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Archives: Sonntag, 23. Oktober 2011

Auf der KrimiZeitBestenliste Oktober thront der neue Roman von Norbert Horst ganz oben. Und er ist eine angenehme Überraschung. Endlich mal ein guter Krimi, der in meiner Heimat spielt. Essen habe ich schon immer beneidet um Jürgen Lodemann und seinen Roman vom Viehofer Platz. Schimanski hat sich Duisburg zum Revier erkoren, und ist nur einmal zu Dreharbeiten ins Westfalenstadion gekommen, weil an der Wedau die Stimmung im Keller war. Jetzt wird auch ein Tatortkommissar für Dortmund aktiv, der erste Tote soll auf einer Halde gefunden werden, wie originell!

Steiger ist der Kriminalbeamte in Horsts neuem Buch: ein 50-something, der sich lange genug an seinen Illusionen gerieben hat, aber immer noch Leidenschaft entwickeln kann, wenn Fälle nach Vorschrift abgeschlossen werden, die mehr Fragen als Antworten enthalten. Er ist ein Wühler (nach dem Tod seines Vaters wühlt auch die Vergangenheit in ihm, eine weitere Ebene des Buches!). Und so ermittelt er auch jetzt auf eigene Faust, handelt sich dabei zwangsläufig jede Menge Ärger ein. Über die Geschichte selbst an dieser Stelle kein Wort, nur soviel: der Plot ist durchweg spannend inszeniert, mit gekonnten Verschiebungen der Zeit- und Erzählperspektiven: wie sind wir die geworden, die wir sind, und wie viele Optionen haben wir noch – eine Kernfrage guter Kriminalromane. Was das Buch rundum gelungen macht, sind vor allem die lebendigen Dialoge, der Blick für Details: die Freundschaft zwischen den Polizisten Steiger und Bato wird nicht zur Kumpanei mit stereotypen Floskeln. Auch die Amtsschimmel und Kreativitätsverhinderer vom Dienst werden nicht nach Schema F durch die Manege geführt.

Dieses Buch hat auch rein gar nichts für die Tourismusabteilung des Ruhrgebiets zu bieten. Das Leben an den Randzonen, die Aus-der-Ordnung-Gefallenen werden keineswegs mit idyllischem Lokalkolorit lesefrendlich aufbereitet. Es wimmelt in dem Buch auch nicht von Litfasssäulen und Pommesbuden. Norbert Horst ist ein fesselndes Leseabenteuer geglückt, das die Konventionen des Genres gewiss nicht hinter sich lässt, aber dennoch weit über dem Durchschnitt liegt.
 
 
 

 
 
 
P.S.: Dass Steiger Schalke-Fan ist, nehme ich gelassen zur Kenntnis. Ein bisschen Schadenfreude meinerseits muss er ertragen, als er in Gelsenkirchen etwas bedäppert erlebt, wie S04 gegen den BVB dank Kagawa und Co. 1:3 eingeht. In der Meistersaison. Und die Eisdiele in Dortmund-Hombruch kenne ich auch gut. Sollte das Buch mal verfilmt werden, dann bitte mit Joachim Krol in der Rolle des Steiger. Wäre schon schön zu sehen, wie Krol den Schalke-Fan gibt, ist er doch mit Haut und Haar ein alter Borusse.

The Correct Use of Soap-2007 Digital Remaster

Magazine sind wieder da, eine Post-Punk-New-Wave-Kapelle um Bandleader Howard Devoto, die 1981 ihr letztes Album aufnahmen. Hier zur Auffrischung der Erinnerung, bzw. zum Kennenlernen, ein Song aus ihrem vielleicht besten Album, SECONDHAND DAYLIGHT.  Ähnlich dunkelleuchtend auch das dritte Opus der Band THE CORRECT USE OF SOAP. ich erinnere mich, wie begeistert John Peel davon war, und wie gekonnt Magazine bei dem „korrekten Gebrauch der Seife“ Anleihen bei Sly & The Family Stone unternahmen. Ersten Meldungen zufolge sollen Magazine mit dem neuen Album  nahtlos an die alte Zeit anknüpfen, was auch mal ein Segen sein kann, und kein Fluch.

https://www.youtube.com/watch?v=fCzSeeiAFqQ

Thomas Weber über zwei Stücke des Albums:

“Shangrila” oder auch Shangri-La ist bei uns nicht das ua auch aus Led Zeps “Kashmir” bekannte, verheißungsvolle Paradies (My Shangri-La beneath the summer moon; I will return again; Sure as the dust that floats high in June; When movin’ through Kashmir), sondern wäre vlt. eher ein trauriges fake-Paradies, in dem man sich in trügerischer Sicherheit wiegen könnte. In der vierten Staffel von Mad Men wird das von Midge, einer ehemaligen mittlerweile drogensüchtigen Bohemia-Gebliebten von Don Draper sehr schön so beschrieben, nachdem er sie gefragt hatte “Why?”: Heroin fühle sich an “like drinking 100 bottles of whiskey while someone licks your tits.”

Während das andere kurze Stück, das das Album abschließt, verheißungsvoller in die Zuknuft schaut. Es ist unsere Version von “El Pueblo Unido, Jamás Será Vencido”, einem Freiheits-/Kampflied aus Chile von Sergio Ortega. Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden. Es rekurriert aber auch auf  “The People United Will Never Be Defeated!”, den knapp einstündingen Variationszyklus, den Frederic Rzewski über das Stück von Ortega 1975 komponiert hat. Bei Rzewski verschmelzen auf bahnbrechende Weise Einflüsse aus Free Jazz, Minimal und Folk mit Techniken der Avantgarde, verbinden sich Tonalität, Atonalität und experimentelle, improvisatorische Passagen zu einem ideologischen und kompositorischen Manifest. Sagt Rzewski: “We are all ‘musicians’. We are all ‘creators’. Music is a creative process in which we all can share, and the closer we can come to each other in this process, abandoning esoteric categories and professional elitism, the closer we can all come to the ancient idea of music as a universal language. We are trying to catalyze and sustain a musical process, moving in the direction of unity, towards a sense of communion and closeness among all individuals present. The musician takes on a new function: he is no longer the mythical star, elevated to a sham glory and authority, but rather an unseen worker, using his skill to help others less prepared than he to experience the miracle, to become great artists in a few minutes.”


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