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Archiv: Peter Handke

Badenweiler ist eins der Paradiese, das die Götter jedes Jahr im Oktober öffnen. Ich trat ein. Über dem großen Tor stand LITERATUR UND MYTHOS.

 
 

Raoul Schrott sah ich schon im Bühnenlicht als Safranski noch mit seiner Definition brillierte: Mythen sind Erkenntnismaschinen. 

 

Und dann begann der atemberaubende Parforce-Ritt des MythenSpezialisten Raoul Schrott. Wir sind nicht das, was wir haben, sondern das, was wir wissen. Hemdsärmelig sagte er das, die Bedeutung wird mir erst nach dem Vortrag bewusst. Er erzählte uns eine alte persische Geschichte von einem König, der drei unerfahrene Söhne hat und sie deswegen in die Welt schickt. Anhand von erstaunlichen, lustigen Schilderungen dieser Prinzen, die einem Hirten helfen, dessen Kamel entlaufen war, das Kamel zu orten, ohne es gesehen zu haben. Raoul erklärt uns, dass das Kamel das Virus ist, das durch die Jahrtausende immer wieder in Texten je nach Wirt, Zeit, Kultur und Kolorit verändert wird. Faszinierend wie er den Bogen spannt von dem persischen Dichter über Buddha, den christlichen Legenden, Turandot bis Edgar Allen Poe. Safranski strahlt am Ende des Vortrags siegesbewusst Das historische Wissen hat eine unglaubliche Aufklärungsmacht. Es ist der absolute Gegner des Fundalismus.

 
 

Film von Peter Hamm: Der schwermütige Spieler – Peter Handke – Ein Porträt. (90 Min. 2002)

 

Der sympathische, enge Freund von Handke war anwesend und zeigte den Film, den er vorwiegend in Chaville in Handke’s Haus aufgenommen hatte. Es gibt keine DVD. Handke Verehrer mussten also nach Badenweiler pilgern und viele Fans waren angereist, um diesen Film zu sehen. Freilich waren einige von ihnen bereits aus Griffen gekommen, wo es inzwischen auch ein Peter Handke Museum gibt.

Während des Films lief Beatles Musik, Paperback writer, Help … Es ist ein sinnlicher Genuß, Peter Handke beim Mäandrieren zuzusehen: er behauptet etwas, nimmt es zurück, lacht und kehrt zu seiner Erstmeinung zurück. Es geht in dem Film hauptsächlich über das epische Schreiben. Aber auch um die Illusionen, wie sie uns enttäuschen.

Es gibt ein Buch zu dem Film mit dem Titel  Es leben die Illusionen.

Für mich war interessant zu erfahren, dass es Peter Hamm war, der Handke und Hermann Lenz zusammengebracht hat – „nebendraussen“ – „au net schlecht“.

 
 

Simon Strauss – Sieben Nächte

 

Die Welt, die ich in mir trage, lebt vom gesprochenen Wort, von Austausch und Augenaufschlag. Ich brauche das Gespräch, Gesichter, die leuchten. Freiheit und Freundschaft – die Worte haben doch denselben Stamm, gehören zusammen. Noch ist es nicht zu spät, das Virtuelle mit dem Handschlag, der Umarmung zu überlisten. Noch ist Zeit, gemeinsam zu streiten, eine Gruppe zu gründen mit dem Namen ‚Neue Sinnlichkeit‘.

Da steht also der Sohn von Botho Strauß auf der Bühne vor 400 Gästen und lächelt entschuldigend herab. (Er greift in seinem Text die Rentner an, Publikumsalter ist 65+) Nein Publikumsbeschimpfung geht anders, das was er liest, ist eher eine Bekenntnisschrift eines jungen Mannes mit der Frage: Was tun? Auf dem Verwirklichungstrip ist er nicht, er will Wirklichkeit: Die Welt braucht mich jetzt.

Am Abend beim Wein beklagt er mir gegenüber die harmoniesüchtige Elterngeneration, die keine Wutbürger will, sondern, dass ihre Kinder die Elternträume verwirklichen sollten. Ich kenne diese Vorwürfe von meinen Kindern und sage: halt nein, wir lebten und leben unsere Träume. Ich frage ihn noch nach dem Befinden seines Vaters. Es gehe ihm gut.

 
 

PATRICK ROTH – JOSEPH VON NAZARETH SUNRISE

 

Patrick Roth war für mich die Entdeckung auf den Literaturtagen in Badenweiler.

