Endlich habe ich sie in Ruhe gehört, von vorne bis hinten, und die lyrics gelesen. Ich habe etliche Lieder im Auto mitgesungen, auf meinem Phone poppten sie Zeilen nach und nach auf, gross genug, um sie sich im Tempo eines Lidschlags zu eigen zu machen, und mitzusingen, mitzuhauchen, -flüstern, -schmettern – diese wunderbar verhuschte Stimme, die so viel mehr kann als nur präsent zu sein! Und die lyrics sind klasse. Immer ein Bein im Traum, eins in der Wirklichkeit. Horizonte wechseln sich ab mit Schnitt und Gegenschnitt, oder überlagern sich in einem einzigen Bild. Die Band wirkt selbst da klangbewusst und einfallsreich und leftfield, wo die Konventionen von straight und dirty und country und crooning nicht fern sind. Endlich ist das Album „physisch“ angekommen. Haptisch. Ein Sinn dazu. Und alle beieinander. Und ich mache die gelegentliche Karaoke im Toyota. Gut, dass die Duette mit Jeff Tweedy nur ich höre. Frauen würden sich in mich verlieben (ein Witz, oder nicht?!) Sie kommt so gut. Wilcos Neue. Cruel Country. Ist das ein fantastisches Doppelalbum! Noch viel besser als jene flüchtigen ersten Eindrücke, aus der Zeit, als das Album nur als Datenstrom erhältlich war. Beglückend selbst in der Dunkelheit: „From the vault inside the mountain / All the coins from every fountain / And from the sun that ‚round us rolled / Cars and streets everything gold / Lightening dashed, tossed and torn / I, at last, took demon form. All I’ve loved / I’ve loved alone.“ In der Nacht träumte ich, ich hätte Jeff in Hoboken getroffen in einem Diner. Daraus wird wohl ein langes Rock‘n‘Roll-Gedicht. (Der Tagesrest: ich las einen wundervollen Artikel gestern in Uncut über Yo La Tengo. Die leben in Hoboken, und „This Stupid World“ heisst ihr neues Album.)
Archives: Samstag, 21. Januar 2023
2023 21 Jan.
ECM Double Take (27) with Steve Kuhn
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
Two covers, and one record I love. (Click on them, enlarge!) After the Big Three left their marks with solo piano albums that hammered one milestone after the other into the road of instant classics, Paul Bley, Keith Jarrett, and Chick Corea, two gentlemen followed on their tracks, Richard Beirach and Steve Kuhn. I remember that „Ecstasy“ delivered an enchanting atmosphere from the first encounter onwards. Mr. Kuhn knew the grand gestures of Russian masters like Tchaikowski and their sense of drama and upheaval, and self-vonsciously transported well-dosed elements of it into his elegant and deep performances. Along with a free floating romanticism. The gift of the moment. The album was filled with melodic seductiveness, yet never lost its sense for restraintment in the right moments. The cover paintings of Maya Weber in the 70‘s may have raised some eyebrows, but in the long run they remain a strangeley compelling company to the musics inside.
i think of „Playground“ as one of the few ECM albums of the first 15 years of the label I haven‘t owned or even heard. And I didn‘t look for some clever crash course in filling up holes lately. As far as I remember, Sheila Jordan isn‘t a singer that ever rang a bell. That doesn‘t mean anything, beware, I only like one album of Ella Fitzgerald. A certain kind of jazz singing simply doesn‘t kill me softly. But when by chance I stumbled on this cover, it made me think: I love it so much, that I would normally have bought the album for that cover only, knowing you can‘t really go wrong with Mr. Kuhn (except one of his later works for ECM with piano and strings that was utterly boring). This cover photo is so inviting, it makes me look around – and sigh: I would love to have been there and change places with the woman in the foreground. Or sit beside her. Lovely. Just put on this record, and tell where its sends you!
Die erste Story aus Jonathan Lethems Erzählsammlung Men and Cartoons (New York 2004, deutsch: Menschen und Superhelden, 2005) hat den Titel Vision. Vision ist der Name eines Jungen, der dem Protagonisten, Joel Porush, im fünften Schuljahr während eines Kickball-Spiels in der Turnhalle der Public School 29 zum ersten Mal begegnet. Dann gibt es einen Zeitsprung und Vision ist ein erwachsener Mann im Sweatshirt, der Umzugskartons in das Haus, das dem von Joel benachbart ist, transportiert. Joel wird zu einem Spiel-Abend eingeladen. Für das Mafia-Spiel brauchte man 15 Personen. Eine davon ist der Erzähler. Diese Rolle übernimmt Vision. Dann werden durch verdeckte Karten Rollen verteilt. Es gibt drei Mafiosi und elf Dorfbewohner. Das Spiel wird geprägt durch den Rhythmus von Tag und Nacht. Nachts müssen alle die Augen schließen und die Köpfe senken. Nur die Mafiosi dürfen sich untereinander mit Blicken darauf verständigen, welchen Dorfbewohner sie umbringen wollen. (Das Spiel erfordert einen Erzähler, der streng über die Einhaltung der Regeln wacht.) Am Morgen scheidet die ausgewählte Person dann aus. Tagsüber dürfen alle miteinander sprechen. Die Mafiosi sind darauf bedacht, nicht erkannt zu werden. Am Abend einigen sich die Dorfbewohner auf eine verdächtige Person, die gelyncht wird, also ebenfalls aus dem Spiel ausscheidet. Der Reiz des Spiels besteht darin, die anderen über die eigene Identität zu täuschen, wenn man zur Mafia gehört, und die anderen Spielerinnen und Spieler einzuschätzen. Ziel des Spiels ist es, als Gruppe zu überleben. Als Gesellschaftsspiel für eine Einladung, auch noch für eine erste Einladung, kommt es mir aus europäischer Perspektive etwas gewalttätig vor. In der Story geht es auch noch um eine Comicfigur, um große Bekenntnisse während eines weiteren Spiels und um einiges mehr. Ich hatte von Jonathan Lethem noch nichts gelesen und wollte mir einen Eindruck verschaffen; es ist eine klassische, US-amerikanische Story, alltagsbezogen und etwas schräg, für meinen Geschmack etwas zu sehr von creative writing-Methoden und ihren angeblichen Erfolgsrezepten geprägt. So könnte die Story Vivian Relf auf folgender Hausaufgabe basieren: „Schreiben Sie über eine Begegnung von zwei Personen auf einer Party, die beide davon überzeugt sind, einander vorher schon irgendwo getroffen zu haben. Weitere Begegnungen nicht ausgeschlossen ;) Achten Sie auf Humor, auf funktionierende Dialoge und auf die Spannungskurve. Schreiben Sie 15 bis 20 Normseiten.“ Die entscheidende Frage der Story ist natürlich die, wo sich die beiden zuerst getroffen haben. Jonathan Lethem erhält einen Pluspunkt für die Idee, dass sich beide geirrt haben. Sie haben sich auf der Party, auf der sie einander wiedererkannt haben, zum ersten Mal gesehen.

