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Archives: Donnerstag, 14. Oktober 2021

2021 14 Okt.

Wenn ein Cronopium Techno hört

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Während eines Konzerts in Paris kam Julio Cortazar die Idee zu den «Cronopien», jenen «nassgrünen Dingerchen»: Borstig sind sie, unordentlich und lässig, verträumt und intuitiv, poetische Nonkonformisten, vertrauensvolle Optimisten, humorvolle Lebenskünstler, beste Freunde, die philosophische Nonsens-Dialoge führen können. Viele sehen in ihnen das vitale Alter Ego des Autors. Cronopien benutzen nie liniertes Papier, um zu schreiben, drücken die Zahnpastatube auch nicht von unten nach oben. Für alle Fans wurden die Cronopien zum Inbegriff Cortázars, seiner Sicht der Welt.

 

Alex Petridis hatte meine volle Zustimmung, als er sich für diese Box begeisterte. Julio hat sie leider nie gehört. Irgendjemand musste mich ja mal auf die Spur der spannenden Spielarten dieser Musik bringen. Die, die einst „Acid House“ erfanden, hatten etwas Universelles und Zeitloses freigelegt. Und wollten urprünglich nicht mehr als flüchtige Gegenwart einfangen. Rausch in strenger Taktung. „Blaue Stunden“, so nannte Julio diese Zwischenreiche. Keine Musik zuvor oder danach hat die schweisstreibende Intensität, mit der man sich in den frühen Morgenstunden auf einer Tanzfläche verliert, besser eingefangen (ausser vielleicht „Saturday Night Fever“) – man musste nicht umgeben sein von Menschen, die von Drogen und der schieren Lautstärke so wahnsinnig wurden, dass sie weinten oder in Ohnmacht fielen oder anfingen, es miteinander zu treiben, um dieses seltsame, gleichzeitig beschwingte und leicht beunruhigende jenseitige, besser, Ich-Grenzen überschreitende, Gefühl zu kennen. Ich war nie im Leben auf einer Techno-Party, habe nie Ecstasy, MDMA, oder andere Partydrogen jener Ära konsumiert. Ich besitze diese Box namens „Acid Rain“, ich habe ein paar Platten von Robert Hood, mittlerweile auch vier grossartige Alben von Underworld. Besser spät als nie. Dazu gesellen sich noch ein paar Klassiker von Kraftwerk. Diese kleine Sammlung reicht aus für meine mittlerweile berüchtigten „Techno-Parties“. Bei diesen Parties ist immer nur eine Person anwesend. Männlich oder weiblich, auf jeden Fall ein Cronopium. Der Sound ist hervorragend, und auch wenn der jeweilige Gast ab und zu wie wild durch den Raum wirbelt, sitzt er meist schweissnass im „sweet spot“ vor den Boxen. Er hat eine kleine Einführung bekommen, und nur die Alben von Underworld, Kraftwerk, Mr. Hood, und „Acid Rain“ zur Hand. Sweet dreams are made of this. Wenn ich diese „Parties for One“ veranstalte, sorge ich dafür, dass das Haus leer ist, das Nachbarhaus sowieso. Manchmal kommt dennoch die Polizei vorbei, weil Leute denken hier würden gefährliche Dinge abgehen, nur weil ab und zu das Dach zittert. Alles harmlos. Wir sind liebe Menschen, die die Stille lieben. Und genau wissen, wann „PLAY IT LOUD“ die richtige Losung ist. (Natürlich sind stets ein paar Gegenwelten zur Hand, um „runterzukommen“, sich zu erden. „Music for Airports“, „Lifestyles of the Laptop Café“, und „The Best of Al Green“.)

 

2021 14 Okt.

„Wind Catcher“

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Bei manchen Büchern, von denen ich mich direkt angesprochen und mitgenommen fühle (und jede Seite ohne Übertreibung ihre Trance bereithält), ist es so, dass sie zwei gegensätzliche Tempi des Lesens vertragen, das Verschlingen (Durchrauschen), und die Zeitlupe. So ergeht es mir bei „The Hurdy Gurdy Man“ von Donovan: ich habe die langsame Variante gewählt, das Lesen von Kapitel zu Kapitel (und manches Kapitel über Tage nachwirken lassen, bis zur nächsten gut dosierten Reise).

