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Archives: Sonntag, 9. Juni 2019

Er wurde 1911 in Mississippi geboren, seine Mutter zog mit ihm von Plantage zu Plantage, er begann Maultrommel zu spielen, dann Mundharmonika, erst dann entdeckte er sein Instrument: die Gitarre. Nach dem Tod seiner jungen Ehefrau verschrieb er sich dem Blues. 29 Songs nahm er auf, das war in den Jahren 1936 und 1937. Mit 27 Jahren starb er, an einer Vergiftung? An den Folgen einer Schlägerei? Der Ich-Erzähler einer Geschichte mit dem Titel “Dark Was The Night“ gibt es eines Tages auf, über das Leben von Robert Johnson zu forschen, zu viele Anekdoten, zu wenig ist über sein Leben bekannt, also hält er sich an seine Musik und versucht das ganz große Rätsel zu lösen: Robert Johnson hatte nur 29 Titel eingespielt, dreizehn davon ein zweites Mal, es gab also 42 Aufnahmen, aber seit unser Erzähler1966 zum ersten Mal davon gehört hatte, dass es von Johnson einen dreißigsten Song geben müsste, hatte er sein Lebensthema gefunden: die Suche nach dem dreißigsten Song von Robert Johnson.

Am 2. August habe ich hier das Buch Vintage von Grègoire Hervier zu lesen empfohlen. Für den Sammelband “Soundcheck – Geschichten für Musikfans“, ausgewählt von Christine Stemmermann, steuerte Grègoire Hervier die Erzählung “Dark Was The Night“ bei, die letzte von neunzehn Erzählungen dieses Buches aus dem Diogenes-Verlag, zehn von ihnen wurden anderen Erzähl-Sammlungen entnommen, bei neun handelt es sich um Ausschnitte aus Romanen (was übrigens erstaunlich gut funktioniert).

 
 

 
 

Die Reihe hochinteressanter Musikgeschichten beginnt mit einer Erzählung von T.C. Boyle: ein gerade Verstorbener ist auf der verzweifelten Suche nach dem Hardrock-Himmel.

Rachel Joyce erzählt in “Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ von dem Besitzer eines Plattenladens, Frank, der für jeden die Musik vorrätig hat, die er gerade braucht, verkauft freilich ausschließlich VINYL. Eines Tages kommt ein Mann in den Laden, der eine bestimmte Musik sucht, aber er mag nur Chopin hören mag, doch Frank überrascht ihn mit ganz anderer Musik.

In “Becks letzter Sommer“, einer Erzählung von Benedict Wells, geht es um einen Lehrer, der die Fächer Deutsch und Musik am Georg-Büchner-Gymnasium unterrichtet. Gerade eben noch musste er in der chaotischen 11b eine Musikstunde halten, als ihm ein Schüler einfach seine geliebte Fender Stratocaster entwendet und ein atemberaubendes Solo hinlegt.

Nick Hornby schreibt in “I´m Like a Bird“ über ein Phänomen, das auch ich seit meinem zehnten Lebensjahr nur zu gut kenne: da hört man einen Song im Radio und muss das Musikstück immer und immer wieder hören, was bedeutet, dass man es entweder mit dem Tonband aufnehmen oder sich die Platte kaufen muss (wir befinden uns in einer Zeit, in der es noch keine Streaming-Dienste gab). “Speedy Gonzales“ von Pat Boone war für mich so eine Single, die ich nicht genug hören konnte. Die Vorstellung, den Song einmal nicht mehr hören zu wollen, war vollkommen abseitig. Und dennoch geschieht es natürlich immer wieder, es passiert eben doch, dass man eines Tages diese Musik nicht mehr hören kann. Nick Hornby zitiert den großen Erzähler Dave Eggers, der die Theorie vertritt, dass Menschen, die sich Songs wieder und wieder anhören müssten, das nur täten, weil sie die Musik „knacken“ müssten, bis sie sie eines Tages nicht mehr hören könnten. Hornby beschreibt das am Beispiel von „I´m Like a Bird“, einem Lied von Nelly Furtado. Dieser Song habe in ihm, Nick, die Sucht geweckt, dieses Stück immer und immer wieder zu hören. Ich habe mir diesen Song angehört und … nichts, er gefällt mir überhaupt nicht, spricht mich nicht an. Auch das ein interessantes Phänomen.

Der Erzählband “Soundcheck“ hat mich allerdings nicht nur angesprochen, er hat mich begeistert: Neben den eben genannten Autoren, finden sich hier auch Erzählungen von Julio Cortàzar, Haruki Murakami, Rob Sheffield und vielen anderen.

Mir persönlich am liebsten ist allerdings doch die Geschichte von Grègoire Hervier “Dark Was The Night“. Zur Lektüre empfehle ich natürlich die Originalsongs von Robert Johnson aufzulegen.

 
 

2019 9 Juni

Red Kite

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Als Kind hatte ich einen roten Drachen. Aus transparentem, wasserfestem Papier, das auf einen dünnen selbstgebastelten Holzrahmen aufgezogen war und am längeren Ende eine Schnur mit vielen bunten Papierschleifchen hatte. Und der flog phantastisch, wenn man ihn erst einmal in die Luft bekommen hatte, tanzte wild umher, manchmal unberechenbar und fast heiter, manchmal in beklemmenden Kurven direkt auf den Boden zu, so dass es einiger Geschicklichkeit bedurfte ihn vor dem Absturz zu bewahren und manchmal scheinbar zentrifugal, wobei er mich fast zum Abheben brachte.

Jahre später begegnete mir der rote Drachen wieder. Dieses mal als Blotter Art, wo sich ein verschmitzter Drucker wohl gedacht hatte, dass ein einfacher, klassischer roter Drachen das geeignete Symbol für psychedelisches Abheben sein müsste. Hier bleibt nur anzumerken, dass die Rechnung mehr als aufging und der Tanz zwischen den Welten einer ähnlichen Dynamik folgte wie mein roter Papierdrachen in Kindertagen.

Dieses mal tauchte er in meinem Briefkasten auf und gab vor das Debutalbum eines norwegischen Free & Heavy Prog Jazz-Rock Emsembles zu sein. Nach meinen Vorerfahrungen mit roten Drachen schien eine gehörige Portion Skepsis angezeigt zu sein, was für mich allerdings eher einen Anreiz darstellt als mich abzuschrecken. Also rein in den CD-Player damit und…-.–/////=..//==///..: – los geht’s mit einem Cover von Ptah, The El Daoud. Mit voller Wucht, filigraner Spielfreude und erheblicher Schärfe. Dagegen hört sich das Original von Alice Coltrane an wie ein esoterisches Kinderlied. Und dem fantastischen Basslauf, bei dem die Heavy Metal erprobten Musiker die Schnittstellen zwischen Jazz und Metal gleich exzessiv ausloten. Direkt danach gibts erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes ein paar ordentliche Einläufe, wobei der Zweck die Mittel heiligt: 13 Enemas For Good Luck. Spätestens bei dem Manöver wäre mein roter Papierdrachen hinüber gewesen: wild fetzend, rasant wegreissend und in elegantem Bogen abstürzend zugleich!

Das Quartett um den Gitarristen Even Helte Hermansen bringt in einem quasi-alchemistischen Prozess die Elemente von Jazz, Jazz-Rock, Metal und Free-Jazz zum Kochen, um sie dann zu etwas Höherem, Neuen nahtlos zu verschmelzen, wobei in jedem Ton die unbändige Spielfreude der Musiker brachial die auditiven Zentren im Hirn aufbohrt. Elephant9, Shining, Bushman’s Revenge und Grand General waren die Übungsfelder für diesen Stilamalgam, der sich bemerkenswert frisch und organisch zeigt.

Beim dritten Stück Flew A Little Bullfinch Through The Window wird es in fast rührender Weise skurril, psychedelisch und rhythmisch vertrackt zugleich, ohne dass der geneigte Hörer auch nur einen Augenblick eine Chance hätte zu vergessen, wo die Harke hängt. Und wer bei diesem Stück den Schluß verpasst findet sich unversehens in dem Fleischwolf des chaotisch-harmolodischen Heavy-Jazz von Focus On Insanity wieder, wo der Nordsturm all die Folgen der bunten Blotter-Bildchen wild durcheinanderwirbelt und eine Initiation der Intensität einleitet. Da fällt mir doch gleich Der Fliegende Robert von Heinrich Hoffmann ein, den ich wegen seines konsequent-anarchischen Potenzials und seiner kompromisslosen Abenteuerlust schon immer am meisten von den Geschichten Hoffmanns geliebt habe und mich immer schon gefragt habe, warum er ein mahnendes Beispiel sein sollte. Gleich einer Gabelweihe stürzt er sich furchlos in die Cumulus-Wolken und zieht davon:

 
 
 

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben.
Robert aber dachte: Nein!
Das muß draußen herrlich sein!
Und im Felde patschet er
Mit dem Regenschirm umher.

Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,
Daß der Baum sich niederbeugt!
Seht! Den Schirm erfaßt der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit.
Niemand hört ihn, wenn er schreit.
An die Wolken stößt er schon,
Und der Hut fliegt auch davon.

Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja, das weiß kein Mensch zu sagen.

 
 
 

You Don’t Know, You Don’t Know. Ich auch nicht. Robert ward nicht mehr gesehen und im letzten Stück wird er wohl friedlich, umgeben von narkotisierenden Wolken der Unwissenheit auf neuem Boden niedergegangen sein. Zurück bleibt das sanguinische Abbild eines hochkomplexen musikalischen Vexierbildes. Durch welche wilden Böen mein roter Drache geflogen ist weiß ich auch nicht mehr zu sagen. Jetzt aber ist er wieder heil am Boden und ich nehme ihn unter der Arm und gehe nach Hause. Ob ich es je wiedererkennen werde?

 
 
 

 


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