Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Donnerstag, 29. Oktober 2020.

Archives: Donnerstag, 29. Oktober 2020

 

 

Aliens in Suffolk

Als Brian ein Kind war, gab es eine amerikanische Garnison in Suffolk, und er hörte im Radio immer wieder Gesänge, die ihm wie von einem anderen Planeten erschienen, und es war Doo-Wop.

 

Der kleine Hund

Elisabeth Edl arbeitete über einen Zeitraum von acht Jahren an einer neuen Übersetzung von Flauberts „L‘éducation sentimentale“, unterbrochen nur vom ganz normalen Leben, was immer das ist, und kleineren Übersetzungsarbeiten. Danach nahm sie sich einen kleinen Modiano vor, und einen Simenon. Sie erzählt von Simenons Einfluss auf Modiano, und dass nun wieder viele stöhnen, dass letzterer immer die gleiche Geschichte erzähle. „Bei mir ist es der gegenteilige Effekt“, sagt die Übersetzerin aus Schwabing, „ach, da ist ja wieder der kleine Hund.“

 

Radebrechendes Englisch

Als ich die neue Arbeit von Dino Saluzzi hörte, ein reines Soloalbum mit dem Bandoneon, fiel mir ein, wie sehr ich in jenes Album vernarrt war, auf dem ich ihn das erste Mal erlebte, mehr im Hintergrund, ohne zu ahnen, dass er mir noch viel öfter begegnen würde, einmal auch bei einem Interview in einem Kölner Hotel. Mit radebrechendem Englisch, aber ab und zu wurden seine Hände so gesprächig,  als hielte er ein imaginäres Akkordeon in Händen. Gato Barbieris „Latin America, Chapter One“ war ein Album mit  dem geschätzten Doppelklapp-Cover aus dem Hause Impulse Records.

 

Schön altmodisch

Als ich in Ingos Text von dem Berliner Komparsen-Aufruf für „The Lady‘s Gambit“ las, war das fast wie eine Entzauberung: ach, das ist ja alles gar nicht wirklich passiert! Zum wahren Flow gehört es, dass man unmerklich auf die andere Seite der Leinwand wechselt.

 

Magie aus der Blechdose

Beim Spiel des BVB gegen Zenit Petersburg wartete ich vergeblich auf grosse Kunst, trotz der Anwesenheit etlicher Ballartisten. Das Spiel blieb schwerfällig, und letztlich wurde es ein Arbeitssieg ohne jede ästhetischen Reiz. In einem leeren Rund, das für einen einzigen magischen melancholischen Moment sorgte: als zu Beginn die Hymne „You‘ll never walk alone“ aus der Konserve erschall, blechern, höchstens halbwegs tröstend.

 

Lieblingsplatten

Und jetzt, hier, als kostenloser Service für das hoffentlich gute Überstehen des zweiten Lockdowns mit den Mitteln des Jazz, eine gute Handvoll Klangkünstler, sechs  Meilensteine von Impulse Records (Schallplatten, die mich seit Jahrzehnten begleiten): John Coltrane: A Love Supreme. Marion Brown: Geechee Recollections. Alice Coltrane: Journey in Satchidananda. Pharoah Sanders: Tauhid. Charles Mingus: Mingus Mingus Mingus! Und, s.o., Gatos Hommage an seine Heimat. (aus dem persönlichen Massnahmenkatalog zur Steigerung der Resilienz)

 

Die spannende Rosamunde

Normalerweise fliege ich durch englische Literatur, ausser, wenn die Sprache zu speziell ist, oder manche Details so reichhaltig, dass ich sie nicht aus dem Kontext erschliessen will. Darum warte ich sehnsüchtig (das ist ein bisschen übertrieben), besser, geduldig,  auf die deutsche und hoffentlich gute Übersetzung des jüngsten Romans von Rosamund Lupton „Three Hours“. Jedem lesehungrigen Freund von verdammt gut geschriebenen, sprich, literarischen, Thrillern empfehle ich ihren vorletzten Roman „Lautlose Nacht“.

