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Archives: Freitag, 11. Oktober 2019

In meinem Reisetagebuch findet sich der Eintrag vom 8.9.1970: wir reisen nach Jugoslawien ein. Wir nehmen den Bus von Triest nach Kozina, weiter nach Rijeka, mit einem anderen Bus bis Kraljevica. Wir schlafen in einer Pension „Frano“ am Strand.

Die Schönheit von Jugoslawien ist in dem Buch „Brücke über die Drina“ beschrieben. Ivo Andriç (1892-1975) hat dafür den Literaturnobelpreis bekommen. Lange vor Peter Handke. Die Brücke ist die beste Metapher für ein Land, das einmal als Vermittler in der Weltpolitik eine unvergleichlich wichtige Rolle spielte, als es ihm der Größe nach gebührte. Für uns war Jugoslawien ein fremdes Übergangsland zwischen zwei Welten, Ost und West, Christ und Moslem. Wir waren über die Sprachenvielfalt überrascht und fasziniert von der spektakulären Naturlandschaft.

 
 


 
 

Es war Ivo Andrić’s Verdienst, Serben, Kroaten und Slowenen zumindest sprachlich unter einen Verbund zu bringen. Wir Leser erfuhren aus seinen Büchern die ersten Details noch vor dem Balkankrieg. Peter Handke bangte zurecht um den Fortgang der Geschichte von Europa. „Indem man Jugoslawien zerstört  hat, hat man das wirkliche Europa zerstört.“ Peter Handke wollte Vorort sein, er wollte dabei sein, schauen, empfinden und fragen. Und vor allem begreifen. Und dann in Sprache umsetzen.“Nichts näher dem Göttlichen als die Sprache – die Möglichkeiten der Sprache.“

 

„Und Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen.“

(Peter Handke: Don Juan – erzählt von ihm selbst)

 

 
 

In dem wunderbaren Buch erzählt er von 7 Begegnungen mit Frauen, die verlassen werden und zwar auf so meisterliche, sanfte Art und Weise, wie das Leonhard Cohen tat. Handke lässt die Frauen in geografische Räume treten und hält sie dort in der Zeit fest – ganz der Nietzsche-Kenner – er bittet sie, den erfüllten Augenblick festzuhalten. Vermögen die Liebenden, die Liebedienerinnen ihren Don Juan zu erkennen? Seine Verführung? Was sind das für Frauen? Verführen nicht eher sie? Handke beschreibt die erste Frau unglaublich sinnlich. Es ist eine Rockerbraut in Lederklamotten mit nichts „drunter“. Auf dem Rücksitz einer schweren Maschine. So oder so, das kann Handke also auch. Ein weiterer Versuch. Die Versuche sind symptomatisch für sein Oevre. Er schaut, er empfindet, er fragt, er begreift … Auf einer Hochzeit im Kaukasus erzählt er, wie die Braut mit ihm flirtet.“ Jetzt gab es nichts mehr als die fremde Frau … Da saß keine Braut mehr, sondern nur noch die Frau … unbeschreiblich schön … Er erzählte weiter, dass er, in der Tür stehen geblieben,  sie so nah und so gross sah wie durch ein Telescop insbesondere so ausschließlich. Don Juan war kein Verführer. Er hatte noch nie eine Frau verführt. Zwar waren ihm welche begegnet, die ihm das nachgesagt hatten. Aber diese Frauen hatten entweder gelogen, oder sie wussten nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, und hatten eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen.  Und umgekehrt war Don Juan auch noch kein mal von einer Frau verführt worden. Es war vielleicht vor gekommen, dass er solch einer Möchtegern-Verführerin ihren Willen, oder was es eben war, liess, doch im Handumdrehen wurde ihr dann klargemacht, dass es jetzt um keine Verführung mehr ging und dass er, der Mann, weder den Verführer verkörperte noch auch das Gegenteil. Er hatte eine Macht …“ (DON JUAN S.73) Eine geniale Vorlage für Pavarotti und die me too ladies …

Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis, er hat ihn verdient. Ich wünsche ihm noch viele Leser. Und für seine genauen Skizzen noch viele kontemplative Betrachter.

2019 11 Okt.

… und 2019

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In einem meiner ersten Kommentare hier auf dem Blog (ich war noch kein „offizieller“ Manafonista) ging es auch um Herbert Vesely‘s Film „Der kurze Brief zum langen Abschied“ nach dem gleichnamigen Text und Drehbuch von Peter Handke. Damals deshalb, weil in diesem durchaus typisch deutschen Roadmovie die Musik Brian Enos zu der wunderbar surrealen Atmosphäre wesentlich beitrug und die Unbestimmtheit vieler Szenen auf ein neues Niveau hob. Leider ist dieser Film aus dem öffentlichen Repertoire völlig verschwunden.

Vor etwas über 40 Jahren wurden die Texte Peter Handkes durch den großen Bruder einer Grundschulklassenkameradin in unsere Familie gebracht. Genauer besuchte er öfters meine Mutter und führte lange Gespräche mit ihr, was insofern ungewöhnlich war, dass sie sonst eine eher zurückhaltende und kontaktvermeidende Person war. Eines Tages brachte er, der übriges heute eine exzellente Bassgitarrenmanufaktur führt, „Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“ zu uns mit. Ein Büchlein mit Texten, die ich als damals Spätpubertierender verschlang und nach mehr verlangte.

So saß ich etwa ein Jahr später in der Oberstufe im Unterricht und las von den ewigen Redundanzen gelangweilt, Handke‘s „Kaspar“. Stille und unauffällig. Was meine Lehrerin nicht davon abhielt mich zur Ordnung zu rufen und mich scharf fragte, was ich denn da unter dem Tisch täte. „Lesen“ antwortete ich lakonisch und verkniff mir den Kommentar zum Stimulationsniveau ihres Unterrichts. „So, was denn? Dann lesen sie doch mal vor!“ legte sie nach. Doch der Moment ihrer vermeintlichen Überlegenheit weilte nur kurz, als ich ruhig begann einfach genau die Textstelle, an der ich mich gerade befand, vorzulesen. Wer mit dem Text vertraut ist, weiß, dass es sich fast nur um Ausführungen zum pädagogischen Frontalversagen handelt, klar im Inhalt und klar in den theaterreifen Aussagen. Desto weiter ich las, desto amüsierte zeigte sich der Kurs und desto stiller und verlegener wurde meine Lehrerin. Es war genau das letzte mal, dass ich beim Lesen in ihrem Unterricht gestört wurde.

Später trug ich lange Zeit meist eines seiner Journale, beginnend mit dem „Gewicht der Welt“ mit mir herum, weil sich diese kurzen, oft sehr präzisen Beobachtungen, die gerade die kleinen, leicht zu übersehenden Dinge fokussierten, hervorragend eigneten in den kleinen Momenten zwischendurch gelesen zu werden. Manchmal weckten sie mich auch einfach auf und zogen mich in eine Beobachterposition hinein, in der ich zum stillen Betrachter der Dinge werden konnte, die sonst nur zu schnell übersehen werden. Und genau diese feine Spur ist es, die ich an Peter Handke‘s Texten mag, so strittig sie vielleicht in anderer Hinsicht auch sein mögen und die nicht zuletzt auch zu etwas Doppelbödigem, wie dem „Versuch über den stillen Ort“ geführt haben.

 
 

 


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