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Archives: Montag, 25. April 2022

2022 25 Apr.

Roberto Masotti

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Roberto Masotti (1947-2022) war von allen Fotografen wohl derjenige, der das visuelle Bild von ECM Records und dessen MusikerInnen und Komponisten im letzten Jahrhundert mehr mitgeprägt hat als jeder andere. Zu zahlreichen Aufnahmen wurde er aus Mailand nach Oslo und Ludwigsburg (und anderswo) eingeladen, hat dort die Aufnahmen vieler mittlerweile als „Klassiker“ in die Musikgeschichte eingegangenen Alben dokumentiert und auch bei etlichen anderen Gelegenheiten Hunderte von Porträts geschossen. Auch seine Porträts von vielen anderen MusikerInnen und KomponistInnen dürfen als bedeutende Beiträge zur Musik- und Fotogeschichte verbucht werden, wie seine Bücher u.a. über Keith Jarrett oder John Cage belegen.

Einige seiner Portraits fanden auch den Weg auf die Vorderseiten von ECM-LPs (die bekanntlich nur sehr selten überhaupt Musikerportraits präsentierten), etwa für mehrere Alben Jack DeJohnettes, und viele seiner Naturfotografien finden sich in verschiedenen CD-Booklets (und einigen -Covers).

 
 


 
 

Ich hatte das große Vergnügen, mit meiner Familie ihn und seine lebenslange private und berufliche Partnerin, die Fotografin Silvia Lelli, während des ersten Corona-Sommers in Norditalien, in Castello Tesino zu besuchen, um ein ausführliches Interview mit ihm über seine Arbeit (im Wesentlichen die für ECM) zu führen und im Anschluss diesen kurzen Dokumentarfilm zu schneiden …

 

Schon im letzten Jahr schrieb er mir, dass er lange Zeit im Krankenhaus verbrachte, weil er gegen Leukäme kämpfte. Heute Vormittag erfuhr ich von Caterina di Perri (die in den letzten 20 Jahren in seine Fußstapfen getreten ist und einen großen Teil der ECM-Aufnahmen in Lugano und Südfrankreich dokumentiert), dass Roberto im Alter von 75 Jahren verstorben ist. Sein Schaffen wird auch in Zukunft Begleiter von Musikhörenden bleiben, so lange es ECM-Alben geben wird.

 
 


 
 

 

Schon beim ersten Album von Dictaphone, lang ist es her, kommt man sich vor wie in einem „film noir“. Und das paast doch, ganz aktuell, zu unseren jüngsten Erkundungen des Unheimlichen. Erst William Friedkin in extenso, und bald, holladiewaldfee, „Murder By Contract“ (ein Lieblingsfilm des Regisseurs von „Taxi Driver“) und „Daughters Of Darkness“. 

Dass dieser Ausdruck – film noir – mittlerweile schon unter Klischee- und Gaukeleiverdacht steht, geschenkt.  Die Strassen sind verregnet, auch das  lässt sich verkraften – zum Glück bleibt uns der gesammelte Kitsch betont schauriger „Saxofon-Sounds“ erspart.  Nein, Dictaphone steht für eine andere Art von „noir“ –  kein historisches, kein abgegriffenes Schwarz, und sowieso hatte die Formation nie im Sinn, dunkle Musik zu machen. Ihre Musik schlägt überall Funken, flackert, fingiert. Und, keine Frage, wir sind alle Detektive!

Der mit den aufgesperrten Lauschern (ein Foto, erinnert, zu finden aussen oder innen auf einem ihrer Alben) könnte Sam Spade sein, er folgt unverdrossen den Spuren hauchzarter „electronics“ und fragmentierter Luftblasen. Das Lächeln in seinem Gesicht versteht kein Aussenstehender. Was geht unserem „private eye & ear“ durch die Sinne – wie in einer Stadt aus Glas sind überall und nirgends Zeichen, er ist von Traumsphären umgeben, alle linearen Handlungsfäden Gespinste – was bleibt ihm anderes übrig als seinem alten Trenchcoat-Gespür zu trauen, niemand kann Peter Falk böse sein.

Das Duo Dictaphone bildete sich vor der Jahrtausendwende, der Weg führte von Berlin nach Brüssel, und Doerell und Doering (die Namen passen so gut zueinander wie Moebius und Roedelius) schufen eine Musik, die selbst in der damals angesagten Welt der Fehlerklänge, Klangsplitter und Morsefunkerei einzigartig war. Sie sind anscheinend noch immer, anno 2022, ein gut gehütetes Geheimnis. So kristallin, dabei nie keimfrei: wäre ECM ein Label für Elektronische Musik, Dictaphone wären dort Superstars.

Wer die Lust am Müssiggang für keine lohnenswerte Option des Daseins hält, hat bei Dictaphones Illusionskunst schlechte Karten. Aber wer auf einem offenen Feld bei einbrechender Dunkelheit und schweren Gewölk gerne in grosser Seelenruhe auf den ersten Blitzschlag wartet (bei einem stattlichen Honorar nimmt man auch den Tod in Kauf, das wissen alle privaten Ermittler), der wird reichlich beschenkt. 

 

 


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