Manafonistas

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Archives: Freitag, 20. September 2019

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Künstler sind ja nicht immer die kompetentesten Kritiker ihrer eigenen Werke. Wie oft, nach „The Blue Mask“, verkündete etwa Lou Reed zu jedem neuen Album, das sei nun wohl das herausragende Werk seiner Karriere. Ein ums andere Mal lag er falsch, vielleicht nur einmal nicht, auf seinem wundervolles New York-Album. Das wirkte schon wie eine Marketingstrategie.

 

 

 

 

Ein anderes, interessanteres Beispiel betrifft Brian Eno. Dank Uwe Meilchen konnte ich ein Gespräch nachhören, dass ein aus der Klassik kommender Dirigent (?) mit osteuropäischem Dialekt und offenen Ohren für andere Spielarten der Musik mit Brian führte, vor Monaten, irgendwo im badischen Raum. Während sich der werte Herr für ein Album, respektive einen Song aus diesem Frühwerk des Mannes aus Suffolk begeisterte, stöhnte Eno fast, und konnte die Begeisterung für „Here Come The Warm Jets“ im grossen und ganzen gar nicht teilen.

Es war sein erstes Songalbum nach der Trennung von Roxy Music. Er habe damals Zeitdruck gehabt, einige Geldschulden auch, und bei ihm sei daher wohl ein bestimmtes Warnsystem – er nannte es „alert system“ – ausgefallen: so habe er ein Gitarrensolo von Phil Manzanera mit einer  dauerhaft-tremolierenden Verzerrung bearbeitet, was ihm, in der Rückschau, dilettantisch vorkomme. Nun, ich habe mir das Album daraufhin noch einmal zu Gemüte geführt, das ich stets  weitaus mehr schätzte als die ersten zwei Roxy Music-Alben zusammen, und fand auch die Passage, auf die Brian Bezug nahm. Betörend, waghalsig, tollkühn, wie das gesamte Werk.

In Enos Kartenspiel „Oblique Strategies“ kann man eine Karte ziehen, auf der zu lesen ist: „Honour Thy Error As Hidden Intention“. Ich glaube felsenfest, wären auf diesem Album nicht so viele „Fehler“ gewesen, es wäre nie so genial geworden. Bis heute zählt es – neben „Nerve Net“, ein Opus, das Eivind Aarset über alles liebt –  zu dem anarchischen Meilensteinen in Brians Diskographie.

 

2

im Juli 2017 schrieb ich, hier auf dem Blog, zu dieser Arbeit: Das war der erste Streich der vier Songalben von Eno in den Siebzigern, und über keine Platte aus diesem Quartett wurde in den Jahren der Manafonisten weniger gesprochen als über dieses. Völlig zu Unrecht, für mich steht es auf einem Level mit den drei Nachfolgern. Die Songs sind so bizarr und surreal wie das Cover, Eno wandelt seinen Gesang,  seine „persona“, von Track zu Track. So war es unmöglich, seiner Stimme ein kommerziell taugliches „branding“ zu verpassen – er entzog sich jeder biederen Vereinnahmung – viele andere Künstler, die „ihre‘ Stimme gefunden hatten, wiederholten diese Rezeptur bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und die ständig wiederkehrenden herzerweichenden Melodien? Inmitten all der Songwildnis? Sie  konnten nie Hits werden, weil ihr instrumentaler Untergrund zu subversiv war, ihr Text zu erratisch. Proto-Punk. Psychedelic Exotica. Pure Pop. „Weird, very weird, very strange, disturbing and utterly beautiful.“

2019 20 Sep.

