….es menschelt schwer in Galiläa


The Chosen ( Serie, USA, 2017 ) von Dallas Jenkins
Der reale sowie der mythische Christus – falls es ihn je gegeben hat – verschwindet langsam hinter den Bildern des Medienphänomens das die Filmindustrie aus ihm gemacht hat. Ältere Versionen zeigen ihn als verklärte Erlöserfigur nah am biblischen Text. In Ben Hur absichtlich als gesichtsloses Randphänomen eingeführt haben wir bei Mel Gibson ( Die Passion Christi ) das Leiden der Kreuzigung in den Vordergrund gestellt ( eine Fortsetzung ist für 2027 geplant ), Pasolini ( Das 1. Evangelium – Matthäus ) schrieb mit einer realitätsnahen, kargen und unprätentiösen Erzählung nach der biblischen Vorlage mit Laiendarstellern Filmgeschichte. Scorsese beschäftigt sich mit der Variante was hätte geschehen können, wenn Jesus befreit worden wäre und ein weltliches Leben hätte leben können anstatt seine Mission zu vollenden ( Die letzte Versuchung Christi ). In Jesus Christ Superstar, eine fetzige Rockoper aus den Siebzigern, erleben wir einen verzweifelten, überforderten und mit Gott hadernden Jesus und im Leben des Brian variiert sich das Thema im Aufwerfen der Frage wie ein bedürftiges Volk sich den gewünschten Guru selbst erschafft – und den Monty Phytons ist dabei schlechthin gar nichts heilig. Nach vehementen Protesten gegen diese Art von Humor schienen die kirchlichen Institutionen einzulenken und bei der Konfirmation meiner Nichte wurde tatsächlich Always look on the bright side gespielt – die Kirche scheint gelernt zu haben und Zugeständnisse zu machen bevor sie ihre letzten Schafe verliert. Nun erscheint The Chosen, eine Crowdfunding – Serie auf prime, netflix und youtube mit rauschendem Erfolg. Jesus ist hier auch nicht mehr die entrückte, unnahbare Erlöserfigur, sondern er ist humorvoll, zugewandt, gelegentlich erschöpft, manchmal knatschig, spielt gern mit Kindern, ein Mensch mit Beziehungen in einem dichten sozialen Netz lebend und wir erleben ihn im Spiegel der Gesellschaft und seiner peer – group. Die Serie taucht ein in das Leben der damaligen kleinen und grösseren Leute zu dieser Zeit, ihre Beziehungen, Nöte und Sorgen und das Leiden unter der römischen Besatzung mit der sich so mancher doch gut arrangiert wenn es ihm zum Vorteil gerät. Die späteren Jünger wiederum haben Ängste, Kränkungen, Konflikte und persönliche Lebensgeschichten mit ihrer persönlichen Spinneritis. Die Serie erfindet zahlreiche fiktive Dialoge und Biografien hinzu und gerade diese erfundenen Szenen verleihen den biblischen Gestalten psychologische Glaubwürdigkeit. Der Zuschauer erlebt etwas als wahr, weil es sich menschlich wahr anfühlt – and it fits! Die moderne religiöse Bilderwelt bedarf nicht mehr unbedingt des furchterregenden, allmächtigen Gottes. Sie bietet vielmehr eine emotional verfügbare, psychologisch verständliche Erlöserfigur an – a nice guy und einer von uns.

Die Kreuzigung und Auferstehung habe ich noch nicht gesehen – mal sehen ob es da auch noch so entspannt menschelt oder doch grandiosere Saiten aufgezogen werden.
Nun ist die Kirche mit den Jahrhunderten doch schlauer geworden und versteht es zu erwittern wann und wie sich der Zeitgeist geändert hat und wie man ihm Rechnung tragen muss – und dass bei pathetischen Erlöserfiguren langsam das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist – ausser sie benehmen sich wie Spiderman – und jetzt ein Kerl zum Anfassen auf die Leinwand muss. Die erste Staffel wurde durch Crowdfunding mit rund 10 Millionen Dollar ermöglicht durch eine evangelikal geprägte, gemeinnützige Stiftung, die inzwischen die Produktion finanziert und die weltweite Verbreitung organisiert. Christliche Netzwerke und Stiftungen helfen bei Spendenaktionen und der Verbreitung. Auch einzelne Kirchengemeinden werden zur Unterstützung eingeladen. Interessant ist außerdem, dass die Mormonenkirche für die zweite Staffel ihre historischen Filmkulissen in Utah zur Verfügung stellte. Das belegt eine praktische Zusammenarbeit, aber keine direkte Produktionsfinanzierung. Die Foundation nennt als ausdrückliches Ziel, mindestens eine Milliarde Menschen mit Jesus bekannt zu machen. Die Serie soll in 600 Sprachen zugänglich werden. Wäre interessant zu wissen ob die Moslems sie auch gucken. Die Glaubensgewissheit erwächst jetzt offenbar weniger aus theologischer Überzeugung als aus der Intensität des subjektiven Beziehungserlebens – so scheint der Fokus gesetzt zu sein. Ein gigantisches Missionierungsprojekt zur Glaubensverbreitung, mal ohne Feuer und Schwert sondern mit Scheinwerfer und Kamera, das sympathisch herüberkommt aber der alten bösen Geschichte keinen neuen Aspekt hinzuzufügen vermag; die moderne Mission kommt aber wenigstens nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger daher. Sie kommt als Unterhaltungsangebot, das seine religiöse Botschaft über Sympathie und Identifikation vermittelt. Fast möchte man sagen: Früher sollte man an Jesus glauben, um ihn lieben zu können. Heute soll man ihn lieben lernen, damit man an ihn glaubt. Früher musste sich der Gläubige nach seinem Gott richten. Heute muss sich Gott nach den Bedürfnissen seiner Kundschaft richten. Eine nette Volte im religiösen Geschehensverlauf und dessen Rezeption. Und es ist nett zu sehen wie die früher so starre Kirche immer elastischer wird; der Inhalt bleibt orthodox, die Verpackung wird immer anschmiegsamer.
Bin gespannt wann sich Jesus die erste Tüte dreht..

Selig sind die Entspannten!