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Archives: Donnerstag, 8. Juli 2021

2021 8 Juli

Selbstmord in der Magmakammer

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I‘ m waiting for my man

 

Sie kamen um 5 am.

Das „Salvamento“ lag still schaukelnd im Hafen. In der Nacht waren keine Flüchtlinge in Seenot geraten. Der junge Käpt’n hätte selbst einer Rettung bedurft. Jemand aus dem Fischerdorf hatte ihn an die Guardia Civil von Teneriffa verpfiffen. Deswegen waren ihm die Drogenfahnder von der Nachbarinsel auf den Fersen. Sie konnten ihn zunächst nicht festmachen. Sie durchstreiften lautlos das Dorf, durchsuchten mehrere kleine Fischerhäuser. Ausgerechnet beim Vater des Kapitäns des Seenotrettungsschiffs wurden sie fündig. In seiner Garage fand die Polizei in einer Tiefkühltruhe unter den Petos, Bonitos und Tunas 100000 Euros und 1 Kilo Kokain. Die Beute hätte üppiger ausfallen können, hätte nicht jemand vorgewarnt. Der Preis der Fahndung war unkalkulierbar hoch. Der Vater, Präsident der Jagdgesellschaft aller Kanaren, nahm sein Jagdgewehr von der Wand und erschoss sich augenblicklich, als er von der Verhaftung seines Sohnes erfuhr.

Das Dorf erwachte durch das Getuschel. So muss es vor dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gewesen sein. Binnen kürzester Zeit wusste jeder, was in der Nacht geschehen war.

Das bisher idyllisch am Hafen gelegene Dorf bekam einen neuen Anstrich. Die geweißten Häusschen haben ihre Unschuld verloren. Über dem Hafenort liegt jetzt ein kriminell durchtränkter Smog.
 
 

I‘m searching for the philosophers stone

 

Sie kamen um 5 pm.

Ihre Rucksäcke waren prall gefüllt und wirkten schwer. Durch das Fenster der ehemaligen Nazivilla am Hafen konnte ich sehen, wie die beiden Männer ihre Beute auspackten: alles Lavaarten aus der Gesteinsschmelze der Magmakammer. Weshalb hatten sie so große Steine aus der Stricklava mitgeschleppt? Ich wurde Zeuge, wie der Eine einen sehr schönen schwarzen Obsidian gegen einen graugrünen Phonolithen schlug: „Sounds great“, sagte der Eine.  „Yeah, you can kill someone with it … , meinte der Andere.

Ich  freue mich insgeheim über die Begeisterung der Beiden. Sie geben Zeugnis von der „Re- Materialisierung der Welt“. „Wir beuten die Erde deshalb so brutal aus, weil wir die Materie für tot erklären und die Erde zu Ressourcen degradieren.“ (Undinge von Byung-Chul Han).

Zu dem Unverständlichen der hier auf der Vulkaninsel tatsächlich passierten Vorkommnissen lehrt uns die frühere Zeit, dass die Vulkane als Zeichen göttlichen Zorns galten, wo im feurigen Inneren Kriegswaffen geschmiedet wurden. Und – dass unsere zerbrechliche Sialschicht durch Machenschaften und Geldgier erschütterbar ist.

 

 

Neulich hörte ich mir das Gespräch zwischen Brian Eno und Rick Rubin an, in dem Eno quer durch sein Schaffen befragt wurde, und natürlich auch einige „Repertoire-Stories“ erzählte, unter anderem, wie sehr ihn in der Kindheit die Gitterbilder von Mondrian berührten, als er ihnen das erste Mal begegnete, und wie etwas so  Minimalistisches einen so immensen emotionalen Eindruck hinterlassen konnte. Genau diesen Aspekt verfolgte er ja auch mit etlichen seiner Alben. Was ich nicht wusste: er erzählte Rick Rubin auch, dass er als Kind unendlich viele Bilder malte, in denen Rot und Blau sich vermischten, weil ihn diese Zwischenzone (nennen wir es violett, es gibt sicher noch andere Namen) besonders faszinierte. Als hätte er irgendwann, bewusst oder unbewusst, den Entschluss gefasst, das Blau und das Rot der Mondrian-Bilder aus ihren schwarzen Umrandungen bzw. Einkastelungen zu lösen, zu befreien, um eine andere Zwischenwelt zu erforschen. „Instead of clarity / The  colors of rain / Bittersweet wooziness / What a romance“, ruft E.E. Cummings in einem berühmten Gedicht aus. Ein kreativer Akt, auch wenn meines Wissens keines dieser frühen Bilder erhalten geblieben ist, oder von besonderer Bedeutung gewesen wäre, ausser eben, einer ganz eigenen Fantasie auf die Sprünge zu helfen. Auch in seiner Ambient Music werden ja Sounds aus gewohnten Begrenzungen von Zeitmass und Melodie gelöst! Ich erinnere mich auch, wie Brian, als ich ihn nach seiner frühen Kindheit befragte, von seinem Grossvater erzählte, der in einer ehemaligen Kapelle lebte, in der ein Priester Suizid begangen hatte. Und die Räume waren,  statt von Tapeten,  von Orgelpfeifen umstellt, so dass man dort immerzu von (der Vorstellung von) Klängen umgeben war. Schon dieser Raum der frühen Kindheit versinnbildlicht die Idee der „Ambient Music“, lang bevor Brian im Krankenhaus, ans Bett gefesselt, die viel zu leisen Klänge walisischer Harfenmusik hörte, sie sich mit dem Licht des Tages und dem Regen mischten.


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