 

Der Zeitreisende aus Pittsburgh

In schnörkellosem und sinnlich ansprechendem Englisch entführt uns Jan Reetze in seinem neuen Buch „Times & Sounds – Germany‘s Journey from Jazz and Pop to Krautrock and Beyond“ durch Musikwelten der alten Bundesrepublik. Und allein beim Stöbern durch die Seiten hakt sich die Aufmerksamkeit ein ums andere Mal fest: das Buch scheint wirklich alle Qualitäten eines sachlich fundierten „Schmökers“ zu besitzen! Was für eine „Verschiebung“ der Perspektive es wohl mit sich bringt, der eigenen alten Lebenswelt in englischer Sprache zu begegnen?!

 

Geologie

Zum Ende noch einmal Eno. Als kleiner Junge tauchte er gern in den „National Geographic“ ein, dessen Ausgaben er ganz gern nach Bildern unbekleideter Frauen durchkämmte – aber er fand da auch zu seinem ersten Hobby, der Geologie: „Ich kannte keinen anderen, der sich dafür interessierte. Also packte ich mir ein paar Brote ein und radelte alleine an Orte, von denen ich gehört hatte. Meistens waren das Strände. Dort verbrachte ich ganze Tage damit, mir Steine anzuschauen. Ich erinnere mich daran sehr klar als an eine sehr glückliche und transzendente Zeit. Jenseits des Denkens, tatsächlich.“ Diese Erinnerung öffnet eine dieser hauchdünnen Linien, die Kindheit und Künstlerleben verbinden, man sehe sich nur das Cover von „On Land“ an, oder rufe sich den einen Titel ins Gedächtnis – „Dunwich Beach, Autumn 1960“.

 

2020 29 Okt.

Streetlight Harmonies

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 
 
Die Doo-Wop-Ära reichte von den späten 1940ern bis in die frühen 1960er Jahre der USA. Entstanden aus Gospelgesang, ein paar Spuren Rhythm’n’Blues und Barbershop, war sie eine absolut originäre Erscheinung, die es in dieser Form wirklich nur hier gab — abends in den Straßen, im Licht der Streetlights, just for fun. Im landläufigen Sinne „erfunden“ hat das niemand, aber wenn man „Just Sittin‘ And A Rockin‘“ von den Delta Rhythm Boys (1945) als Urvater des Doo-wop ansieht, liegt man wohl nicht falsch. Der Gruppenharmoniegesang mit den typischen Nonsense-Silben entstand, weil keine Instrumente vorhanden waren und sie deshalb imitiert werden mussten. „Doo doo doo wop“ wurde meist vom Bass gesungen und diente als Schlagzeugersatz. Die Harmoniesänger imitierten andere Instrumente. Immer basierten sie auf dem Gehör, musikalische Bildung hatte da kaum jemand. Dazu kam dann ein Solosänger, meist ein Tenor, der einfache Lyrics sang. Die Vokalensembles kamen durchweg aus den etwas ungemütlicheren Schwarzenvierteln, aber nach kurzer Zeit bildeten sich auch Gruppen italo-amerikanischer Herkunft. Die brachten Kirchenchor-Erfahrung und den Barbershop-Stil ein. Im Laufe der Zeit fanden sich dann auch weibliche und schwarz-weiß gemischte Ensembles.

Das Frappierende am Doo-wop ist, dass er nur funktioniert, wenn der Gesang wirklich beherrscht wird. Das änderte sich auch nicht dadurch, dass dieser Stil in den 1950ern von Radio-DJs entdeckt und von Plattenfirmen verbreitet wurde. Streetlight Harmonies (Trailer) zeigt diese Geschichte relativ chronologisch. Der Film des Regisseurs Brent Wilson stammt von 2017 und ist seit Mai nun auch gestreamt zu sehen. Der Film folgt dem üblichen Schema solcher Dokus: Viele der noch lebenden Künstler, Songwriter und Musiker wurden vor die Kamera geholt und geben kurze Statements ab, dazu alternierend sind Ausschnitte aus den Songs zu sehen. Sie haben einiges zu sagen. So erfährt man (wieder einmal), wie schwarze Künstler damals besonders in den Südstaaten der USA behandelt wurden — es gab getrennte Eingänge, sie wurden in „weißen“ Diners nicht bedient, sie wurden in unsäglichen Absteigen untergebracht, sie wurden von anständigen Bürgern mit Waffengewalt am Betreten bestimmter Straßen oder Geschäfte gehindert. Und sie wurden von Produzenten und Plattenfirmen über den Tisch gezogen. It’s a crying shame. Nur singen durften sie. Zum Schmunzeln aber auch, wie eine der interviewten Sängerinnen eine kleine persönliche Rache durchspielte: Sie erteilte Weißen, die nach den Auftritten mit Autogrammwünschen an sie herantraten, eine Abfuhr.

Man kennt die Songs, die Gruppen kennt man oft nicht mehr: Frankie Lymon & The Teenagers, Dion & The Belmonts, The Del-Vikings, The Moonglows, The Spaniels, The Platters, The Drifters, The Crests, The Capris, The Earls, Sha-Na-Na, Randy & The Rainbows — die Liste ist endlos, One Hit Wonders die meisten. Frankie Lymon war zarte 13, als er die Solostimme in „Why Do Fools Fall In Love?“ übernahm — der eigentlich vorgesehene Sänger der Teenagers, Herman Santiago, war nicht erschienen. Der Song war ein Riesenerfolg und wurde tausendmal gecovert, sogar von Joni Mitchell. Leider kam dann ein Produzent auf die Idee, dass man doch auf die Gruppe verzichten und Frankie zum Solostar aufbauen könne. Es ging schief. Die Teenagers scheiterten ohne ihre Leadstimme, Frankie Lymon selbst fiel dem Heroin zum Opfer. Hier in Pittsburgh entstanden die Del-Vikings, ein gemischtes Ensemble, das den Riesenhit „Come Go With Me“ hatte. Noch heute ist der Gruppe eine Vitrine im Heinz History Center gewidmet. Interessant auch, dass einer ihrer Sänger ein gewisser Gus Backus war, der später als GI in Deutschland mit zumeist albernen Schlagern zu Charterfolgen kam (bis er Alkoholiker war). Wenn man weiß, dass er zur Gruppe gehörte, hört man seine Stimme leicht heraus. Einige der wichtigsten Acts fehlen im Film, vermutlich waren die Rechte zu teuer oder nicht zu bekommen, oder es gab keine Überlebenden mehr. „Only You“ mit den Platters, geradezu die Krönung des Genres, fehlt ebenso wie „Sixteen Candles“ mit den Crests oder „Cryin‘ In The Chapel“ mit den Orioles. Schade, aber man hat trotzdem noch eine Menge zu entdecken.

„Sixteen Candles“ zeigt in geradezu idealtypischer Weise, wie die Doo-wop-Gruppen einen Markt etablierten, den es in den USA bis dahin schlicht nicht gegeben hatte: Sie entdeckten die Teenager als Plattenkäufer, und das war dann auch sehr schnell das Muster, nach dem die Texte gestrickt waren. Der Film zeigt auch, wie es nach dem Ende der eigentlichen Doo-wop-Ära weiterging: Der Gesangsstil wurde übernommen und mit anderen Genres, etwa dem Beat, gemischt, allen voran die Beach Boys. Aber auch im frühen Motown-Soul findet sich der Doo-wop-Stil wieder, und nicht zu vergessen Phil Spector und seine Girl Groups.

Tempi passati. Allerdings, und da sind wir wieder in Pittsburgh, gibt es hier einen Sender namens WQED, der jahrelang (und ich glaube, noch heute — soweit es derzeit überhaupt möglich ist) viele dieser Gruppen wieder auf die Bühne holt. Und es ist immer wieder erstaunlich: Sie haben nichts verlernt. Via PBS laufen diese Shows in ganz Amerika. Und es gibt noch immer so wunderbare Filme wie American Graffiti, die von diesem Soundtrack leben.

Darauf einen Milkshake.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz