Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Mittwoch, 3. August 2011

Neulich gab es ja ein Porträt von Craig Taborn im Deutschlandfunk, das sehr hörenswert war. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sich die Musik um so mehr erschließt, je mehr man über den Musiker weiß: seine Herkunft, seine Gedanken, seine Worte, Geschichten, Intentionen. Zur Übungspraxis eines Musikers gab Taborn einen Tipp: weniger spielen, sich kleine Fragmente herauspicken, damit arbeiten, sie ausbauen, sich nicht in Klischees und Stereotypen verlieren …

Habe jetzt ein portables Diktaphon, einen Handy-Recorder, mit dem man Natur- und Stadtgeräusche einfangen; Samplematerial sammeln; Interviews für Manafonistas machen; musikalische Ideen archivieren – oder wie im Folgenden auch mal ein kleines akustisches Streichholzkastanienmännchen präsentieren kann. Spontan eingefangen, das schüchterne Eichhörnchen.

No Overdubs, versteht sich – hope you like it .

Fragment 8-3

2011 3 Aug.

Tinariwen: Tassili

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On their enthralling new album entitled Tassili, the renowned band TINARIWEN have set down their electric guitars and returned to the very essence of their art. Recorded in a protected region of the South-Eastern Algerian desert, the group returned to the roots of their music, with only acoustic guitars and unamplified percussion. During recording, the band was joined by Tunde Adebimpe and Kyp Malone of the band TV On The Radio. Later on, guitarist Nels Cline (Wilco) and the horns of the Dirty Dozen Brass Band contributed to create an album that reaches deep into the essence of TINARIWEN’s sound while simultaneously opening itself to the surrounding world.

“The music of Tinariwen is at once exotic and familiar– the scales and arrangements are as strange to our ears as the language they sing in, but there’s a force operating on a more subliminal level that unites it to something rattling around inside anyone who was brought up on blues or rock & roll. It’s music of longing and rebellion, weary wisdom and restless energy, and it sounds so, so good.” – Pitchfork on an older record of Tinariwen

„The new record also sounds so, so good. There are some of those softly killing songs you´ve never heared of them before. They don´t follow their formula, they follow very, very special routes. There are even some slowly burning brass arrangements that never overpower the songs. I never  thought they would ever  make such a tranquil record. It´s  touching me on a very deep level, and I´m not dreaming of deserts. This is not for a fucking Ibiza beach party.“  – manafonistas.de

listen to one song of the new album: https://www.guardian.co.uk/music/musicblog/2011/jul/06/tinariwen-tenere-taqqim-tossam

Jazz im Radio 
32er in der Schublade
Pinsel in der Hand 
Herz in trauriger Konfusion
Zeichnet er eine Frau
Das Saxophon sagt es besser
Jetzt also eine Frau auf Papier 
Jetzt sieht man Farben
Jetzt einen Schatten auf ihrer Hüfte
Er kennt sich aus mit sich
Kennt die Überraschungen 
von Geduld und Ärger mit Einsamkeit
Kennt das Stück 
Das sein Sender spielt
Wie ihn die Harmonien  
Die er nicht draufhat
Auf die bringen, die er kann, 
Und die Frau auf dem Blatt
Deren Schönheit nie Luft verdrängen wird 
Auch sie gehört hierher
Auch sie hat ihren Platz 
Im Keller des riesigen Museums
Nicht dass er damit angeben könnte 
Nicht einmal vor sich selbst
Nicht dass er wagen würde 
Von einem Pfad der Erkenntnis zu sprechen
Nie wird er entwirren 
Oder veredeln
Die Umstände, die ihn  an seine Einsamkeit ketten
Oder gebeugt unter der Last von Liebe
Die plötzliche Gnade begreifen
Die den Raum überschwemmt 
Und ihn nun auflöst
Im traditionell goldenen Licht 

 

Ich kannte diesen Text nicht, aber auch wenn es ein karges Gedicht flüchtiger Bilder ist, nicht durchkomponiert, rhythmisch fragmentiert, eine Rohfassung, so konnte ich mich ihm nicht entziehen. Es heisst „Tradition“, und Leonard Cohen hat es geschrieben. Wäre es der Originaltext, man könnte den Text lesen  – mit seiner Stimme im Ohr!  Wie viele Geschichten, Lebensgeschichten,  verbinden uns mit diesem Barden?  Mit seinen Songs? Vor Jahren traf ich Hakan Nesser, den schwedischen Kriminalromanschreiber, im Bahnhof Unna, zu einem Interview (mein Liebelingsthrller von ihm ist „Eine ganz andere Geschichte“);  in Kürze erscheint sein neuer Roman „Die Einsamen“. Irgendwann kamen wir auf Leonard Cohen zu sprechen, und er erzählte mir:  „Die erste Platte, die ich mir von Leonard Cohen kaufte, war “Songs from a Room”, und wir  spielten es auf einem dieser Grammofone, die man  auf einem Fahrrad transportieren konnte, ich erinnere mich nicht an das exakte Jahr, aber als die Platte rauskam, machte ich ich mit meiner damaligen Freundin eine Landtour, ich legte die Platte auf, wir sassen im Gras, hörten “Bird on a Wire” und “Tonight Will be Fine”; “Tonight Will be Fine” war mein absoluter Lieblingssong, und ich kannte jedes Wort, dass Leonard Cohen auf diesem Album sang.”

