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Archives: Samstag, 4. Mai 2013

Gregors Fantasie vom Handel mit Jukeboxen ist ja keine Träumerei ohne Vorgeschichte. Ein halbes Jahr lang betrieb er ein florierendes Geschäft mit dem Import und Vertrieb dieser alten amerikanischen Kulturgüter. Es war Ende der Siebziger Jahre, als wir uns zum zweiten Mal trafen, Gregor stand mit einem grauen VW-Bulli vor der Tür meiner Wohnung in Gerbrunn nahe Würzburg. Auf der Ladefläche hatte er eine Jukebox untergebracht, fest mit Seilen gesichert, so dass selbst eine Vollbremsung keinen Schaden anrichten konnte. Das erste Mal überhaupt waren wir uns über den Weg gelaufen, in der Gleichmannstrasse 10 in München-Pasing. Wenn man dort in den Laden ging, an Staubsaugern, Waschmaschinen, diversen Elektrogeräten vorbei, und dann hinauf in den ersten oder zweiten Stock, landete man bei „jazz-by-post“, mitten in einer Riesensammlung neuer aufregender Jazzplatten. Gregor (Trenchcoat, Vollbart) hatte eine neue Platte von Jan Garbarek in der Hand, auf den Titel komme ich gerade nicht, Jack DeJohnette war auch dabei, und Pianist John Taylor spielte nur auf einer skurrilen elektrischen Orgel (oder spielt mir die Erinnerung hier einen Streich?). Eine fantastische Platte, aus der Zeit, als der Norweger noch sein altes Feuer besass, das ihm später weitgehend abhanden kommen sollte. Bald kamen wir vom Thema Lieblingsplatten zu seiner Jukebox-Obsession, und noch im selben Sommer kam er in meine vorübergehende fränkische Wahlheimat, um mit mir zusammen eine Jukebox in einer renommierten Würzburger Studentenkneipe einzurichten und zu bestücken. Ich steuerte neben einigen Überbleibseln meiner Jugend („Winchester Cathedral“, „Death of a Clown“, „House of the Rising Sun“, solche Kaliber) auch noch an die dreissig (!) Singles der Hofband des äthiopischen Kaisers Haile Selassie bei, die auf seltsamen Wegen von Adis-Abeba über den Hafen von Marseille in meinen Besitz gelangt waren. Einen Sommer, einen Herbst und einen Winter lang wurden diese nordafrikanischen Exotica öfter gedrückt als die anglo-amerikanischen Klassiker; der „Alte Peter“ wurde sozusagen die erste Weltmusikkneipe Würzburgs. Gregor liess sich allerdings nicht lumpen („Amerika ist ein Fass ohne Boden“ war sein Kernspruch), und steuerte einige Schätze aus der Frühzeit amerikanischer Popularmusik bei, Gospels aus den Fünfziger Jahren, und etliche Erstpressungen von den Coasters (mit Autogrammen!). In besonderer Erinnerung habe ich die Single „Smokey Joe’s Cafe“ mit „Just Like A Fool“ auf der B-Seite. Etliche Hüllen hingen über der Theke, zusammen mit Sammlerstücken von Dick Dale, Abdoul Ahmed, Haik El-Masir und anderen.

2013 4 Mai

Die alte Strecke

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Am Flussufer, das Fahrrad abgestellt, lässt man die Szene auf sich wirken – wie sich alles öffnet an diesem milden, windstillen, sonnenlosen aber freundlichen Frühlingstag: Kanalschiffe passieren und bieten ein Bild der Gemächlichkeit; da sind Spaziergänger mit Hunden; Hausfrauen aus der List absolvieren ihr Fitnessprogramm; Spätaufsteher trinken ihr frühes Pils. Kraniche ziehen vorbei, die knapp über der Wasseroberfläche wie Rennboote gleiten. Der Himmel bietet Weite. Linkerhand der sich schlängelnde, pappelgarnierte Heideggerholzweg am Wasser entlang und rechterhand die noch kommende Piste.

Man variiert zwischen Fahren, Gehen und dem Verweilen: man lässt die Welt an sich heran, passt sich an, entscheidet intuitiv und situativ. Wie lang bin ich diese Strecke schon nicht mehr gefahren? Früher einmal jeden Tag und jetzt als eine Art Revival wieder öfter. Eine Songzeile kommt in den Sinn und bringt, wie Songs das häufig tun, das Ganze auf den Punkt. „I took the old track, the hollow shoulder, across the waters.“ Peter Gabriel singt das mit einer jener Stimmen, wie man sie bevorzugt: rauchig, samtig, soulig, bluesig. So sangen auch die Herren Sylvian und Martyn und die Dame Joni Mitchell.

Here Comes The Flood erschien erstmals 1977 auf Gabriels Debutalbum. Der Komponist hielt den Song dort aber wohl für überproduziert und es folgten sparsamer instrumentierte Versionen, im Duo mit Robert Fripp beispielsweise. Diese pompöse Bombastik war es auch, die einen störte im Gesamtwerk des Musikers – und so pickte man sich bestimmte Songlinien und Fragmente heraus, als Perlen mit hoher Identifikationskraft. Und da Künstler sowieso aus allem, was sie vorfinden, etwas Eigenes machen, biegt sich Joey Sample die Vorlagen nach eigenem Gusto zurecht – im Zeitalter der kopierbaren Kostbarkeiten.

 
„I Took The Old Track“ (Here Comes The Flood / Cover)


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