Der alte Schotte kommt mir vor wie ein deutlich älterer Bruder, der mir von einem parallel verlaufenden Leben erzählt. Ohne jede blödsinnige Verehrungsgeste meinerseits, einfach so. Für Gänsehaut pur sorgten die letzten zwei Absätze des Kapitels vom „Windfänger“, und ich dachte hinterher an mein kurzes grosses Verliebtsein in Inge Urban, nein, Bertram (so hiess sie damals, ggf. auch Ingrid, Ingrid Bertram): ein Lagerfeuer im Süden von Dortmund, akustische Gitarrenklänge (vielleicht Moustaki),  und wie ich mich, mehr als einen Hauch unerfüllt in meiner Sehnsucht, noch stumm, ohne Geständnis meines Gefühls, zudem ein wenig trunken vom billigen Lambrusco, in die warme Asche neben die Glut gleiten liess, hinein in einen süssen Schmerz auf warmem Waldboden.

Immer mehr geriet Don in den Bann von Alice, die zwei Jahre älter war als der Rest der „beats“ (Hippies nannten sie sich scheinbar noch nicht, Inge war auch zwei Jahre älter als ich, mit siebzehn ein himmelweiter Unterschied), die einen Sommer lang (1963) an der Küste von Devon vagabundierten. Es war wohl gegenseitig, an diesem Abend ging es mit dem kleinen Boot hinaus aufs Meer, blind für die Strömung, die ihnen die Rückkehr verwehrte. Seltsam furchtlos planten sie, ans Land zurück zu schwimmen, Alice erzählte von ihrer dünnen Haut, die es unmöglich mache zu ertrinken. Schliesslich wurden sie von einem Kutter an Bord genommen.

Donovan lässt an bestimmten Stellen seiner Lebensgeschichte Songzeilen (meist eigene) aufscheinen, die den jeweiligen Moment illuminieren (und tanzen lassen) – hier rutscht ihm, als er und Alice in der Nacht zum ersten Mal miteinander schlafen, ein Satz raus, der nicht eingerückt wird, vielmehr Teil des natürlichen Erzählflusses bleibt (also anscheinend, trotz eines Reimes, aus keinem Song stammt – ich las den Satz sofort wieder, und noch einmal, und sang ihn leise vor mich hin).

Ich habe das Buch gerade nicht zur Hand, weshalb dieser letztlich schlichte (mich so berührende) Satz nicht herbeigezaubert werden kann. Auf jeden Fall unterdrückte ich den Wunsch, zu den zwei Fotoblöcken des Buches vorzublättern, denn ich war mir sicher, dass diese Liebe Jahre dauern, und ein, zwei Bilder mindestens hinterliesse.

Alice und Don zogen dann wirklich los, ins Unbekannte (jetzt wohl trampend), und wurden Tage später von der Polizei ausfindig gemacht. Die Granny von Alice hatte eine Vermisstenanzeige auf den Weg gebracht, es ging alles sehr schnell. Ein weiteres Auto hielt am Strassenrand, in dem ein sogenannter „Onkel“  von Alice war, der sich nun aber (kein Scheiss, offensichtlich ein junger Onkel, und faktisch überhaupt kein Onkel) als ihr Verlobter entpuppte. Fast wäre es noch zu einem Handgemenge gekommen, und Donovan verprügelt worden. Er sollte sie nie wiedersehen. (Tage nach dem Lagerfeuer, und nach dem Zusammenraffen von genug Mut, erklärte Inge mir, in ihrem kleinen Zimmer, nahe dem „Bunker“, dass sie meine Gefühle nicht erwidere. Fair enough.)

Es wird die Stelle kommen, in dieser  allerfeinsten Autobiographie, in der erstmals ein Lied aus „Wear Your Love Like Heaven“ auftauchen wird, die vor ein paar Jahren zu meiner Donovan-Lieblingsplatte wurde: ich werde sie auflegen – ein Fest, eine erstklassige Tiefentrance. Mit 33 Umdrehungen pro Minute in eine andere, eigene Welt. Brimming with life. (Nachtrag: der angesprochene Satz findet sich auf Seite 69 der Taschenbuchausgabe: „That night love came easy and love came slow, as only lovers know.“) 


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