Ein gutes Band

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Peter Sloterdijk übermittelte im ersten Band seiner Sphären-Trilogie ein Bonmot von Andy Warhol, das zu meinen Lieblingszitaten überhaupt gehört – eine Zeitlang sammelte ich ja tatsächlich Zitate, die auf besondere Weise mein Befinden wiederspiegelten und bestätigten, von Wittgenstein bis Cioran, von Handke (jawoll!) bis zu Krishnamurti. In eben diesem Zitat von Warhol ist von einem Tonbandgerät die Rede und dass fortan durch den Besitz und Gebrauch desselben seine Probleme keine mehr waren, da sie auf Band gesprochen in eine gute Aufnahme transfiguriert wurden. Ein jeder wird wohl der Möglichkeit eigener Aufnahmetechnik und auch der Archivierung und Bearbeitung von Aufnahmen seine Wertschätzung entgegenbringen und -gebracht haben. Ich erinnere mich an einen Schulfreund, mit dem ich Hörspiele inszenierte. Später dann mit einem anderen, der heute Dirigent ist und damals Keyboard spielte, verbrachte ich einmal die sämtlichen sechs Wochen der Sommerferien, um tagsüber Höhlen zu bauen und ab spätnachmittags dann Kompositionen auf Band zu spielten, mit Gitarre auch, Mundharmonika, ebenso Schlagwerk aus leeren Waschmittel-Papptrommeln und allerlei Zeugs. Höhepunkt der Ferien war dann abschliessend die Namensgebung der Stücke samt aus Pappe gebastelter Plattenhülle. Ein Teil dieser Lust ist geblieben und ich wette, sie betrifft auch jeden Künstler, der ins Atelier kommt und mit dem Arbeitsergebnis des Vortages konfrontiert wird. Nachbetrachtung ist das Schlüsselwort, und Bezugnahme. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit: wir mieteten uns für drei Stunden zwecks Session einen Musikraum – mittlerweile ein halbjährlicher Usus. Das macht immer einen Heidenspass. Diesmal klappte die Aufnahme besser, das Mikro war gut ausgesteuert. Im Raum befanden sich zwei Schlagzeuge, die dezent zum Einsatz kamen. Ich war unglaublich gespannt auf die Aufnahmen hinterher, hörte sie ein paarmal durch, wählte aus, schnitt Einiges zurecht. Sich mit Profis zu vergleichen, wäre in diesem Kontext falsch – wenngleich Musik wie die von ECM und andere oft mitschwingt beim Spielen, als Inspiration. Ein Cover haben wir aber nicht gebastelt.

 
 

„Torn´s Dripping Tape“

Karsten – soprano saxofon, percussion

Jochen – electric guitar, tape, percussion

 

2019 20 Sep.

Playing The Room

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Einen Monat vor seiner beeindruckenden Produktion der neuen CD von Louis Sclavis,  im Studio La Buissonne in der Provence, reiste Manfred Eicher einmal mehr in ein anderes hochgeschätztes Studio im Süden Europas. Dort produzierte er  das Duo mit Avishai Cohen, Trompete und  Yonathan Avishai, Piano.

Beide kennen einander und die Jazzhistorie bestens, und haben unter der Regie des Produzenten bereits bemerkenswerte Aufnahmen gemacht. Die CD / LP PLAYING THE ROOM nutzt, der Titel suggeriert es, die einmalige Akustik des riesigen Radiosaales, STELIO MOLO RSI  in Lugano – auch der leiseste Sound wird vom Raum getragen.

Solches Zusammenwirken von Intimität und Weite kennzeichnet auch die musikalische Reise der beiden israelischen Freunde. Den Rahmen bilden zwei eigene Stücke zu Beginn und, zum Ausklang, ein altes Wiegenlied ihrer Heimat. Dazwischen dringt das Duo tief ein in Kompositionen von John Coltrane, Duke Ellington, Abdullah Ibrahim, Ornette  Coleman, Milt Jackson – und Stevie Wonder.

So eindringlich, geradezu beschwörend, wie die Zwei CRESCENT gerecht werden, dem Titelstück von John Coltranes vielleicht dunkelstem und meditativstem Album, so verspielt und kinderliedartig umkreisen sie die luftige Melodik von SIR DUKE – das Original stammt aus Stevie Wonders Doppelalbum SONGS IN THE KEY OF LIFE, ein Album, das in die Geschichte eingegangen ist als eine einzige Liebeserklärung an die Freude, am Leben zu sein.

Die emotionale Spannbreite, für welche diese beiden Stücke einstehen, ist bezeichnend für die Musik von PLAYING THE ROOM. Bei aller poetischen Innerlichkeit ist es nicht zuletzt das Gespür für Reduktion, das den einzelnen Stücken, und den sie umgebenden Raum, eine besondere Aura und Luftigkeit verleiht. 

2019 20 Sep.

„Holy moly“

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