Manafonistas

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Archives: Montag, 1. Mai 2017

tryptichon
 
läufer navigieren im netzplan: schneller als paranoia,
langsamer als der nachmittag. hackysack, gitarre, tiger,
springer durch glühende reifen, gelungene reproduktion

wir

hinterlassen geblümte tüten, der grill hat es hinter sich.
im diagramm aus stahlrohr und holz: kinder. im andern
aus patchwork und schattenriss: eltern. eine tangente

abdel

spricht arabisch, französisch und facebook. unter der stadt
autobahn herrscht stille. oder die taubheit am fluchtpunkt.
andere inseln betreten, schnittmenge, foul im strafraum:

ich
 
 
aus: Judith Hennemann: Bauplan für etwas anderes. Gedichte. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt 2017
 
 
 

 
 
 

Martina Weber: Dein Gedicht „tryptichon“ steht aufgrund seines Titels in der Tradition des Gemäldegedichtes. Das klassische Gemäldegedicht nimmt seinen Ausgangspunkt bei einem Gemälde, es kann sich aber nie in dessen Beschreibung erschöpfen, sondern entwickelt etwas eigenes und kann für sich stehen, auch wenn der Leser, die Leserin das Gemälde, auf das das Gedicht sich bezieht, nicht kennt. „tryptichon“ funktioniert wie ein Wimmelbild, ich kann bei jedem Lesen auf den drei Gemäldetafeln andere Bilder sehen, auch wenn „wir“, „Abdel“ und das lyrische Ich durch die Hervorhebungen im Text vielleicht von dir als zentralen Elemente der drei Gemäldeteile angedacht wurden.

In deinem Gedicht schaffst du es, in wenigen Zeilen verschiedene Stimmungen anzuschlagen. Den Begriff „gelungene reproduktion“ könnte man in Anbetracht der Patchworkfamilie auch ironisch lesen und ich denke auch daran, dass es Frauen gibt, die den Vater ihrer Kinder nach Genpoolkriterien auswählen. Auch das Bild der geblümten Tüten als Hinterlassenschaft nach einer Grillsession mit einem Einmalgrill finde ich witzig. Ich mag auch solche kühlen Begriffe wie „tangente“. Der Name Abdel bringt eine politische Ebene ein. Es wird zwar klar, dass Abdel ein Araber ist, aber ob es einen Bezug zur „taubheit am fluchtpunkt“ gibt, bleibt offen. Diese Passage kann sich auch auf das lyrische Ich oder das lyrische Wir beziehen. Dein Gedicht ist also nicht nur ein Wimmelbild, sondern funktioniert auch noch wie ein Kaleidoskop. Kann sein, dass manche Lesende, die klare Bilder und eindeutige Bezüge brauchen, damit überfordert sind. Mich stört es nicht, ganz im Gegenteil. Eindeutigkeiten langweilen mich, sie lösen in meinem Gehirn nichts aus. Abdel kann auch Teil der Patchworkfamilie sein, Jugendlicher oder Erwachsener, möglich ist es aber auch, dass sein „fluchtpunkt“, also das Ende seiner Flucht, unter der Stadtautobahn liegt, Taubheit in den Füßen. Manchmal sehe ich auf einem der Triptychonbilder auch den Grill unter der Stadtautobahn und spüre das Ende der Patchworkfamilie (die „taubheit am fluchtpunkt“). Der Hackysack, die Tiger und die glühenden Reifen lassen mich an einen zurückliegenden Zirkusbesuch denken oder an die Vorstellung eines Zirkusbesuchs, als eingeblendetes Blitzlicht.

Sehr gefällt mir die letzte Zeile, die mit der schönen Passage „andere Inseln betreten“ beginnt. Die Passage passt zum Araber, der einen anderen Kontinent aufgesucht hat, aber auch zu einem Teil einer Patchworkfamilie oder auch zum lyrischen Ich, falls es nicht Teil der Patchworkfamilie ist (was offen bleibt). Der italienische Lyriker Filippo Tommaso Marinetti schrieb in seinem Technischen Manifest der Futuristischen Literatur: „Man muss das Verb im Infinitiv gebrauchen, damit es sich elastisch dem Substantiv anpasst und es nicht dem >Typ< des Schriftstellers unterwirft, der beobachtet oder erfindet. Das Verb im Infinitiv kann einzig den Sinn der Fortdauer des Lebens und die Elastizität der wahrnehmenden Intuition geben.“ Für die letzte Zeile deines tryptichons passt der Infinitiv perfekt. – Was meinst du zu meinen Eindrücken?

 

Judith Hennemann: Ich kann deinen mehrperspektivischen Blick auf das Gedicht sehr gut mitgehen: Du näherst dich literaturtheoretisch, assoziativ, über Bilder vor deinem inneren Auge und aus der Erinnerung, gesellschaftspolitisch und sogar mit einem technischen Modell (nämlich dem Kaleidoskop) dem Text an und nutzt damit das ganze Spektrum der Lesarten, die Lyrik bietet. Mehrdeutigkeit ist ein wichtiges Prinzip meiner Gedichte, denn nur so entsteht Raum für den Leser, für seine eigene Auslegung und emotionale Resonanz.

Ein Park in der Großstadt, in dem tryptichon verortet ist, bietet hierfür eine prima Grundlage. Nimm etwa den Begriff „Patchwork“: Er bezeichnet die Herausforderungen moderner Familien, kann aber auch für eine Picknickdecke stehen. Oder das „Foul“ im Strafraum. Wenn du es nur hörst, kann es bedeuten, dass ich zu faul bin mitzuspielen. Es kann eine verpasste Gelegenheit sein: Kein Tor. Könnte aber auch sein, dass ich enttäuscht worden bin, eben gefoult wurde. Es geht um Beziehungen, um Identität. Abdel könnte eine Person sein, die ich im Park getroffen habe, aber er ist auch ein Bild für mein eigenes Fremdsein in dieser Stadt. Ich verwende Begriffe aus der Geometrie wie die Tangente und den Fluchtpunkt, um diese Interpretationsräume aufzuspannen und mich darin zu bewegen.

Nun zu deinem Marinetti-Zitat: Der Infinitiv ist für mich nicht wertvoller oder poetischer als jede andere grammatische Form. Mir gefällt aber der von Marinetti verwendete Begriff der Elastizität von Verben im Infinitiv sehr gut, weil er mehr Bewegungsfreiheit für den Leser ermöglicht. tryptichon profitiert von dieser Option.

 

Martina Weber: Wie gehst du vor, wenn du ein Gedicht schreibst? Entsteht es eher schnell oder wächst es allmählich? Wie entstand dein „tryptichon“?

 

Judith Hennemann: Das ist sehr unterschiedlich und hängt vom Ausgangspunkt des Gedichts ab, der wie ein Funke wirkt. Ich betrachte den Funken und schaue, wie ich ihn anfachen kann. Manche Gedichte – wie etwa tryptichon – entstehen aus Situationen oder Erlebnissen. Ich nenne sie ein wenig despektierlich „Ein-Euro-Gedichte“. Das bedeutet, dass sie mir zufliegen, sagt aber nichts über die Qualität der Gedichte aus: Mal gelingt der Wurf, und manchmal eben nicht. Dann gibt es Gedichte, die mit emotionalen Erfahrungen zu tun haben: Unglückliche Liebe, individueller Schmerz. Das braucht eine geklärte Haltung und ein Feilen an der Sprache, um sie nicht zu überfrachten. Gesellschaftsbezogene, aktuelle, politische Gedichte erfordern häufig echte Recherche, eine thematische Annäherung. Viele meiner Gedichte entstehen aus der Sprache selbst. Ein Begriff wie „wearable“ wirkt auf mich zum Beispiel als Funke, oder ein Torpedoträger mit dem Namen „Schneewittchen“, den ich in Peenemünde sah.

Häufig stelle ich fest, dass der Funke am Ende des Gedichts gelöscht werden muss, damit es funktioniert. Das kann etwa bedeuten, dass ich auf die erste Zeile oder sogar Strophe verzichte, bestimmte Adjektive oder Substantive herausnehme. Der Funke überstrahlt sonst den Text, oder aber er ist redundant geworden. Ich arbeite im Schnitt 2-4 Tage an einem Text. Dazu gehört auch das Feedback meines Freundes Peter Kapp, der ein erfahrener Lyriker ist.

 

Martina Weber: Die Gedichte in deinem Band Bauplan für etwas anderes sind teilweise in normaler Rechtschreibung und teilweise hast du durchgehend Kleinschreibung verwendet. Die Kleinschreibung kann verschiedene Gründe haben, einer davon ist der, die Hierarchie zwischen Wörtern, die normalerweise groß geschrieben werden, und denen, die nicht groß geschrieben werden, zu zerstören. Ein anderer Grund ist der, dass durch Kleinschreibung und fehlende Zeichensetzung Mehrdeutigkeiten im Text erzeugt werden können. Ein Beispiel in deinem Gedicht ist die Passage: „unter der stadt/autobahn herrscht stille“. Die funktioniert eher in Kleinschreibung. Welche Gedanken hast du dir zu dem Thema der Groß- und Kleinschreibung in deinem Gedichtband gemacht? Gab es auch die Überlegung, die Gedichte in dieser Hinsicht einheitlich zu gestalten?

 

Judith Hennemann: Du schreibst ja in Deinem Fachbuch Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen, dass man „viel Zeit und Geduld“ braucht, um seinen Ton zu entwickeln, und zitierst in diesem Zusammenhang Horaz, der 9 Jahre veranschlagte. Anfangs war ich so fasziniert von den zahllosen Optionen, die sich allein durch das Weglassen eines Kommas ergeben können, dass ich regelrecht in der Sprache herumgeplanscht bin. Der Bauplan-Band beinhaltet einen starken Suchprozess, das macht ihn als Debüt auch aus. Heute halte ich mich strikt an die offizielle Groß- und Kleinschreibung, verwende korrekte Interpunktion und Rechtschreibung. Ich fahre sehr gut damit, weil die Texte schon allein optisch eine klarere Sprache sprechen. Ich schließe aber nicht aus, dass sich das auch mal wieder ändert.

 

Martina Weber: Nochmal zur Schlusspassage im „tryptichon“: „andere inseln betreten, schnittmenge, foul im strafraum: // ich.“ Auch hier sind verschiedene Bezüge denkbar und mir gefällt das Freche, die Grenzüberschreitung durch das Foul im Strafraum. Ausgerechnet am Abend des zweiten Manafonistastreffens am 27. Mai in Münster läuft das DFB Pokalfinale, Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt und einige meiner Kollegen hier auf dem Blog und meine einzige Kollegin Lajla wollen das Spiel unbedingt sehen. (Du hörst meine fehlende Begeisterung darin.) Bist du, als zugereiste Frankfurterin, Eintrachtfan?

 

Judith Hennemann: Ich würde mich als wohlwollend neutral bezeichnen, was Fußball betrifft. Samstagabend läuft bei uns zu Hause die Sportschau, und wenn ich meine beste Freundin am Wochenende sehen will, muss ich ins Stadion oder – bei Auswärtsspielen – in die Fußballkneipe. Ich ziehe die Fußballkneipe vor und habe mir eine Art opportunistische Halbbildung draufgeschafft, um wenigstens hin und wieder was zur Konversation beitragen zu können. Mit dir über Literatur zu reden macht aber mehr Spaß :-).

 

Martina Weber: Dann lass uns das Aufnahmegerät abschalten und noch einen Kaffee bestellen. Die Spesen übernimmt das Manafonistas Head Quarter.

 
 
Nächste Lesung mit Judith Hennemann:

  1. Mai 2017, 20.30 Uhr

Gemeinsam mit Martina Weber

Musik: Ro Gebhardt (Jazzimprovisationen auf der Gitarre)

Moderation: Stephan Enders

Milchsackfabrik, Gutleutstraße 294, 60327 Frankfurt am Main

 

Mehr von Judith Hennemann im Netz gibt es auf Facebook und hier: https://www.fixpoetry.com/autoren/literatur/feuilleton/judith-hennemann
 
 
 

 

Warum hören wir Musik? Warum haben wir unterschiedliche Präferenzen beim Musikhören? Wozu hören wir Musik und wobei? Sagen unsere Vorlieben etwas über unsere Persönlichkeitsstruktur aus oder darüber, wie wir wahrscheinlich mit unseren Mitmenschen umgehen? Was verbindet uns mit der Musik, die wir lieben? Fragen über Fragen. Aber wir würden in einer anderen Welt leben, wenn es nicht jemanden gäbe, der ihnen nachgeht. Und dabei keineswegs uninteressante Ergebnisse findet. So z.B. die University of Cambridge, die mit The Musical Universe eine Seite zur musikpsychologischen Forschung bereitstellt an der jeder teilnehmen kann und zudem gleich danach sein persönliches Testergebnis zu einer der obigen Fragen und noch einigem mehr mitgeteilt bekommt.

Einen etwas anderen Weg geht das Max Planck-Institut (MPI) für empirische Ästhetik in Frankfurt mit seiner Abteilung Musik. Hier werden die Fragen etwas weiter gestellt und versucht den ästhetischen, emotionalen und soziologischen Hintergrund zu erfassen: Worin besteht die Lust am Unvorhersehbaren? Unter welchen Bedingungen erleben wir Musik als schön? Wie kommt es beim Musikhören zu einer völligen Absorption und was genau geht da vor sich? Wie heterogen kann Musikgeschmack sein und wer bevorzugt was? Was sind musikalische Schlüsselerlebnisse und welchen Einfluss haben sie auf die Entwicklung des Musikgeschmacks? Und gibt es Diskrepanzen zwischen geäußertem Musikgeschmack und tatsächlichem Hörverhalten?

Ein lesenswertes und nicht ganz unamüsantes Ergebnis, das ganz nebenbei die Eingangsfrage teilweise beantwortet ist beispielsweise die Arbeit von Paul Elvers: Songs for the Ego: Theorizing Musical Self-Enhancement. Im Abstract sagt er:
 

I claim that listening to music serves as a resource for actively manipulating affective states so that a positive self-view is maintained and a sense of optimism is provided. Self- enhancement—the process by which individuals modify their self-worth and gain self-esteem—typically takes place in social interactions. I argue that experiencing music may serve as a unique “esthetic surrogate” for interaction, which equally enables self- enhancement.

 
 
 

 
 
 

Life and music etc beyond mainstream: betreiben wir hier also mit einigem Spaß ein nebenwirkungsarmes Self-Enhancement indem wir Neuentdeckungen, Liebgewonnenes, Liegengebliebenes, personal Lifers, Eigenwilliges und Wiederentdecktes auf Resonanzen oder Schnittmengen untersuchen und uns über nette, zustimmende oder weiterführende Kommentare freuen? Wahrscheinlich schon, denn wie schon Hermann Hesse treffend bemerkte: Eigensinn macht Spaß! Aber reiner Hedonismus ist sicherlich nicht alles. Das Trittbrettfahren auf den musikalischen Erfahrungen und den poetischen Skizzen des Nichtalltäglichen der anderen Autoren sind oft wunderbare Reisen hinter die Spiegel, die vielleicht verhindern, dass unsere Phantasiekräfte sich in den monochromen Netzen des täglichen Stumpfsinns verfangen. Zeitreisen und Neulandfahrten scheinen dazu bestens geeignet.

Aber eines gerät dabei bei all der Freude (oder gerade deswegen) mitunter ganz an den Rand: Disliked Music – das Ablehnen bestimmter Musik oder bestimmter Musikstile – ein vernachlässigtes Phämomen. Auch hier ist eine Forschergruppe des MPI daran die psychologischen und soziologischen Zusammenhänge und Funktionen der Abneigung gegen einzelne Musikstücke oder -stile zu erforschen, was mich neugierig macht und mir mindestens so interessant wie die Affinitäten erscheint …


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