Er stand in seiner Jeansjacke und Turnschuhen am Lesepult und las mit einer sonorischen Stimme in einer rhythmischen Intonation, die zumindest mich sofort in eine andere Welt mitnahm. Die Syntax so merkwürdig altertümlich, das Thema biblisch, der Titel des Buches abgedreht SUNRISE. Patrick Roth hatte erzählt, dass er lange in Los Angeles gelebt hat, dort auch Film studiert hat. Das hört man in seinen Texten heraus. Seine Bildersprache ist stark, seine Symbolik nahe an C.G. Jung, sein Drama in Hollywood gelernt. Er hatte sich immer – besonders in Träumen – gefragt, welche Rolle Joseph neben Maria und Jesu gespielt hat. Er fühle sich in ein göttliches Drama hineingezogen. Traum und Wirklichkeit gehen ineinander über. Er liest über den Corpus Christi – how weird, diese Beschreibung vom und im Felsengrab. Dann höre ich schon von weit her „… dann erwachte ich. Der Auferstandene stand vor mir.“

Rüdiger Safranski nannte ihn einen ‚Fackelträger der Erinnerungen‘, er verglich ihn mit den großen Schriftstellern, z.B. Dostojewski.

 
 

Es lasen noch Cees Noteboom („Briefe an Poseidon“), Christian Ransmayr („Die letzte Welt“) und Barbara Vinken … alles vom Blatt ab. Ermüdend. Erfrischend dagegen Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Rüdiger Safranski lobte ihr Erzähltalent und nannte ihr dickes Werk eine Liebeserklärung an Georgien.

 

Resumé: Badenweiler und Literatur ist eine lukullische Epikurmischung, die ein Literatenherz höher schlagen lässt. Britzinger Spätburgunder und Badischer Sauerbraten mit Steinpilzsauce verwöhnten ebenso wie die Gespräche am Rande der Lesungen bereicherten. Die Auftritte der Betriebssternchen hatten was Ansehnliches, das Fest kann also als empfohlen weitergesagt werden.

Vor ein paar Monaten schrieb ich an dieser Stelle ein paar Zeilen über die Wenders-Filme Alice in den Städten und Im Laufe der Zeit. Einige Jahre bevor diese Filme entstanden, wollte Wenders, Chefarztsohn, nach abgebrochenem Medizinstudium noch Maler werden. 1966 hatte er das Theaterstück Publikumsbeschimpfung von Peter Handke in der Städtische Bühne in Oberhausen gesehen. Damals traf er zum ersten Mal Peter Handke. Man soll sich über das gerade gesehene Stück ziemlich gestritten haben, hieß es. Während Handkes Zeit in Düsseldorf begegneten sich die beiden zufällig erneut. Hier in Düsseldorf legten Handke und Wenders dann den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft. Für Wenders ist Handke der erste und beste Freund. Der Wunsch Maler zu werden, führte Wenders zunächst nach Paris, wo er allerdings weniger die Malerei als vielmehr für sich das Kino entdeckte. Er besuchte nun die Filmschule in München. Schon bald folgte die erste Zusammenarbeit der Freunde: Wenders drehte nach einem Buch von Peter Handke mit seinem Freund zusammen Drei amerikanische LPs, einen Fernsehkurzfilm für den Hessischen Rundfunk.

 
 
 

 
 
 

Zwei Jahre später folgte Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter. In beiden Filmen spielte die Musik eine zentrale Rolle, Im Wenders/Handkefilm Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter muss der Held des Films, Josef Bloch, wegen eines Fouls vom Platz, rote Karte, das wirft ihn vollkommen aus der Bahn. Gezeigt wird Bloch, wie er in Kneipen abhängt, die Musikboxen bedient, zuhause, im Hotel, überall Musik hört. Atmosphäre wird über lange Einstellungen erzeugt – gezeigt werden Tankstellen, Busse, ein Bahnhofskino, Musiktruhen, Kofferradios, Spielautomaten, Warteräume, Flipperautomaten und immer wieder Jukeboxen – und jede Menge Musik gibt es zu hören, von Van Morrison, den Kinks, den Troggs und anderen, gesprochen wird wenig.

 
 
 

 
 
 

Musik spielte in diesem Film eine so überragende Rolle, dass der Streifen Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter wegen ungeklärter Musikrechte über 40 Jahre lang nicht gezeigt werden durfte. Man kann ihn jetzt wieder sehen, aber was für eine Enttäuschung, nicht mit der Originalmusik.

Zuerst aber drehten die Freunde Drei amerikanische LPs, einen Fernsehkurzfilm, den ich bisher noch nicht anschauen konnte. Über viele Jahre war ich auf der Suche nach diesem frühen Roadmovie. Nun, jetzt bin ich von Freunden auf diese Adresse aufmerksam gemacht worden und gebe den Tipp hier natürlich gleich weiter. Dreizehn Minuten aus einer anderen Zeit, 1969 war das.

 
 
 

 
 
 

Und jetzt weiß ich auch, um welche drei amerikanischen LP es geht: Van Morrisons Astral Weeks; Green River von Creedence Clearwater Revival und Harvey Mandels Cristo Redentor.

Anderes Thema jetzt: die Firma Hubro Records ist für mich ja schon seit einigen Jahren eine Andresse für Überraschungen. Kürzlich bin ich auf Hilde Marie Holsen und ihr Album Lazuli gestoßen und war total begeistert. Miles spielt da aus dem Himmel. Man glaubt es nicht, was die junge norwegische Trompeterin da für eine Musik hervorzaubert. Das fast 17minütige Titelstück hat mich jedenfalls so umgehauen, dass die Platte mal auf jeden Fall unter die ersten zehn auf meiner Hitliste 2018 erscheinen wird. Übrigens ist es Hilde Marie Holsens zweite Arbeit, die bei Hubro veröffentlicht wird, Ask war ihr Erstlingswerk.

 
 
 

 

2018 3 Mai

Eine Peter Handke Biografie

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Was war er für ein Typ, zu Lebzeiten? Ein finster blickender Unglücksprophet, der schon als Kind um sich herum den „Tempel des Nichtendenwollenden Deutens und Bedeutens“ errichtet hatte und fortan darin wie in einem Gefängnis saß. Ein Meister der Dämmerung. (Malte Herwig)

 
Die Neugierde ist ein ausgezeichneter Kompass: sich genau dem widmen, was gerade von Interesse ist. „Was ist der Peter Handke wert: was hat es mit ihm auf sich, wer ist dieser Autor?“, genau das war jetzt die Frage und die Zeit schien reif, endlich einmal Wissen zu erlangen, das über Wikipedia hinausgeht und – das Krakelen eines Literaturpapstes noch im Ohr – vorurteilsfrei diesem Schriftsteller zu begegnen sowie Bildungslücken aufzufüllen.

Eine aktuelle Biografie kommt da gerade recht. Unvergesslich jene Abendstunden, in denen man sich einst nach langem Arbeitstag im Winter auf der Baustelle den Feierabend schön machte: mit einem bis zum Rand gefüllten Glas Fernet Branca, einigen Zigaretten und der Lektüre von Rüdiger Safranskis Heidegger-Buch mit dem Titel Ein Meister aus Deutschland.

„Ein Meister der Dämmerung“ – so heißt die Biografie über einen Meister aus Österreich, geschrieben von Malte Herwig und im letzten Jahr erschienen. Sie liest sich spannend wie ein Roman, sehr lebendig und frisch, und sie zeigt, um wen und was es sich handelt: um das paradigmatische Exempel eines Schriftstellers der Innenwelt-Erkundungen.

Peter Handke ist keiner für die großen Erzählungen, die sensationellen Plots und für das humoristische Fach. Was er schreibt, handelt vom Tiefgang seiner Empfindungen, von der Genauigkeit seiner Wahrnehmungen, dem angestrengten Bemühen um klischeefreie Wortfindungen. Wäre er Schweizer, es würde nicht wundern: ein Uhrmacher der Sprache, langsam, bedächtig, fast pedantisch. Hier kann man von Handke lernen: Sprache – schriftlich oder mündlich – präzise zu benutzen. Die Stunde der wahren Empfindung.

Etwas Wesentliches verbindet unsereins mit diesem bedeutenden Schriftsteller – und hier mag der Kernpunkt des Interesses liegen: es ist das Bedürfnis nach Stille. Wanderungen, Vereinzelung und Ausweitung, die Selbsterleichterung durch das Erleben von Landschaft und Natur werden als ein Ausweich-Pol benutzt, über den man dann wieder den Zugang zu den Mitmenschen findet. Wie beim Billard: über die Bande, das Dreieck, spielen. Auch bei Handke zeigt sich diese Ambiguität im Bedürfnis nach Rückzug und nach Gemeinschaft.

