Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 25 Apr

Eine Einladung, Dictaphone zu hören

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 6 Comments

Schon beim ersten Album von Dictaphone, lang ist es her, kommt man sich vor wie in einem „film noir“. Und das paast doch, ganz aktuell, zu unseren jüngsten Erkundungen des Unheimlichen. Erst William Friedkin in extenso, und bald, holladiewaldfee, „Murder By Contract“ (ein Lieblingsfilm des Regisseurs von „Taxi Driver“) und „Daughters Of Darkness“. 

Dass dieser Ausdruck – film noir – mittlerweile schon unter Klischee- und Gaukeleiverdacht steht, geschenkt.  Die Strassen sind verregnet, auch das  lässt sich verkraften – zum Glück bleibt uns der gesammelte Kitsch betont schauriger „Saxofon-Sounds“ erspart.  Nein, Dictaphone steht für eine andere Art von „noir“ –  kein historisches, kein abgegriffenes Schwarz, und sowieso hatte die Formation nie im Sinn, dunkle Musik zu machen. Ihre Musik schlägt überall Funken, flackert, fingiert. Und, keine Frage, wir sind alle Detektive!

Der mit den aufgesperrten Lauschern (ein Foto, erinnert, zu finden aussen oder innen auf einem ihrer Alben) könnte Sam Spade sein, er folgt unverdrossen den Spuren hauchzarter „electronics und fragmentierter Luftblasen. Das Lächeln in seinem Gesicht versteht kein Aussenstehender. Was geht unserem „private eye & ear“ durch die Sinne – wie in einer Stadt aus Glas sind überall und nirgends Zeichen, er ist von Traumsphären umgeben, alle linearen Handlungsfäden Gespinste – was bleibt ihm anderes übrig als seinem alten Trenchcoat-Gespür zu trauen, niemand kann Peter Falk böse sein.

Das Duo Dictaphone bildete sich vor der Jahrtausendwende, der Weg führte von Berlin nach Brüssel, und Doerell und Doering (die Namen passen so gut zueinander wie Moebius und Roedelius) schufen eine Musik, die selbst in der damals angesagten Welt der Fehlerklänge, Klangsplitter und Morsefunkerei einzigartig war. Sie sind anscheinend noch immer, anno 2022, ein gut gehütetes Geheimnis. So kristallin, dabei nie keimfrei: wäre ECM ein Label für Elektronische Musik, Dictaphone wären dort Superstars.

Wer die Lust am Müssiggang für keine lohnenswerte Option des Daseins hält, hat bei Dictaphones Illusionskunst schlechte Karten. Aber wer auf einem offenen Feld bei einbrechender Dunkelheit und schweren Gewölk gerne in grosser Seelenruhe auf den ersten Blitzschlag wartet (bei einem stattlichen Honorar nimmt man auch den Tod in Kauf, das wissen alle privaten Ermittler), der wird reichlich beschenkt. 

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6 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ein Link zu den Quellen:

    https://denovali.com/dictaphone/

    Martina liebt Dictaphone, und Olaf, wenn er sie kennt, bestimmt auch, jede Wette! Ingo, your cup of coffee, too? I think so.

  2. Olaf Westfeld:

    Dictaphone wären genau meine Kragenweite, glaube ich auch, irgendwie habe ich aber bisher immer nur reingehört, nie richtig zugehört – keine Ahnung wieso – sobald es läuft (wie jetzt gerade, bin dem Link gefolgt), bin ich fasziniert.

  3. Michael Engelbrecht:

    Dann fängst du jetzt wohl an, Dictaphone mit dem dritten und vierten Ohr zu hören 😂

    Siehe Uschis Post!

  4. ijb:

    Ingo, your cup of coffee, too? I think so.

    Ich kenne aufgrund physischen Erwerbs nur die Alben „Poems From A Rooftop“ (LP) und „Apr[il] 70“ (CD). Beide gefallen mir sehr gut, gehören aber nicht zu meinen Favoritenbands/-alben bei den beiden Labels (Sonic Pieces bzw. Denovali).

    …aber wer auch nur eines der beiden mag, wird sicherlich im Katalog von Sonic Pieces enorm viel Liebenswertes finden (Jasmine Guffond, Christoph Berg, Takeshi Nishimoto, Hauschka, Hildur, Christina Vantzou, We Like We) . Bei Denovali sehe ich sie eher als stilistische Außenseiter; dort faszinieren mich bevorzugt andere Bands/Alben wie Sankt Otten, Kilimanjaro Darkjazz Ensemble, Fogh Depot, Hydras Dream, Ricardo Donoso, Multicast Dynamics… Denovali sind als Label stilistisch einfach sehr viel breiter aufgestellt und haben auch deutlich mehr Veröffentlichungen als Sonic Pieces, daher gibt’s dort enorm vieles, was ich gar nicht kenne.)

  5. Martina Weber:

    Yep. Und APR 70 hat ein faszinierendes Cover. Im Original dunkler als online.

  6. Michael Engelbrecht:

    Hauschka ist ein guter sympathischer Typ, den ich einst in Düsseldorf kennenlernte. Mittlerweile nicht mehr meine Musik. Und Sankt Otten, witzig, kraftvoll … aber auch wenn die Welt der elektronischen Musik ein jungle ist, gehören da und dort Dictaphone zu meinen Favoriten, damals wie heute. Und zwar erste Reihe, ganz vorne.

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