Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Mittwoch, 4. Mai 2011.

Archives: Mittwoch, 4. Mai 2011

2011 4 Mai

Die tiefgefrorene Jazzredaktion

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

Gestern traf sich ein munteres Oktett des Deutschlandfunks zu einer Fotosession auf dem Dach des Senders. Die mitgebrachten Instrumente von der einsaitigen (!) Violine bis zur Mbira liessen eher an das World Music Department von Radio Ibiza denken, aber, abgesehen von dem eisigen Wind, der dort oben wehte (Anja Buchmann trieb er die Tränen aus den Augen) war die Stimmung ausgelassen. Der Chef, Harald Rehmann, thronte mit seiner exotischen und leicht derangierten Sitar über seiner Crew, während Karsten Mützelfeld mit seinem Akkordeon einem alten Hans Albers-Film entsprungen zu sein schien. Auch die mit den fliegenden Haaren an der Gitarre, Martina Bedzent, verströmte, zwischen Blondie und Lagerfeuer, den unschlagbaren Charme alter Zeiten!

Karl Lippegaus hatte sein neues Buch mitgebracht, eine Biographie über John Coltrane, deren Veröffentlichung unmittelbar bevorsteht. Bei seinen Recherchen stiess er auf ein paar seltene Fotos, die den Reiz der Lektüre gewiss noch erhöhen: einmal sieht man Coltrane auf seinem Horn zu den Klängen einer Albert-Ayler-Platte improvisieren. Bert Noglik wird das Buch eingehend vorstellen,  in einer der kommenden Ausgaben der JazzFacts. Und das Ergebnis der Fotosession, sowie eine schriftliche „Visitenkarte“ der Jazzredaktion werden bereits im Programmheft vom Juni erscheinen. Wenn soviele Jazzverrückte sich treffen, wird natürlich über kurz oder lang auch von neuen tollen Platten geredet. Karl ist begeistert von der Solo-Piano-Platte „Avenging Angel“ von Craig Taborn. „Eine der 5 großen Solo-Piano-Platten seit Keith Jarretts „Facing You“, meinte er.

2011 4 Mai

Jon Balke: Siwan

| Filed under: Blog,Gute Musik,Musik vor 2011 | RSS 2.0 | TB | Tags: , | Comments off

Es begann alles damit, dass ich die CD in meinen Player schob, auf dem Weg zwischen Arrecife und El Golfo. 23 Grad, spät nachmittags, und dann kam ein einsames „Wow!!!“
aus meinem Mund, als die ersten zwei Stücke von Jon Balkes neuem Werk vorüber waren. Ich kenne die Musik des Pianisten schon lange, der früher bei „Masqualero“ spielte, später mit „Oslo 13“ Fusio Music und Nordafrikanisches aufregend mixte, und schliesslich mit seinem „Magnetic North Orchestra“ Wege aufzeigte, wie man Neue Musik, Jazz und Afrika ohne akademischen Kunstkrampf & Allerweltsklänge kombinierte.

SIWAN ist Jon Balkes abenteuerlicher Versuch, Parallelen hörbar zu machen zwischen Alter Musik aus Europa (Barock), al-andalusischen Traditionen (9. bis 15. Jahrhundert) und moderner Improvisationskunst. Dazu hat der 1955 geborene Pianist die idealen Spiel-gefährten an seiner Seite: den Trompeter Jon Hassell, den Violinisten Kheir Eddine M-Kachiche, den Trommler Helge Norbakken, ein norwegisches Ensemble mit versierten Kennern des Barock und – vor allem – die Sängerin Amina Alaoui aus Marokko!

Wie freigeistig die muslimische Kultur und Wissenschaft war, die in „Al-Andalous“ in gar nicht so grauer Vorzeit den Ton angab, kann man den alten Texten und Gedichten ablesen, welche die Grundlage bildeteten für diese Kompositionen. Jon Balke erinnert mit dieser Phantasie an eine Ära, die von der Inquistion gnadenlos verfolgt wurde – das „Ende vom Lied“ war, dass diese freizügige muslimische Geisteswelt (fernab der heute den Ton angebenden Fundamentalisten) heuzutage kaum noch erinnert wird. Dabei war ihr Einfluss, etwa auf die Renaissance, immens; die Bibliotheken von Cordoba horteten Wissenschätze ohnegleichen.

Wie sich auf SIWAN diese diversen Klangszenarien durchdringen, ist fabelhaft – die Musik bleibt stets melodisch, auch wenn sie ein Feuerwerk an rhythmischer Energie abfackelt oder einzelne feine Sphären ohne Eile auslotet. Die Wechselspiele zwischen der raumgreifenden Stimme der Marokkanerin und dem „Schlangenbeschwörer-Sound“ von Jon Hassell nehmen gefangen. Die Spiegelungen zwischen arabischen und barocken Figuren öffnen den Raum noch einen Spalt mehr. Seltsam genug, aber Jon Balke spielt nicht mit der postmodernen Trickkiste: SIWAN ist modern, alt, märchenhaft, verwirrend, überfliessend, transparent.

Als ich mit dem Wagen in El Golfo angekommen war – zuende gehört hatte ich die Musik
an diesen berüchtigten Vulkanklippen der Westküste Lanzarotes, deren Name mir gerade entfallen ist – nahm ich Platz im Fischrestaurant meines Vertrauens. Und dann passierte einer dieser sonderbaren Zufälle, wenn man die richtige Musik zur richtigen Zeit am richtigen Ort hört: ich las die beiliegenden Texte von SIWAN (die sowohl arabisch abgedruckt sind – viel Spass beim Volkshochschulkurs! – als auch auf englisch) und musste so sehr schmunzeln, als ich sich die Augen an folgende Zeilen hefteten:

“ A serene evening
We spent it drinking wine.
The sun, going down,
Lays its cheek against the earth, to rest … „

Nun, ich war allein, aber ein Glas Wein stand auf meinem Tisch, und die Sonne bereitete sich gerade auf ihren first-class-„westcoast“-Untergang vor. Ich blieb, bis es kühl wurde, stieg ins Auto und schob SIWAN ein. Die Musik funktioniert auch in Mitteleuropa,
habe ich später rausgefunden. Überall, wo „free spirits“ hausen … unglaublich gute Musik.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz