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Archives: Freitag, 27. November 2020

2020 27 Nov.

Neuzeit

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Zeit entsteht durch Bewegung verschiedener Objekte zueinander. Wenn sich nichts bewegt, hört die Zeit auf, das ist mit den äußeren wie inneren Objekten gleich. Wenn die Gedanken ruhen, spielt Zeit keine Rolle mehr. Zeit wird aus der Alltagserfahrung in zyklischen Bewegungen erlebt: wenn sich etwas wiederholt entsteht ein Rhythmus, eine Zeitstruktur, die die Musik der alten Zeit kennzeichnet. Die alte Zeit aber ist vorbei, vergangen. Wir wissen nicht, was geschehen ist, was den unsichtbaren Kollaps ausgelöst hat, aber es muss ihn gegeben haben. Vielleicht etwas Elementares, wie Michael schon vermutet hat. Verblieben sind noch einige elementare Reste des Alten, Klangfarben, Rhythmusfragmente, etwas das anklingt, sich verwandelt, verliert, verschwunden ist, bevor es erfasst werden kann, wie ein Vogel im dichten Morgennebel.

Raum entsteht durch die Entfernung verschiedener Objekte zueinander. Akustisch findet sich das in der Lautstärke und Position wieder und die Raumgröße als Hall im Klangraum. Der alte Raum ist vorbei, vergangen. Lange Hallfahnen mischen sich zwanglos mit trockenen Klängen, Nahes scheint leise und Entferntes verstörend nah, Hintergrundklänge füllen den Raum und Melodielinien fließen durch die fein gewebten elektroakustischen Texturen, verlieren sich in unvorhersehbaren Wendungen, zitieren mit offenem Ausgang und geben den alten Hörgewohnheiten soviel Halt wie eine abschüssige Eisfläche. Dazwischen erscheinen die Geister der Vergangenheit als Ghost-Notes, singulär und geheimnisvoll, leise verstörend, Konventionen verratend und im akustischen Irrgarten immer die andere Abzweigung empfehlend. Aber nimmt man weit mehr als nur die übliche Dreidimensionalität der Welt an, entsteht etwas Neues, unglaublich Magisches.

J. Peter Schwalm und Arve Henriksen wagen sich auf Neuzeit zugleich weit ins Neuland in einem Spannungsfeld von elektronischen, perkussiven und akustischen Klangfarben, die sich von strukturierten, formalen Ausgangspunkten dekonstruierend ins weiße Niemandsland, einem Land schwer faßbarer Atmosphären entfalten. Ein musikalisches Hybridwesen, ein mythischer Klangandroid, bei dem die verlorengegangene Ideenlosigkeit durch elektronische Träume ersetzt worden sind. Die Titel kreisen um verschiedene Arten der Zeit, die sich aus elementarer Zeitlosigkeit entfalten. Das beginnt mit Blütezeit, das sich ganz zart und additiv Facette um Facette hinzufügend entfaltet, organisch, sanft, sodass mancher drastische Wechsel erst bei mehrmaligem Hören auffällt, sanfte Trompetenlinien fast unbemerkt in harsche Synthesizerrhythmen übergehen, ein stetiges sich Öffnen. Suchzeit tastet sich behutsam durch einen längst leise kollabierten Raum, wie ein zarter Lichtstrahl durch den Staub alter Ruinen und beginnt alte Geschichten zu erzählen, die kein Ende mehr haben. Neuzeit schließlich tastet sich ganz vorsichtig, zaghaft in eine neodystopische Eskalation in unkartiertem Gelände hinein. In Raumzeit kehrt zu artifiziellem Regen eine fast impressionistische Stimmung ein, verloren, kryptisch und ein bißchen melancholisch. Schonzeit beschreibt den verhaltenen Raum zwischen den Zeitaltern, der ewig und unendlich kurz zugleich sein kann, cineastisch visionär und intim. Unzusammenhängend, schwebend dissonant zieht sich Unzeit mit subtilen Irritationen in fremde Gefilde zurück und Wellenzeit wagt die Vortäuschung des Zyklischen im niemals gleichen Fluss. Final setzt Zeitnah den Hörer sanft umgarnend in einem vollends fiktiven Raum ab, der befremdlich vertraut scheint. Archaische Musik aus der Traumzeit von Übermorgen. Jetzt.

