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Archives: Freitag, 20. Januar 2012

2012 20 Jan.

Fensterplatzbewohner

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Eine kleine Minderheit der Popkünstler hat sich zumindest einmal im Leben einen Fensterplatz erobert. Ein Fensterplatz gehört nicht gerade zu den „hot spots“ der Rockhistorie. An Fenstern sitzen vorzugsweise alte oder kranke Menschen, oder Jungs mit Stubenarrest. 

Ray Davies und Brian Eno gehören zu den zeitweiligen Fensterplatzbewohnern. Musiker, die eher skeptisch waren, was die weltbewegenden Träumereien einer nun in die Jahre gekommenen Generation anging.   Eno entfernte nur zu gerne das Ich aus seinen Liedern, und Davies war vom Leben der kleinen Leute angetan und wurde zum Chronist sich auflösender Traditionen. 

Ray Davies sieht in seinem Fenstersong (war es Waterloo Sunset?) die Themse und die Welt überhaupt vorüber ziehen, Brian Eno spielt Solitaire und sieht seine Liebste schließlich durch die Pforte kommen, um dann nach draußen zu eilen und ihr die Schuhbänder zu knüpfen (I’ll Come Running To Tie Your Shoes).  ist ja nicht so, dass man nicht auf dem Sprung wäre, wenn… Ja,  wenn!   

Ich komme auf diese Gedanken, weil ich mir extra ein Zimmer mit Meerblick genommen habe. Es ist mein kleiner Meditationsort, oder, um diesem Wort etwas den esoterischen Gehalt zu nehmen, mein kleiner Verweilort. Nach langen Wanderungen  ist das hier ein ganz wohliges Plätzchen, um so solche  Dinge zu tun wie 

– die Meeresgeräusche und die Dämmerung auf sich wirken zu lassen (was auch unter „einfach dasitzen“ läuft) 
– von gelegentlichen Blicken zum Horizont unterbrochen, den  neuen Thriller von Steve Hamilton, Misery Bay, zu lesen (sehr gutes Buch, noir, aber nicht ohne Humor) 
– die CD Black Light von Diagrams zu hören (s. Loblied auf Mr. Sam Genders) 
– diesen Text über Fensterplatzbewohner zu schreiben

Tiefere Bedeutung dieser Zeilen: keine, sie sind selbstgenügsam. Pointe: Wenn man lange genug sitzt, geht ganz plötzlich die Post ab, mitten in der völligen Ereignisdürre!  

  

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The brains behind Diagrams is former Tunng frontman Sam Genders, who spent the last three years working in a primary school and extricating himself from an emotionally „dark place“. Fittingly, Black Light is a departure from Tunng’s folktronica: Genders has mostly jettisoned the folk, and retained the tronica, yielding an album similar in spirit to Hot Chip and Moloko. The sound is precision-tooled – all brittle beats and loping basslines – with Genders’s sweet, multi-layered vocals imparting the human touch. Human? If anything, he sounds all too fallible, sketching intimate scenes as if speaking to himself: „In the morning light I was baking up bread in the afterglow of a long night spent in your motorcade of intense red words.“ Cavity-wall insulation is provided by guitar, trombone and strings, giving the end result a warm, melodic sheen. Both accessible and experimental – check out the off-kilter jazz creation Appetite – this album is a real winter warmer. (Caroline Sullivan, The Guardian)

Oh, eine neue momentane Lieblingsplatte. Mit Bedauern nahm ich vor Jahren zur Kenntnis, dass Sam Genders, eine der zwei zentralen Figuren der sehr britischen Folk-Exzentriker von Tunng, die Gruppe verließ. Er war in einem dunklen Loch gelandet, deren Details nie an die Öffentlichkeit gelangten. Er kehrte in seinen gelernten Beruf zurück, und ganz behutsam näherte er sich wieder der Welt der Töne.

Das Wunderbare an diesem raffinierten Luftgebilde namens BLACK LIGHT hat Karoline in prägnante englische Worte gefasst. Das Absurde, das Verrückte, geht Ton in Ton mit einer sehr einladenden, pophimmelbewohnenden Leichtigkeit. Solches Leichtgewicht zu produzieren ist allemal eine Kunst, denn hinter der schwebend-pulsierenden Scheinnaivität werden gleich reihenweise Dämonen ausgetrieben.

So ist es ein Zaubertrick, wie Genders‘ zarter Gesang die Untertreibung schlechthin verkörpert. Fast schon körperloser Gesang, und der Anhänger schwarzer Soulstimmen wird sich fragen, ob dieser Mann das Wort „Teppich“ mit der gleichen Emphase singen mag wie das Wort „Liebe“. Man schnappt eine Zeile auf, und schwupps!, verwandelt sich die Stimme in Sound.

Die Wortbilder lösen sich in Luft auf. Auf solch sanften Wellen zu reiten, kann auch bei großen Klangartisten rasch Ermüdung produzieren, man denke an die leicht monotonen Sanftmütigkeiten von Sam Prekop, oder die stets etwas zuckrigen  Arrangements des Beach Boys-Bewunderers Sean O’Hagan. Sam Genders‘ Kompositionskunst ist raffinierter. Das Flüchtige besitzt hier eine gefährliche Unscheinbarkeit.

Wie Alice im Wunderland bannt Sam Genders mit seinen DIAGRAMS manches Grauen mit spielerischem Witz, einem unendlichen, ja, liebevollen Gesangsstrom, der zwar immer über der Erde schwebt, aber aus dunklen Träumen stammt. Dabei ist das Feld weit genug; in einem Lied backt das singende Ich Brot und trinkt heißen Tee, in einem andern fordert er uns auf, mit ihm zum eisigen Berg zu fliegen, und mit den Löwen dort umherzukreisen … Und, glauben Sie mir, der Mann hat kein Drogenproblem.
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