Malte Herwigs Biografie ist auch eine Anleitung zum Schriftstellerwerden, ohne dabei unglücklich zu sein. Ein facetten- und beziehungsreiches Leben, das da jemand führt und führte, mit der nötigen Portion Egozentrik und Rigorosität, die unabdingbar scheint für einen erfolgreichen künstlerischen Werdegang. Peter Handke ist Musikliebhaber, seine Tochter Amina ist DJ. Über Musikgeschmack kann man streiten, aber hier schreibt einer auch im Horizont von Selbstfindung – eine wichtige Stimme im Sound der Pop-Kultur.
 

 
Malte Herwig: „Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biografie“, DVA
 

Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 

Es wird Frühjahr. Die Jukebox-Kneipen, die über die Wintermonate geschlossen hatten, erwachen zum Leben, die Wirte öffnen die Läden, lassen frische Luft herein, schalten schon einmal die Jukebox ein, bemerken, dass die Schallplatten nicht gleichmäßig laufen, wenn sie sich überhaupt bewegen. Das altbekannte Problem: die Schmierung der beweglichen Teile wird während der langen Ruhezeiten zäh und es dauert seine Zeit bis alles wieder rund läuft.

Ein Wirt schickte mir neben seinen Plattenwünschen auch noch einen kurzen literarischen Text, der ihm während des Lesens an langen Winterabenden besonders gefallen hat, es handelt sich um einen Ausschnitt aus einem Buch von Peter Handke „Versuch über die Jukebox“:
 

An einem Spätwinterabend saß er, in den Skripten das um so stärker anstreichend, was er um so weniger aufnahm, in einem seiner bewährten Jukebox-Cafès. Dieses lag an einem für dergleichen eher untypischen Ort, am Rand des Stadtparks, und auch die Kuchenvitrine und die Mamortischchen paßten nicht zu seinem Ding. Die Box spielte, aber er wartete wie immer auf die von ihm selbst gedrückten Nummern; dann erst war es richtig. Auf einmal, nach der Plattenwechselpause, die, mitsamt ihren Geräuschen – dem Klicken, dem Suchsurren, hinwärts und herwärts durch den Gerätebauch, dem Schnappen, dem Einrasten, dem Knistern vor dem ersten Takt-, gleichsam zum Wesen der Jukebox gehörte, scholl von dort aus der Tiefe eine Musik, bei der er zum ersten Mal im Leben, und später nur noch in den Augenblicken der Liebe, das erfuhr, was in der Fachsprache „Levitation“ heißt, und das er selber mehr als ein Vierteljahrundert später wie nennen sollte: „Auffahrt“? „Entgrenzung“? „Weltwerdung“? Oder so: „Das – dieses Lied, dieser Klang – bin jetzt ich; mit diesen Stimmen, diesen Harmonien bin ich, wie noch nie im Leben, der geworden, der ich bin; wie dieser Gesang ist, so bin ich, ganz!“? (Wie üblich gab es dazu eine Redensart, aber, wie üblich, entsprach sie nicht ganz: „Er ging in der Musik auf“.)

 
Ein wunderbarer Text!
 
Jetzt aber zu den Platten: natürlich bleiben die Klassiker in den Boxen. Zu ihnen gehören auch zwei Singles der Sparks: `This Town Ain´t Be Big Enough For Both Of Us´ und `Amateur Hour´, beide erschienen 1974. Ich erwähne hier besonders die Sparks, weil sie unlängst auf ARTE zu sehen waren und – ehrlich, man glaubt es kaum – sie spielten die beiden Lieder am Schluss des Konzerts in alter Frische.
 
 
 

 
 
 
Nun aber endlich zu einigen – ich nenne mal elf – eingegangen Jukebox-Plattenwünschen für dieses Frühjahr:
 
Twain: Solar Pilgram (The Sorcerer / Nov.2017)

Tristen: Glass Jar (Sneaker Waves / Febr.2018)

Van Morrison & Joey DeFrancesco: You´re Driving Me Crasy (You´re Driving me Crasy / April`18)

Aisha Bradu: Bridges (Bridges – Acoustic 2018)

Special Explosion: Fire (To Infinity Dez.2017)

Eels: Premonition (The Deconstruction / April 2018)

Eels: Today Is The Day  (The Deconstruction / April 2018)

Anna Burch: Tea-Soaked Letter (Quit The Curse / Febr.2018)

Collapsing Stars: The Storm (2012 / Aug.2017)

Dead Horses: Turntable (My Mother The Moon / April 2018)

Sparks: I Wish You Were Fun (Hippopotamus / Sept.2017)
 
 
 

 


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