 

 

 

 

 

 

Ich nahm eine Schlaftablette, las ein paar Seiten in dem Justizthriller „The Holdout“ und holte mir gute fünf Stunden Schlaf. Um viertel vor fünf setzte ich mich in meinen Toyota und raste in den Norden, durch stockfinstere Nacht, kurzen wilden Regen, eine Bilderbuchmorgendämmerung, und einen in Pastell verweilenden Farbrausch angefrorener Felder. Ich hielt nur kurz an einer Tankstelle, und sass bald im blauen Autozug, von Niebüll nach Sylt. Während der Autofahrt war ich in einem seltsamen „flow“, mit allerlei Gedankenzirkus. Vor und hinter Hamburg dachte ich an die Story um mein verpasstes Hamburger Keith Jarrett-Konzert in den Siebziger Jahren (echt der Knaller – ich war so doof, hätte einfach spüren müssen, dass Katrin überhaupt nicht verliebt war), ich dachte an Jan und seine Gang, wie sie wohl damals, 1975, in der Fabrik Terje Rypdal erlebten. Ich dachte an die drei Fragen zu „Music for Films“ und „Film Music (1976-2020)“, die ich Brian Eno morgen schicken werde, von Küste zu Küste, von Westerland nach Norfolk (es fehlt noch etwas mehr als der letzte Schliff) – und dass ich selten soviel Drumherum um ein paar Fragen gewickelt habe, sogar Fussnoten. Ich dachte an einen Song von Matt Berninger, den ich in den „Klanghorizonten“ spielen werde. Bei den gefrosteten Feldern dachte ich an zwei, drei Lyrikbände von Jürgen Becker, der darin so viel Hinterlandforschung betrieb. Auf der Insel hatte ich sehr freundliches, ja herzliches,  Wiedersehen mit der Herrin des „Rosenhauses“ (sie ist ganz begeistert von „The Queen’s Gambit“), und dann lief mir auch noch der Kauz aus der „Sansibar“ entgegen („Mein Jahr in der Sansibar“ – heisst so nicht der launige Schmöker eines Österreichers?) Später tauschten L. und ich den Inselgruss aus – sie fragte mich: Triffst du Theodor Storm? (Hatte sie schon diese Fotos gesehen, und nach dem Schimmelreiter geschaut?) Und ich antwortete: Emil Nolde.

 

 


Automatic Deep L translation for Steve T. , Brian W, and Ian McC:
I took a sleeping pill, read a few pages in the justice thriller „The Holdout“ and got a good five hours sleep. At a quarter to five I sat down in my Toyota and raced north – starting in Dortmund – through pitch black night, short wild rains, a picture book dawn, and a pastel color frenzy of frozen fields. I stopped only briefly at a gas station, and soon I was sitting in the blue car train, from Niebüll to Sylt. During the car trip I was in a strange „flow“, with all kinds of circus of thoughts. Before and after Hamburg, I thought of the story about my missed Hamburg Keith Jarrett concert in the seventies (it was a real blast – I was so stupid, I should have just felt that Katrin wasn’t in love at all), I thought of Jan and his gang, as they probably experienced back then, in 1975, that Terje Rypdal concert at „Die Fabrik“. I thought of the three questions on „Music for Films“ and „Film Music (1976-2020)“ that I’m going to send Brian Eno tomorrow, from coast to coast, from Westerland to Norfolk (there’s still a bit more missing than the finishing touches) – and that I rarely wrapped so much around a few questions, even footnotes. I thought of a song by Matt Berninger that I will play in the „Klanghorizonten“. With the frosted fields I thought of two or three volumes of poetry by Jürgen Becker, who did so much hinterland research in them. On the island I had a very friendly, even cordial encounter with the mistress of the „Rose House“ (she is quite enthusiastic about „The Queen’s Gambit“), and later on,  the old man from the „Zanzibar“ („My Year in Zanzibar“ – isn’t that the name of an Austrian’s witty book?). Later, L. and I exchanged the island greeting – she asked me: Will you meet Theodor Storm? (Had she already seen these photos and looked for the grey rider?) And I answered: Emil Nolde.

 

 

 


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