Manafonistas

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Archives: Montag, 26. Juni 2017

2017 26 Juni

Longmire 5, Laramie 1

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K

K

Western waren eine frühe Nahrung, sie enthielten alles, was man für eine Rabaukensiedlung brauchte. Das Buch war aus Hartkarton, mit Bildern vom ersten Western Ranger, dem ich vertraute. Der zweite war Robert Fuller und kam schwarzweiss vom Fuss der Blauen Berge angeritten. Später wurden meine Westernhelden härter, abgründiger, der letzte in einer langen Reihe ist Walt Longmire. Fünf Staffeln, die finale sechste wird bald gedreht. Als ich die ersten Folgen sah, kamen die auf den Romanen von Craig Johnson basierenden Geschichten noch etwas gediegen daher, wie einst Detektiv Rockfort in seinem Wohnmobil. Die beiden Protagonisten ähneln sich auch in der Optik. Aber als sich das Drehbuchteam eingeschrieben hatte, begriffen wohl alle miteinander, was da für ein prächtiges Schauspielerensemble beieinander war. Die Stories nahmen an Fahrt und Tiefgang auf. Die alten neuen Geschichten von Macht und Tod und Vergeltung, die kurze Titelmelodie kaum mehr als ein kratziger Gitarrenakkord. Robert Taylor, Kattee Sackhoff (a name like from Bavarian ancestors!), Lou Diamond Phillips und Cassidy Freeman sind eine Schau, und sehen in den verwitterten Landschaften und rauchigen Bars am Rande des Indianerreservats ungleich vitaler und verwundbarer aus als auf akkurat designten Fotos der Casting-Agenturen. Die letzte Szene bislang ein einziger Peyoterausch. Die ersten Folgen von Laramie, damals, vielleicht 1963, ein Traum.

Sie schob den Pfeiler mit dem Absperrungsband beiseite. Wir waren special guests und durften die Zone betreten, die anderen Besuchern verwehrt war. Es war ein riesiger, langgestreckter und hoher Saal, Fischgrätparkett auf dem Boden, Stuck an der Decke, die vier Jahreszeiten, vier Elemente, und alle Wände von unten bis oben gefüllt mit Büchern vom 9. bis zum 15. Jahrhundert. Es war etwas Sakrales im Raum, wir sprachen leiser, flüsterten, als würde uns eine Art Geheimwissen umgeben, eine Magie, die in einer alten Zeit stecken geblieben, uns fremd geworden war. Reiseberichte, Religion, Medizin. Eine Welt ohne Elektrizität, ohne Flussbegradigung, ohne Autobahnen. In der Mitte standen ein paar Arbeitstische mit Petroleumlampen. Es war die Bibliothek der Benediktinerabtei in St. Mihiel. Da waren Bücher, die mehr als 25 Kilo wogen. Umschläge aus Ziegenleder, Anfangsbuchstaben bunt verziert. Das Gewicht eines einzelnen Blattes. Die Bibliothekarin erklärte verschiedene Ordnungssysteme: Es wurde sortiert nach Regionen, aus denen die Bücher stammen oder die sie behandeln, nach der Größe der Bücher oder nach ihren Farben, es gab Bücher, die mit einem Fluch belegt waren und ich war fasziniert von der Irrationalität, und wer sagt, was irrational ist. In den Wirren einer Zeit, als die Region mal deutsch und mal französisch war, hatte ein Deutscher ein wertvolles Buch mitgenommen oder gestohlen und als man ihn auffindig machte, schrieb man ihm, das Buch sei mit einem Fluch belegt und dieser Fluch könnte sich nur auflösen, wenn er es zurückgeben würde. Ich gebe hier die Geschichte wieder, wie ich sie verstanden und in Erinnerung behalten habe. Der Mann gab das Buch zurück. Was ist – außer Diebstählen und unsachgemäßer Behandlung durch Menschen – für Bücher gefährlich? A) Das Licht der Morgen-, Mittags- oder Abendsonne, B) Feinstaub, C) Vollmondlicht oder D) Bücherwürmer? Auflösung gibt´s morgen oder übermorgen.

Ich war vielleicht acht oder neun und wenn ich nicht auf dem Spielplatz herumtobte oder auf den Walnussbaum kletterte, der direkt an der A 6 stand, und es gab noch keinen Lärmschutzwall, spielte ich in meinem Zimmer mit  Legosteinen. Meist baute ich auf die größeren grauen und grünen Flächenstücke zwei oder drei kleine Häuser mit ein paar Räumen, die kein Dach hatten, damit ich mit meinen kleinen Gummifiguren, die beste Freunde waren, darin herumlaufen konnte. Ich hatte zwei Bäume, einen flachen, der Schatten eines Baums, und einen moderneren mit einer Art giftgrünem Pilzkopf. Meine Lieblingsfiguren waren ein weißer Eisbär, ein weißer Wiesel und ein gelber Hund. Es gab aber auch einen Pinguin, der irgendwann seine Flügel verloren hatte. Sie unternahmen alles Mögliche, alles ohne Barbie. Einer ging zur Geigenstunde und ich spielte dann eine Etüde. Ich räumte nicht immer alles am Abend auf. Einmal warf mein Vater einen Blick in mein Zimmer und sagte, wenn ich nicht aufräumen würde, würde ich später mal keinen Mann finden. Er sagte das wirklich. Ich hielt generell nicht viel von Erwachsenen, ich fand mein Leben frei und ihres unfrei.

Das, was Gregor seinen Plattenschrank nennt, besteht bei mir aus einem Regal voller Schallplatten, CDs und Audiokassetten. (Bei Gregor sind auch noch Bücher eingeschlossen und letztlich ist bei ihm alles eingeschlossen, was alle wissen, die seine Rubrik lesen.) Wenn ich eine bestimmte Musik hören will, will ich nicht lang suchen. Das System wird durch CDs ohne Hülle erschwert bzw. mit so einer schmalen Hülle, dass Cover und Bandname kaum oder nicht zu lesen sind, das sind dann die, bei denen ich mir einfach merken muss, dass sie im Kasten der CDs ohne Hülle sind. Have Fun With God zum Beispiel. Oder Aurora von Ben Frost. Oder With US Until You´re Dead, von Archive, aus dem Jahr 2012 (Danke, T.). Ich könnte hier auch nochmal den Gedanken aufgreifen, CDs mit passenden Büchern zu platzerien. Ich stelle den wunderbar aufwühlenden Gedichtband „Crush“ von Richard Siken neben Frank Oceans Debütalbum „Channel Orange“. Eine schöne Idee, aber unpraktikabel. Ich würde meine CDs nie nach Labels ordnen. Ich denke nicht in Labels. Ich denke eher in Stimmungen oder daran, ob ich songs oder reine Elektronik hören möchte. Also steht Beat The Champ neben The Magic Whip. Dann gibt es die Abteilung mit The Necks, dem Kammerflimmer Kollektief, Labradford und Eivind Aarset. Was Audiokassetten angeht, da greife ich manchmal, vor allem vor einer Autofahrt, einfach nur wahllos ins Regal und hole irgendeine der Klanghorizonte-Kassetten raus. Hier ist eine aus dem Herbst 2006. Oh, ein vergessener Song, den ich sicher oft gehört habe. Nachtgedanken, beduselt vom Apfelwein, ein Flirt mit einer Barfrau, Selbstironie. Das waren die Stichworte aus Michaels Kommentar, die ich in die Beschriftung aufgenommen habe. Es ist ein Song aus James Yorkstons Album The Year Of The Leopard: Woozy With Cider. – Rückspultaste. Repeat.

2017 26 Juni

OKNOTOKOK

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In den letzten Tagen kam ich, was ich nur zu gerne erlebe, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wer die „Klanghorizonte“ seit 1990 hört, wird sich womöglich daran erinnern, dass Radiohead zum Stammpersonal der Sendung zählt. Meine Faszination begann allerdings erst mit ihrem vierten Album „Kid A“, „The Bends“ habe ich nie gehört, und als mir „OK Computer“ erstmals begegnete (in einem Umfeld sich überschlagender Begeisterung), liess es mich kalt. Beim zweiten Mal auch, seitdem ignorierte ich das Album zwei Jahrzehnte lang. In dieser Zeit erlebte ich die Band einmal, bei einem regnerischen Festival in Norddeutschland, es war ein Traum. Radiohead  hatte sich einen Platz in meiner Herzenliste der besten „westlichen“ Rock-„undweitdarüberhinaus“-Bands aller Zeiten gesichert, neben den Kinks, den Beatles, den Talking Heads, den Flaming Lips,  Wire (Früh- und Spätwerk), The Go-Betweens, King Crimson, Swans, The Mountain Goats, Can, den Young Marble Giants, Steely Dan, den späten Talk Talk, und einer Handvoll anderer. (Ich nenne hier  nur Bands, die mindestens einen Sänger hatten und keinen Eigennamen im „branding“ führten.) Aber erst vor zwei Wochen, als mir die Promo der „reissue“ von „OK Computer“ ins Haus flatterte, war ich bereit, mich noch einmal auf das  Album einzulassen. Und anders als im Regelfall, wenn das jüngere Ich treffsicher lebenslang geltende Urteile liefert, war ich sprachlos und im eingangs erwähnten Staunen angekommen. Ich schloss keine Scheissbildungslücke, ich öffnete einen Abenteuerspalt!

 


 
 
 

Biotop, 1981 auf dem Hamburger Sky-Label erschienen, war mein Erstkontakt mit der Musik Asmus Tietchens‘. Kaufimpuls war nicht nur Sky (dieses Label war immer der Aufmerksamkeit wert, weil sein Boss Günter Körber ganz offenkundig nur Platten machte, die er sich selber gern anhörte), sondern ein Interview von Steve B. Peinemann mit Asmus Tietchens in dem damals noch lesenswerten Stadtmagazin „Szene Hamburg“. In diesem erzählte Tietchens unter anderem, einen Sarg unter dem Wohnzimmertisch stehen zu haben, dass er einmal Werbetexter gewesen war und woher der Titel „Geisel des Monats“ kam — Geiselnahmen waren damals gerade eine Modeerscheinung und mediales Dauerthema.

Biotop ist die erste von insgesamt vier Platten, die innerhalb von nur zwei Jahren auf dem Sky-Label erschienen. Peter Baumann, der Tietchens‘ Erstling Nachtstücke produziert und beim französischen Egg/Barclay-Label untergebracht hatte, nahm seine Option auf ein weiteres Album nicht wahr, und so landete Tietchens durch seine Freundschaft mit der Gruppe Cluster bei Sky. Diese vier Platten bilden im Werk Tietchens‘ fast so etwas wie eine eigenständige Werkgruppe. „Industrial“ im späteren Sinne gab es noch nicht, und Tietchens experimentierte mit rhythmisch orientierten, melodiösen Stücken, die man schon beinahe Popmusik nennen könnte — wären da nicht Tietchens‘ sarkastischer, gelegentlich sardonischer Humor, der die Stücke immer im letzten Moment davor bewahrt, es zu werden, und die Harmonien, die immer irgendwo haken. Dieser Humor zeigt sich schon im schreiend tageslichtleuchtenden Cover (Grafik: Tina Tuschemess) und dem komplett gegensätzlichen Titel, er setzt sich fort in der „Band“, dem Zeitzeichenorchester, das sich ausschließlich aus Anagrammen des Orchesterleiters zusammensetzt, und einzig ein gewisser Rokko Ekbek passt nicht in die Reihe — grübel, grübel.

Die Aufnahmen, das scheint mir nicht ganz unwichtig zu sein, entstanden vor dem Kontakt mit Körber, sie sind also ohne Produktionsdruck, aber auch ohne die Gewissheit einer Veröffentlichung, eingespielt worden. Das dominierende Instrument ist ein Roland-CompuRhythm, ein programmierbares Rhythmusgerät, der damals sehr beliebte Vorläufer der TR-808, die dann durch Phil Collins zu Weltruhm kam. Das Melodieinstrument ist ein Moog Sonic-Six, der auch später immer wieder bei Tietchens auftaucht. Das Ganze ist auf acht Spuren aufgenommen, ein Eventide-Harmonizer und ein Hallgerät kommen ergänzend zum Einsatz. Das ist schon alles. Kein Stück ist länger als drei Minuten. Auf der usprünglichen Original-LP lief das letzte Stück auf Seite 2 in einer bespielten Endlosrille aus, auf der späteren CD-Veröffentlichung ist es ausgeblendet. Außerdem findet sich handschriftlich ins Deadwax gekratzt der Hinweis „Urbane Musik!“

Körber hatte geäußert: „Wenn das irgendwie erfolgreich ist, können wir gleich ’n halbes Jahr später ’ne weitere LP machen. “ Das wurde dann Spät-Europa. Dazu demnächst mehr in [AT06].

 

Asmus Tietchens:
Biotop
Sky Records – 057 (1981)
Wiederveröffentlichung mit Bonustracks (zu diesen später mehr):
Die Stadt – DS 61 (2003)
Wiederveröffentlichung ohne Bonustracks:
Bureau B – BB 141 (2013)


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