 

 

2011 3 Aug.

Ich mag Mike Barnes!

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Diesen Journalisten schätze ich ungemein; seit vielen Jahren begegnen mir seine Artikel in Mojo und anderen Magazinen. Vor zwei Jahren lernte ich ihn persönlich kennen auf dem Punktfestival in Kristiansand. Eine ruhiger, kluger, bescheidener Typ. Damals sprachen wir u.a.  über das Remastering alter King Crimson-Platten, und dass ein 5:1-Sound-Remix  durchaus ein Gewinn für die Musik sein kann. Unlängst würdigte er eine Jubiläumsedition eines großen Albums von Caravan – „In The Land of Grey and Pink“. Und er schrieb zwei kleine prägnante 3-Sterne-Besprechungen der jüngsten Werke von David Sylvian und Brian Eno. Was er an ihnen nicht mag, begründete er auf den Punkt, ohne Polemik. Wir könnten uns darüber wunderbar unterhalten.  Wäre er ein Deutscher, er wäre der nächste Manafonista! Und er könnte hier ein neues Fass aufmachen: Captain Beefheart! 

Captain Beefheart: The Biography

2011 3 Aug.

My Discreet Music Days (revisited)

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Es war die zweite Hälfte der Siebziger Jahre. Im Würzburger Studentenleben standen Ausflüge in die Gegend der Festung Marienberg hoch im Kurs. Der weite Blick, der Obstwein, die Frauen. Nicht in dieser Reihenfolge.   Im Sommer fuhr man in ein berühmtes Spargellokal, „Zur Sonne“. Wir badeten im Main, an entlegenen Stellen. Es gab noch amerikanische Soldaten, und die T-Bone-Steaks waren noch nicht von den Speisekarten der Nation verschwunden.Es war die Zeit, als reihenweise künftige Klassiker der Musikgeschichte erschienen, zum Beispiel bei ECM, wo der Produzent Manfred Eicher Wegweisendes schuf für die improvisierte Musik. Zum Beispiel in den Studios, in denen sich Brian Eno damals rumtrieb. DISCREET MUSIC zählte zu meinen ersten Schallplatten von Brian Eno. Dieses unendlich ruhige Stück, diese allereinfachsten Tonfiguren, diese Wiederkehr des Ewiggleichen, das immer anders klang! Ein Klassiker der Ambient Music, fast zufällig enstanden: es sollte nur  als Klangteppich taugen für Duo-Improvisationen von Fripp und  Eno.  Noch dazu lief es (ich glaube, auch das war ein Versehen, zumindest blosse Spielerei!)  in halber Geschwindigkeit. In einer Verkettung heller Momente und glücklicher Umstände erkannte Eno, dass diese Musik sich selbst genügte. Einmal kam damals eine Fotografin auf mich zu und bat mich, Gedichte zu ihren Bildern zu schreiben, für eine Ausstellung. Im „Cafe Peter“ in Würzburg fand das dann damals statt, im Kellergeschoss. Helle Wände, die weiträumigen Landschaftsmotive der Fotografin –  und  „Discreet Music“ im Hintergrund. Permanent. Ganz leise, wie sonst. Dieses Gegenstück zu Lou Reeds „Metal Machine Music“.  Die Besitzerin kam nach Tagen zu mir und sagte, die Musik erzeuge einen kleinen Schwindel in ihrem Kopf, sie hätte einen seltsamen Sog. Wir reduzierten die Einsatzzeiten.Alles Forcierte war den Tönen abhanden gekommen, die aus einer Parallelwelt des schimmernden Lichts zu stammen schienen:  da kam etwas um die erstbeste  Ecke gebogen  und verschwand irgendwann hinter der nächsten. Kam allerdings noch mal wieder. Und noch einmal. Und verschwand dann. Und kam wieder. Und dann dieses Cover: erst sieht man einfach nur schwarz, dann erkennt man eine Großstadtarchitektur, von einem Schwarzfilter nah ans Unsichtbare gedrängt. Und so,  wie man sich  langsam auf die Klänge  einschwingt , so gewöhnen sich die Augen auch erst allmählich an das Cover, an die Dinge, die sichtbar werden. Ein kleines Viereck macht sich frei von diesem Filter, und man erkennt  warm strömendes Tageslicht. Das war der Designer-Trick aller zehn experimentellen Alben, die Brian Eno damals als executive producer bei Obscure Records veröffentlichte. Die Avantgarde stellte sich der Popkultur vor. Wir wussten es damals nicht, aber bei „Discreet Music“ konnte das Unbewusste üben, wie es ist, wenn Menschen kommen und gehen, kleine Lieben, große Lieben, Freunde, gute Bekannte, vertraute Gesichter, die armen Verirrten in der Psychiatrie, kurz aufflackenernde Moden, Frauen, die damals Hanne hiessen oder Verena oder Julia. DISCREET MUSIC war der unmerkliche Melancholie-Hammer meiner  Studentenzeit. Alles ist flüchtig. Eine Musik, die,  wäre sie nicht so schwebend leicht dahergekommen, auch  purer Abgrund sein  könnte. musique noir. Schwarz wie das Cover. Aber das haben wir ja geklärt. „There´s a crack in everything, that´s where the light gets in”.

 

Discreet Music-Remaster 2004


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