erfährt, wer das Stück geschrieben hat. Try something new, something old. Plötzlich bieten sich im Leben ganz andere Möglichkeiten, auch im eisigen nordamerikanischen Winter. Llewyn aber ignoriert auf der Rückfahrt eine Autobahnausfahrt, die der Weg in ein anderes Leben hätte sein können. Am Ende des Films sind wir wieder am Anfang, aber wir wissen mehr.

 
 
 

 
 
 

 

2016 7 Jan.

Paul Bley ist mit 83 Jahren gestorben

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Gerade höre ich Eddy Louiss & Michel Petrucciani live at „Petit Journal Montparnasse“ und lese nichts Böses ahnend die SZ, da werde ich auf einen Artikel aufmerksam („Ein paar Töne bleiben zurück und schauen sich um“) und denke, nanu, was wird das sein, lese weiter und … „Vom unerhörten Reichtum musikalischer Möglichkeiten: Der kanadische Jazzpianist Paul Bley ist mit 83 Jahren gestorben.“ Ich bin schockiert. Schon lange habe ich nichts mehr von meinem Lieblingspianisten gehört oder gelesen. Vor gar nicht langer Zeit habe ich hier auf manafonistas.de sein musikalisches Werk, seine Schallplatten vorgestellt. Von niemandem besitze ich mehr Tonträger als von ihm, Paul Bley. Ich trauere um Paul Bley. Bereits am letzten Sonntag verstarb dieser Ausnahmepianist.

Uwe Meilchen schrieb am 2. Januar, dass er am ersten Tag des Jahres Tabula Rasa und Adam´s Lament von Arvo Pärt gehört habe, beide Werke habe er sich bei einer ECM Adventskalender-Aktion gekauft. Zweierlei fällt mir dazu ein: das war doch eine richtig schöne, ja liebevolle Aktion von ECM, zum einen war es ja wirklich spannend, was sich hinter der nächsten Tür verbergen würde (was für eine kindliche Freude!), zum anderen gab es an manchen Tagen noch eine tolle Überraschung auf die Bestellung oben drauf. So habe ich Arvo Pärts Passio und Tabula Rasa als MC bekommen. Da war die Freude natürlich groß, ein Grund mehr den alten, hochwertigen Kassettenrecorder von AKAI wieder anzuwerfen. Wo gibt es so etwas, da werden die Lager einer Firma geräumt und die Musikkassetten nicht um 50% verscherbelt, sondern verschenkt. Uwe hat mich nun allerdings außerdem auf die Idee gebracht auch meinerseits, von meiner ersten Platte, die ich im neuen Jahr aufgelegt habe, zu erzählen. Es mag verrückt klingen, andere reden über letzte Musikstücke, die ein Mensch in seinem Leben hört, nun meine ich, über erste Musikstücke im neuen Jahr schreiben zu müssen. Okay, das alte Jahr verging mit dem Lauschen der letzten Minuten des Deutschlandfunks auf der Mittelwelle. Als angemessene Hörquelle habe ich mir meine Musiktruhe Nordmende Arabella Stereo aus dem Jahre 1958 ausgewählt. Und tatsächlich, die Mittelwelle wurde abgeschaltet. Das neue Jahr sollte nun mit einer ganz besonderen Platte eingeläutet werden, der einzigen Langspielplatte, die ich mit voller Absicht zweimal besitze: Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band.

 
 
 

 
 
 

Ich besitze das Original aus dem Jahr 1967, das mir so wertvoll ist, das ich es nur äußerst selten auflege, normalerweise höre ich eine spätere Wiederveröffentlichung. Nächstes Jahr wird sicherlich auf allen Kanälen über diese Platte vieles zu hören und zu lesen sein, denn dann wird die Scheibe 50 Jahre alt. Am 26. Mai 1967 wurde die Platte veröffentlicht. Mir ist noch gut in Erinnerung, dass diese LP ganz oben auf meiner Wunschliste stand – aber 21,00 DM, das war für einen Schüler ein großer Batzen Geld. Entgegen kam mir, dass ich in jenem Jahr von einem Schulfreund in den Sommerferien auf dessen Bauernhof eingeladen worden bin, dort mithelfen konnte und mich am Ende meiner Zeit dort über 20,00 DM als Dankeschön freuen konnte. Die Kohle war kaum in meiner Hand, da war es auch schon ausgegeben, eben für Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles. Der erste in der Klasse zu sein, der diese Platte sein eigen nennen durfte, war ein schöner Nebeneffekt. Die Musik hat mich umgehauen und noch heute gehört diese Platte zu meinen 20 Lieblingsplatten. Ein angemessenes Einläuten des neuen Jahres 2016, finde ich.

 
 
 

 
 
 

Übrigens gibt es ein schönes Büchlein aus dem Wagenbach-Verlag über diese Beatles-Platte: Walter Grasskamp – Das Cover von Sgt. Pepper. Eine Momentaufnahme der Popkultur.

 


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