Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Sonntag, 18. Juni 2017.

Archives: Sonntag, 18. Juni 2017

Richard Harrington gehört als DCI Mathias zu den leidgeprüftesten Ermittlern der jüngeren englischen Kriminalserien. Selbst seine Kollegen in Broadchurch besitzen, zumindest in Momenten, einen trockenen Humor. Sie müssen in den vier Staffeln der walisischen Serie HINTERLAND  lange nach den Spuren eines Lächelns suchen. Da die betörend langsam erzählten Geschichten fortlaufend im Dunkeln forschen und im Dunkeln stranden, wirken auch die Landschaften recht trostlos, und was immer hier für ein „product placement“ betrieben wurde, das walisische Tourismusbüro hatte bestimmt nichts beizusteuern.

Dabei schwärmen manche Freunde von Wales, von den Küstenstreifen, den Rad- und Wandertouren, und sogar von der walisischen Küche. Bevor also der Toyota nach Dover übersetzt, mit E-Bikes, mit den Mailadressen von Alison Statton (sie arbeitet als Physiotherapeutin in ihrer alten Stadt) und den Brüdern Jones von Crescent im leichten Gepäck (ihre wundervolle neue CD Resin Pockets kommt natürlich mit, neben dem Klassiker YMG!),  studiere ich in Ruhe Landkarten, Wegführer, die passende Begleitlektüre (nein, nicht Dylan Thomas, vielmehr Adrian McKinty!), und etliche Empfehlungen des geschätzten Richard Harrington, die nach Aberystwyth führen, und ins wahre Hinterland. (m.e.)

 
 
 

Sunset and low tide at Ynyslas beach, north of Borth


 
 

„What I really like to do is go to Borth, which is north of Aberystwyth on the coast, and walk the sand dunes of nearby Ynyslas. It’s an extraordinary place, very mystical. It takes you back to the fundamentals of life. Borth also has an animalarium with meerkats, a black panther and reptiles all looked after by these bohemians. The kids love it up there.“

„I love the coastal path that goes through Aberystwyth. I’m a keen runner and 15 miles up and down that is better than any marathon. I did the Marathon des Sables [a six-day ultramarathon] a couple of years ago in the desert and I did most of my training here.

„Aber has a Welsh-speaking community but it’s a multicultural town because of the university. So you’ve got scholars walking around, hippies walking around, creative people walking around… It’s a place for everyone. It’s almost like a festival. If I didn’t have commitments elsewhere and if I was approaching 65, I would think about coming here to retire.“

„The Glen on the seafront has one of the best sun terraces I’ve ever seen and the view is absolutely stunning. It’s a lovely pub: very friendly, good food, exotic beers. There are some great bars for sport and the rugby club is always good fun if there’s a game on. There’s about 30 pubs in Aber, all in all.“

„The arts thrive here. There’s poetry, music, loads of Welsh folklore. When we finish work, I like to play music. There are a lot of virtuoso musicians on the crew and our Hinter-band plays the pubs of Aberystwyth. I play the drums and sing.

„The world’s first camera obscura was built in Aberystwyth in 1880.“

„I love the springtime here because you can almost see the Irish Sea calming, instead of spitting and snarling at you every waking moment. It has no desire to come and reclaim the land. And I like the magic hour in the springtime: when the light gets very bleak before night falls. It’s a fantastic time to shoot. It looks extraordinary – almost like a dream.“

„Go to Charlies hardware store. I can go to Charlies and stay there all day without buying a thing. It’s tool porn. I might be proving my age here. Opposite Charlies, there’s a really good restaurant called Medina. It’s an Ottolenghi sort of place where you can pick up a picnic. There’s a friendly fishmongers right next to it who have a gorgeous little restaurant down in the harbour called Pysgoty.“

„You can surf at Aberystwyth or up the coast at Borth. I haven’t surfed here yet but I do like to go and watch them.“

„There’s another lovely place called Baravin down on the front. „Bara“ means bread and „vin“ is obviously French for wine. They serve all sorts: oysters, pizzas, lovely salads, a great array of beer and wines. I just wish I had more time off to indulge.“

 

479 Seiten hat das Buch, es ist kein Roman, kein Kriminalroman, keine Biographie, am ehesten vielleicht noch so etwas wie ein Tagebuch. Eigentlich geht es um ein Musikstück, um Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23, einem Klavierstück, das gemeinhin als eines der am schwierigsten zu spielenden Klavierwerke überhaupt gilt. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, Amateurpianist, hatte sich für die Jahre 2010, 2011 vorgenommen, besagte Ballade zu erlernen. Um den Lernweg geht es in diesem unglaublichen Buch. Es erschien unter dem Titel Play It Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten (Zürich 2015). Nun waren die Jahre 2010/2011 für den Guardian aufregende Jahre, die WikiLeaks-Dokumente wurden veröffentlicht, außerdem wurden die Abhörskandale der britischen Presse (verquickt mit Polizei und Geheimdienste) aufgedeckt und veröffentlicht, was zur Einstellung der News of the Wolrd führte. Wie kann der Hauptverantwortliche dieser Zeitung Zeit und Muße, Kraft und Energie aufbringen dann auch noch so nebenbei dieses schwierige Musikstück zu üben und zu einer gewissen Vorführbarkeit zu bringen? Das ist eines der Themen dieses Buches, ein anderes die Arbeit eines Zeitungschefs in solch einer turbulenten Zeit, ein drittes, wie sich beides gegenseitig bedingt, ein viertes das Kennenlernen dieser Ballade in allen Einzelheiten u.v.a. mehr. Nebenbei werden aber auch Gespräche über die Ballade mit Pianisten, z.B. Alfred Brendel, Murray Perahia oder Daniel Barenboim wiedergegeben. Und der Leser lernt ungeheuer viel über Musik und die Wirkung, die Musik auf uns Menschen ausübt. Zur Erinnerung, hier geht es um ein Musikstück das spätestens mit Roman Polanskis Film Der Pianist einem größerem Hörerkreis bekannt gemacht wurde. Alan Rusbridger erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Amateurpianisten, Gary, dessen Leben sich durch das Hören der Ballade in besagtem Film und die Beschäftigung damit total verändert hat, Gary: „Für mich erzählt Chopin mit dieser ersten Ballade, was er im Leben durchgemacht hat. Er komponierte sie mit Anfang zwanzig und er war, wie viele große Geister, depressiv, suchte nach Glück, und die Ballade, wie du weißt, beginnt zunächst sehr düster, dann versucht er, sich davon zu befreien, und dann geht er zurück in die Depression, in eben dasselbe Thema, nicht wahr? Er schreit nach Glück! Und dann, gegen Ende, heißt es schon fast: `Ich werde mich vom Leben nicht unterkriegen lassen.´ Es geht bravourös über in die Coda, und zum Schluss heißt es: `Ich werde siegen!´ Später erzählt Rusbridger, dass Gary durch dieses zehnminütige Musikstück zurück ins Leben gefunden hat.

 
 
 

 
 
 

Daniel Barenboim äußert in einem Gespräch mit dem Guardianchef, ein großer Wert der Musik liege darin, dass sie uns Werkzeuge an die Hand gebe, uns selber besser zu verstehen, die menschliche Existenz, die Gesellschaft, unsere Lebensweise, den Sinn des Lebens und so weiter. Musik lehre uns, dass es nichts gebe, was der menschlichen Existenz fremd sei …

Über ein Gespräch mit dem Pianisten Murray Perahia erfährt der Autor, dass er als erstes die Gefühlsbotschaft eines Musikstückes verstehen möchte, sie beeinflusse den angestrebten Klang und die grundsätzliche Art, wie man ein Stück spielen sollte. Er verwende oft eine Geschichte, eine Metapher, um zu verstehen, was in den Noten vorgehe. Auch für die Ballade hat Murray eine Geschichte parat (siehe S. 217 ff).

Apropos Geschichte: Alan erzählt die Geschichte, als sich eines Tages die Gruppe Radiohead beim Guardian meldet, sie wolle eine Zeitung herausgeben und die Onlinechefin der Zeitung mit der genialen Idee gekontert habe, ein paar musikalisch begabte Journalisten des Guardian sollten eine Cover-Version des Radiohead-Klassikers “Creep“ einspielen, was auch geschah. Colin Greenwood soll ein äußerst witziges, hinterhältiges Lob auf der Website der Zeitung hinterlassen haben.

In der Mitte des Buches erklärt der Autor auch den Titel des Buches Play it again: „Abgesehen davon, dass ich morgen vielleicht in Casablanca an einem alten Klavier sitze (Alan Rusbridger war unterwegs nach Tripolis, um einen gefangen gehaltenen Journalisten zu befreien), hat der Titel zwei Bedeutungen. Erstens: dass man als Erwachsener zum Klavierspielen zurückfinden kann. Zweitens: dass man nur durch endloses Wiederholen besser wird. Der Journalist in mir erwärmt sich außerdem dafür, dass dieses Zitat verfälscht ist. Bogart hat das so nie gesagt.

Ein wunderbares Buch. Unbedingt zu empfehlen.

P.S. In meinem Plattenschrank befindet sich die Einspielung von Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll, op 23 durch Maurizio Pollini (Doppel CD: Art of Chopin: Sviatoslav Richter u.v.a.)

 
 
 

 

2017 18 Juni

Some Time Ago (1980)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz