Zwei Worte, ganz spontan? Eigentlich überlege ich lieber ein bisschen. Ich blickte ins Regal. „Rohstoff“. Das ist eins, das mir gefällt. Und sonst? „Begleiten“. Alain schrieb es in sein Notizbuch, mit Bleistift, darüber meinen Vornamen. Er war ganz in Weiß, wie eine Traumgestalt, weißes Haar, ein weißes Baumwollhemd, weiße weite Hosen, und an den nackten Füßen dunkle Ledersandalen. Mit dem Projekt hatte er auf einer Vernissage begonnen, in Brüssel, als ihm langweilig wurde. Vielleicht würde er eine philosophische Arbeit daraus entwickeln. Aber wie war die Frage nochmal genau? Ging es um die wichtigsten oder die schönsten Worte? Worte, oder Werte? Das ist nicht so wichtig, sagte Alain. Das sei die Unschärferelation. Er nimmt seine Sonnenbrille ab, er zeigt mir seine Notizen, er redet und lacht, und jetzt weiß ich, er erinnert mich an eine Figur aus einer Kurzgeschichte von James Salter. Die Gabe. Er war einige Jahrzehnte älter geworden. Sein Haar wäre zerwühlt, er hätte einen Bambusstock in der Hand, er würde um die Mittagszeit aufstehen. „Es war ein Talent, so zu leben, wie er es gerne hätte, fast ohne Sorge, als würde er das ersehnte Ziel auf die eine oder andere Art erreichen, ohne sich von dem behelligen zu lassen, was inzwischen vorfiel.“
Archives: Freitag, 21. Oktober 2016
2016 21 Okt.
Encounter with a younger me
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 12 Comments
2016 21 Okt.
Gregor öffnet seinen Plattenschrank (123)
Gregor Mundt | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
Im Juni letzten Jahres war ich zuletzt in Henrys Kneipe, zurück nun also in Hörnum, in Henrys kleiner Wirtschaft am Rande des Hafens, direkt an der Nordsee gelegen. Nach Westen hin nur noch Sand, Dünen, weiter südwestlich ist Amrum zu sehen, im Norden, oberhalb der Gaststätte, der Leuchtturm. Es war ein wunderschöner Frühsommertag damals, als ich Henry die Wurlitzer gebracht hatte (Plattenschrank 95) … Immer wieder, was für ein Fest, einen komplett leeren Plattenkranz mit 100 Singles neu zu bestücken; die kleinen mit den Plattentiteln bedruckten Schildchen korrekt unter die jeweilige Nummer in die fast zu engen Plastikfächer zu schieben, und dann der Test: Nummer und Titel sollten jetzt stets übereinstimmen. Ich würde mir das nie verzeihen, wenn Henry A8 drückt und LOLA von den KINKS zu hören annimmt, aber TEARS OF A CLOWN von SOMKEY ROBINSON AND THE MIRACLES ertönen, das ist zwar auch eine fantastische Nummer, aber eben nicht LOLA, nee, also, das geht gar nicht.

Michael Chabons Buch “Telegraph Avenue” (Köln 2014) hatte Henry damals gerade gelesen und gemeint, dass seine Ängste, was das Überleben seines Betriebs anginge, ihn an den kleinen Plattenladen in Michael Chobons Buch erinnerten. Ich wollte natürlich nun nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und sofort bei meiner Ankunft nach dem Wohlergehen des Ladens fragen und so machte ich mich nach einem Begrüßungsdrink an Henrys Bar zunächst einmal an die Arbeit und schaute nach der Box. Ein paar Kleinigkeiten gab es zu richten, aber ansonsten, so sagte mir Henry, laufe die Box wie geschmiert. „Das soll wohl so sein …“, meinte ich. Mitte Oktober, Gäste waren keine mehr ins Sicht und so sperrte Henry die Türe seiner kleinen Hafenkneipe etwas früher ab als sonst. Wenn noch jemand gekommen wäre, Henry hätte ihn nicht verdursten lassen. „Wie liefen die 100 Singles? Welche Musik mochten deine Gäste in den vergangen 15 Monaten? Gibt es Schwerpunkte?“, fragte ich. „Es sind die Jahre 1966 bis 1973, Sachen aus dieser Zeit laufen bestens und dann noch ein paar deiner Missionsplatten aus der Jetztzeit, ich schau gleich mal nach …“ Das Gespräch drehte sich um Musik, aber gerade als ich nach dem Geschäft fragen wollte, stand Henry auf und holte uns etwas zu essen: Leckerste Fischbrötchen und einen feinen, kühlen Weißwein.

Was dann aber passierte, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Henry verschwand hinter der Bar und holte einen Stapel CDs hervor, alle gleich an der Verpackung als ECM-CDs zu erkennen. „Das“, so meinte er, „ist meine Entspannung. Wenn der Laden leer ist, der letzte Gast den Weg zur Tür gefunden hat, dann schalte ich die Box ab und lege, während ich aufräume, spüle, die Tische hochstelle, einige dieser CDs auf. Ganz am Schluss, bevor ich gehe, setzte ich mich nochmal in Ruhe hin, trinke einen Bunnahabhain (Islay Single Malt Scotch Whisky) und höre ganz intensiv noch ein einziges Stück von einer ECM-Platte, die mir besonders gut gefällt. So, und weil du ein so guter Freund bist, hole ich jetzt die Flasche Bunnahabhain, und nenne dir meine Late-Night-Stücke der letzten zehn Tage. Ich nehme mal an, du kennst die Platten und wirst dann in der Lage sein, aus den zehn genannten Musiktiteln einen auszusuchen, mit dem wir diesen wunderbaren Abend beschließen.“ Er wählte zehn ECM-Platten aus dem Jahr 2016 aus und nannte von jeder Platte seinen Lieblingstitel:
Glauco Venier: Music for piano and percussion: Gunam
Andrew Cyrille Quartet: The Declaration of Musical Independence: Kaddisch
Tonu Krvits / Veljo Tormis: Mirror: The Last Ship
Avishai Cohen: Into The Silence: Life and Death
Jacob Bro: Streams: Full Moon Europa
Jack DeJohnette, Ravi Coltrane, Matthew Garrison: In Movement: In Movement
Jon Balke: Warp: This Is The Movie
Tigran Hamasyan, Arve Henriksen, Eivind Aaret, Jan Bang: Atmospheres: Traces 5
Rolf Lilevand: La Mascarade: Chaconne en la mineur
Tord Gustavsen: What was said: I Refuse
Ein Auslese feinster Art, diese Stücke und ich stellte mir bei jedem einzelnen Titel Henry vor, wie er die Kneipentür abgesperrt hat und nun alleine bei einem Lagavulin oder einem anderen edlem Malt sitzt und der Musik lauscht, ganz für sich allein.
Mit Henrys zwei Plattenwünschen aus dem letzten Jahr: Midnight Theme (Fraternity 1975) und Redbonin´, eine Platte, die es im Juli 1972 bis auf Platz 32 der R&B-Charts geschafft hatte, bin ich noch nicht erfolgreich gewesen, das nächste Mal vielleicht.

2016 21 Okt.
Bon Iver – 22 (OVER S∞∞N)
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Bon Iver | Comments off
2016 21 Okt.
„Making Plans for Nigel“ (live remix talk)
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 7 Comments
MHQ: You like that title for our small talk?
Michael: Yes, for my teenage heart!!! A nice dictaphone you have, let me have a look (silence, noises). You know my taste. DRUMS AND WIRES is a fucking great XTC album. I think our Ian listens to it on a regular basis, everytime his Celtics are switching to fuckng old Bravehearts :):) Steve Wilson’s genius remixes (stereo and surround) made me return to the treasure grove of ancient Progressive Rock. King Crimson are the greatest of them all. And you know the unkown HOLY GRAIL of Prog Rock?
MHQ: Tell me.
Michael: XTC’s MUMMER. Totally surreal, inventive, melodic, dark, mysterious. Tony Visconti is a big fan of it. As good as, well, IN THE LAND OF GREY AND PINK, one of the two really awesome CARAVAN albums.
MHQ: What has been the last of those records in your studio?
