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Archives: Freitag, 15. März 2013

Er ist ein Fussballfreund, und da er viel älter ist als ich, habe ich an seinen Lippen gehangen, als er mir vor Jahr und Tag alte Fussballgeschichten des BVB erzählte, die bis in die 50er Jahre zurückreichten. Er hat noch Eusebio live im Stadio Rote Erde erlebt, als Goldköpfchen Franz Brungs den haushohen Favoriten fast im Alleingang besiegte. Jetzt spielt Borussia Dortmund im Viertelfinale der CL gegen Malaga. Und folgendes schrieb er an zwei Fussballverrückte (einer bin ich), die den Trip nach Malaga planen:

„Vor 35 Jahren habe ich in Malaga studiert. Damals eine charmante und gastfreundliche Hafenstadt mit einem relativ kleinen und sehr steilen Stadion. Ich weiß nicht wie es heute mit den vielen arbeitslosen Jugendlichen ist, aber Malaga im Frühling ist wirklich phantastisch. Sollte es Euch gelingen Karten zu bekommen, empfehle ich Euch, die Strandbar “ El Rompeolas “ zu besuchen, direkt am Meer gelegen, ungefähr 7 KM von Malaga Richtung Almeria in el palo. Solltet ihr dort landen, grüßt alle von Guirardo. Ich kann leider nicht, da ich schon über Ostern Urlaub gebucht habe. Sonst wäre ich mit Sicherheit auch dort. P.S.: Jetzt ärger ich mich schon, daß ich Osterrurlaub mit der Familie gebucht habe. Mit euch wäre ich sofort mitgefahren. Ein Tip, wenn Ihr mit dem Auto fahrt, dann über Paris, Poitier, Bordeaux, San Sebastian, Aranda de Duero – dort kann man gut übernachten! Über Madrid und dann direkt Richtung Malaga. Es gibt dann dort eine Stelle, wo man plötzlich das MEER sieht. Das war damals für mich fast wie ein Orgasmus. Ein wirklich traumhafter Blick. Good Luck und vertretet mich würdig in Malaga!“


 
 
 
So weit war meine frei erfundene Besprechung der neuen Flaming Lips-Cd THE TERROR von der Unwirklichkeit der Musik gar nicht entfernt, die Sie hier vor einer guten Woche lesen konnten. Es ist eine Sache, von Platten zu träumen (und sich ihre Musik auszumalen), die niemals in der Realität ankommen: Miles Davis hätte zu gerne mit Jimi Hendrix gespielt, aber der Tod war schneller. Miles träumte weiter davon, mit dem Davongegangenen zu spielen, und es enstanden mit AGHARTA und PANGAEA grosse Nachtmusiken.

Dann wieder gibt es Begegnungen, die oft über Jahre in der Luft liegen (als konkrete Träumerei), endlich wahr werden, gar alle Projektionen übertreffen: in den frühen Jahren von ECM phantasierte gewiss mancher Jazzfreund eine gemeinsame Platte von Keith Jarrett und Jan Gabarek, und plötzlich hielt man den „instant classic“ mit den vier Luftballons in der Hand. BELONGING. Viel länger wartete man insgeheim auf einen gemeinsamen Streich von Laurie Anderson und Brian Eno, und die dunkle Freude war gross, als mit BRIGHT RED Eno den Expressionisten hervorkehrte. Jeder wird aus eigener Erfahrung diese Liste lang erhoffter Begegnungen fortsetzen können.

Automatisch beginnt das Träumen, wenn eine Lieblingsband bzw. Lieblingsmusiker ihr kommendes Opus ankündigen. Da hängen sich leicht Erwartungen dran, die von purer Nostalgie bis zu bangen Erwartungen radikaler Midlife- umd Alterswerke reichen. Als Wayne Coyne von den Flaming Lips vor Monaten verlauten liess, mit dem nächsten Werk wäre man, sinngemäss, in die Finsternis eingetreten und über die Klippe gesprungen, versetzte mich das dermassen in Hochspannung, dass ich die Titelliste und ein paar ominöse Äusserungen der Musiker zum Anlass nahm, eine nie gehörte Musik mit dem inneren Ohr zu beschreiben.

Nun kam heute die reale CD in meinem Briefkasten an. Und soviel sei verraten: die Musik wird polarisieren, und neben einigen richtig guten Besprechungen (eine davon könnte von mir stammen) wird es auch den einen und anderen sarkastischen Verriss hageln. Das häufigste Wort englischsprachiger Kommentare wird „spaced out“ sein, andere werden die Musik „drugged“ nennen, oder auch „lost in space“. Zum Glück zerfliessen die Konturen der Songs an den Rändern niemals wie blasse Wasserfarben und zartbesaitete Ikebana. Es gibt auf THE TERROR auch wieder Belege für das kreative Erbe des Krautrock, manch obsessiver Trommelruf würde den alten Männnern von Faust gut gefallen – und der sehnsüchtige Gesang von Wayne Coyne schwebt durch verwilderte Klangwolken, denen alle heitere Psychedelik abhanden gekommen ist.

 

 
 

Eigentlich nur ein Trio. Drei junge Norweger: SPLASHGIRL. Keyboards, Piano; Bass; Schlagwerk. Das letzte Werk „Pressure“ war radikale Kost, vertrauter Jazz meilenweit entfernt, das Pianotrio wirft kulturelles Gepäck ab. Die Drei hören nicht so sehr Monk oder Jarrett, lieber Paul Bleys Synthesizer Show und experimentelle Metal-Music a la Sunn O))). Wohl auch Bohren und den Club of Gore, diese Hypno-Schleicher, gebürtig aus der westfälischen Provinz. Grosse Töne spucken Splashgirl nicht. Sie tuen es vorzugsweise leise.

Zwei Gäste liefern zusätzliche Ideen, Eivynd Kang an der Bratsche, Timothy Mason am Modular-Synthesizer. Alles passiert in slow motion, manchmal in slow, slow motion, manchmal sogar in slow, slow, slow motion. Eine Klangspur aus dem Orient, ein weiches Rauschen aus dem Dream House von La Monte Young. Irgendwas Klassisch Getöntes. Ein Hauch Chopin? Oder doch ein Drehleiermotiv, aufgeschnappt auf einem Marktplatz im winterlichen Oslo?

Der Produzent Randall Dunn (Akron, Mountain a.o.) erinnert sie daran, dass sie doch auch eine Jazzband sind. Sie vergessen das gerne, haben aber nun doch (so rate ich mal) alten raumöffnenden Pianojazz im Ohr. Etwa Paul Bleys „Open, To Love“. Ein Meilenstein. Bley nimmt das Ausschwingen der Töne ernst. Es erinnert ihn an die Hüllkurven seines alten monophonen Synthesizers. Mit diesen Klangmaschinen konnte man noch lamgsamer in der Stille verschwinden als mit getretenem Pedal auf einem Flügel. Jede Nummer bei diesen „Freizeitritualen“ eine andere Ruhe. Eine dezent aufrührerische, eine feinnervige, eine gespannte. Raffiniert an der Idylle vorbeigespielt. Immer für ein Aufhochen gut, auch wenn nicht viel passiert, an der Oberfläche, in diesem Ambient-Hypno-Post-Jazz. Splashgirl-Musik eben.

 

DROKK

LUX

BLINDSPOT

DIE MENSCH-MASCHINE
 
You think you know, but you don’t, and then you start to see things…


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