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Archives: Freitag, 5. Oktober 2018

 

 
 
 
Damit es nun endlich mal weitergeht mit der Asmus-Tietchens-Reihe.

Spät-Europa, erschienen 1982 als die zweite von Tietchens‘ Sky-Records-Veröffentlichungen, schließt nahtlos an Biotop an, ist aber, was die Beherrschung des Instrumentariums angeht, einen Schritt weiter. Während Biotop noch einen eher spielerischen und dadurch manchmal etwas beliebigen Eindruck machte, scheint mir Spät-Europa bereits recht deutlich von einer konzeptionellen Grundüberlegung auszugehen. Hier ist nichts zufällig, Tietchens wusste offenbar sehr viel genauer als bei dem Vorgänger, was er wollte, und er konnte es handwerklich auch umsetzen. Hinter dieser Platte steckt eine gehörige Portion Aggressivität, die trotz der etwas verwaschenen Akustik durchkommt. Letztere erklärt sich aus dem Hallgerät, dem verwendeten Harmonizer und einigen Effektgeräten, die auch schon auf Biotop zum Einsatz kamen, aber auch diese sind hier sinnvoller und gezielter eingesetzt. Als „Band“ wird auch hier wieder das „Zeitzeichenorchester“ angegeben, das aus Anagrammen von Tietchens‘ Namen besteht. Als Gast in „Schöne Dritte Welt“ tritt C. V. Liquidsky (= Andreas Hoffmann, von Cinéma Vérité) in Erscheinung; das Stück wurde auch in das Kompilationsalbum Mit festem Gruß von 1999 (The Bog 0609) aufgenommen.

„Schöne Dritte Welt“ dürfte eines von Tietchens‘ „poppigsten“ Stücken sein, eine gewisse Galligkeit ist allerdings unüberhörbar. Sie zieht sich durch das ganze Album und macht klar, weshalb Sky-Records-Chef Günter Körber nicht mehr allzu begeistert von dem Material war — dies war nicht das, was er sich von Tietchens versprochen hatte, und Tietchens hatte keine Lust, das zu liefern, was Körber sich wohl wünschte. Da aber ein Vertrag über vier Alben bestand, erschienen noch zwei weitere Alben Tietchens‘ auf Sky, die im selben Stil gehalten sind. Spät-Europa erschien mit 1000 Stück Auflage, was selbst für Sky-Verhältnisse wenig war. Der Titel „Erloschene Herzen“ war ein freundlich-ironischer Gruß an Michael Rothers Flammende Herzen (die beiden sind gute Freunde; wenn man die richtigen Kneipen in Hamburg kennt, kann man sie gelegentlich beim Pool-Billard treffen.)

Von der Sky-LP existiert eine Fehlpressung von 40 Stück; wer sie hat, wird aber sicherlich nicht reich damit. Als CD wurde das Album zunächst von Die Stadt im Jahr 2004 mit zwei Bonustracks wiederveröffentlicht. Bureau B veröffentlichte das Album 2013 ein weiteres Mal, allerdings ohne die Bonustracks (diese landeten dann auf einer Tietchens-Kompilation namens Der fünfte Himmel, auf die später noch einzugehen sein wird).
 
 
Spät-Europa
Sky 070 (1982)
Die Stadt DS-68 (2004)
Bureau B BB-142 (2013)
 

2018 5 Okt.

„Punkt!“

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Wir sind deep im Krautrockdschungel der Jahre 1971 bis 1974. Zum Beispiel „Punkt!“ Gewiss ein dunkles Glanzstück auf der neuen FAUST-Zusammenschau aus dem Hause Bureau B. Aufgenommen 1974 in Giorgio Moroders Musicland-Studio, aber nie veröffentlicht, reduziert Faust ihre jazzigen Exzentrizitäten und weist stattdessen auf die Musik hin, die die reformierte Gruppe ab den 90er Jahren machen würde, und die ich einmal im Bahnhof Langendreer erleben durfte, völlig überrascht von der hypnotischen Fesselung  der Musik, die keinen Moment alten Seligkeiten nachhing. Louis Pattison zu dieser alles anderen als diskreten Beigabe:

 

„Morning“ gibt den Ton an, ein Industrial-Rock-Freakout, der von Zappis pneumatischem Schlagzeugspiel angetrieben wird, während „Knochentanz“ durch dröhnende Bläser und Derwisch-Percussion einen leicht arabischen Touch erhält. Aber es gibt auch schöne Momente – das vom Klavier begleitete „Schön Rund“ und vor allem „Fernlicht“, ein Synthesizer-Instrumental mit einem verträumten, elegischen Gefühl. Die Aufnahmen für Punkt! endeten in einer großen Farce, einem Studiokrach, bei dem – undassbar  die Meister auf dem Rücksitz eines Lieferwagens abtransportiert und Hans-Joachim Irmler und Rudolf Sosna ins Gefängnis geworfen wurden. In gewisser Weise war es eine Überraschung, dass Faust so lange damit durchkam: vier Jahre klanglicher Erfindungen, die selbst heute noch wie ein radikaler Akt klingen.


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