Michael: THICK AS A BRICK, the 5:1-version. I loved it when I was a teen, I still love it. Some years later, Jethro Tull turned a bit too whimsical, but their special Englishness, and the inventiveness of their CEO delivered some masterpieces. PASSION PLAY is an unusual approach to death. A bit Monthy Python, a bit Harold Pinter. I listened to THICK AS A BRICK, full volume, four active speakers, ground control from Trinnov Amethyst, and I was in heaven, even as a wall was cracking!
But, now, some guilty pleasure. Different from my new old companions, John Kelman and Brian Whistler, I couldn’t stand TALES FROM TOPOGRAPHIC OCEANS. It was pure kitsch for me, Rick Wakeman aka „Mr. Hypervirtuoso“ (a reason for punk to arise quicker!) – horrible – and when I heard it in very young years, I decided never ever to return. But now I ordered Steven Wilson’s surround edition – I will drink two glasses of red wine (Molly Dooker, Two Left Feet, 2013) before starting the machine – and then do my „reevaluation“ job.
MHQ: What do you expect?
Michael: The child in me always had big ears and merciless judgement. I think I will still find it awful, but enjoy the sound. Marihuana would suit better to play tricks with my mind. But in a few weeks from now, BEAT will be released, Steven Wilson-style. King Crimson’s great folllow-up of their unsurpassable quartet incarnation with Fripp, Belew, Bruford and Levin, DISCIPLINE.
MHQ: Another confession?
Michael: I never loved the music of Jimi Hendrix and Led Zeppelin.
MHQ: No one of your fellows believe this will be your last sign of life till December 6th, on this blog. You seem, ähem, a bit addicted, writin here.
Michael: Well, death notes come sooner. You can bet on it, Joey! I will still write my „memory lane review“ of those five excellent ECM vinyl albums from the days of old (will happen within the next seven days), and do some comments on my posting of the last radio night. Then I will cross the seven seas.
MHQ: Seven seas, Michael, keep it low …
Michael: You’re right. The old romantic in me. Time for reloading batteries. The seven seas are Baltrum, the Alps near Krems in Austria, England (somewhere in England), and that’s it. Maybe, Forestville, CA – no, no, that may be something for 2017 :) – would like to see here some photos of Mr. Whistler’s power spots there, with some short notes … Or stories.
MHQ: Eight free weeks, that’s pure luxury!
Michael: First of all, it’s brainstorming. And shit can happen anyway. But: Health comes back, or so it seems. ASS 300 was quite toxic, and this specialist in the „Sauerland“ didn’t tell me a fucking word to take it regularly after the meal, and after some Omeprazol.
MHQ: Will you visit Brian Eno in Notting Hill?
Michael: Dunno. He’s still the busiest guy I know. Yesterday I wrote him a mail concerning a meeting in Hamburg. I do know two fucking great places, great food, great view, and no shitty background music – thanks to the late Peter Rühmkorff, by the way … I miss the days in the studio of eccentric Michael Naura. Loved that guy!
MHQ: Something new on the loudspeakers?
Michael: In the car. Got a promo copy of that awful LAZARUS-musical with Bowie. There they even killed some of his best songs in broadway style. But: three pure, great songs from Bowie’s last months! A propos Broadway and entertainment. Leonard Bernstein did a great job with Mahler symphonies, and then, me, oh my, this awful musical and movie WEST SIDE STORY. Shakespeare drowned in American mainstream. With a ridiculous view on harsh realities. There is only one medicine: the greatest (Shakespeare-fuelled) TV-series ever, „Sons of Anarchy“.
MHQ: Last question: which song do you sometimes sing in a shower?
Michael: Oh, my favourite question from Mojo Magazine. „Tell Me Why“ from Neil Young. „Some Of Them Are Old“ from Eno. All my personal evergreens. There is another one I would like to sing these days, but I couldn’t sing without my voice cracking, „Do You Realize“ from The Flaming Lips. And I would need a band in the bathroom for support, the band from the master class movie „Frank“, and, yes, Frank should better sing it, I would be very, very happy to do the background vocals. Oh, in fact I’m really keen to see the Flaming Lips again live on January 16th, 1917, in Berlin. Buy the ticket today!
