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Archives: Montag, 5. Oktober 2026

 

 

 

La La Land ( USA, 2016 ) von Damien Chazelle

An sich kann ich Musicals nicht so besonders leiden – ausser West Side Story – insofern und deswegen kommt diese Rezi jetzt natürlich zehn Jahre zu spät. Der plot reizt auch nicht besonders zum Ansehen für einen berufsmässigen Gründler, aber wie der Regisseur die alte Hollywood-Ästhetik samt zeitgerechtem Farbenspiel, Musik, Songs und Tanznummern mal eben flott ohne Brüche und Verwerfungen ins einundzwanzigste Jahrhundert verpflanzt und die herrlich unbedarften Hauptfiguren dem American Dream nachjagen und melancholisch scheitern lässt – das hat was.

 

 

Dazu braucht man eine leichte Hand und die muss man haben, das kann nicht gelernt werden – behaupte ich jetzt mal.. Die Geschichte selbst passt natürlich auf einen Bierdeckel. Diese leichte Hand gibt dem Film eine Qualität die ich fast mit dem altmodischen Begriff „Anmut“ bezeichnen würde – dieses Wort flog mich an, traf mich wie ein Pfeil, landete leicht surrend in der Amygdala und steckt seither dort fest. Dort stecken auch Erinnerungen an Ginger Rogers und Fred Astaire, der Schwerkraft offenbar nicht mehr unterworfen, sobald sie auf der Bühne waren. Und Ginger sah so gnadenlos gut aus dass man Fred verzieh dass er weniger gut aussah.

Bei Ginger fällt einem gleich noch „Rückwärts und auf Stöckelschuhen“ ein. Der Satz stammte von Bob Thaves in einem seiner Cartoons, wurde dann später von den Feministinnen gekapert um darauf hinzuweisen dass Frauen das gleiche können wie Männer – sogar unter erschwerten Bedingungen. Ich pflegte dabei hinzuzusetzen: “ ….und menstruierend mit Bauchschmerzen. Oder überhaupt schwanger.“

In West Side Story ist die Musik das acting out, der Container für die wilden Gefühle und Leidenschaften der Figuren, bei Chazelle ist sie ein charmantes zweckfreies traumartiges Spiel. So oft gibt es das auch nicht mehr oft in der Zeit der wummernden Bässe, rotzigen Raps und hypnotischen Raves, Musik ist jetzt eher Rückzug auf sich selbst, Entfernung, Narkose, In-Sich-Versinken, Verschmelzen mit etwas Grösserem, Ausnahmezustände – wenn etwas leicht ist werden wir eher misstrauisch. Ja — Leichtigkeit ist heute verdächtig geworden. Wir trauen ihr nicht mehr so recht. Zu viel Wissen steht dahinter: über Arbeit, Körper, Klasse, Geschlecht, psychische Belastung, Ausbeutung. Sobald etwas mühelos aussieht, fragen wir fast automatisch: Wer hat diese Mühelosigkeit bezahlt? Wer hält im Hintergrund den Laden zusammen? Was wird hier ausgeblendet? Genau deshalb funktioniert der Ginger-Rogers-Zusatz so gut: Er macht aus der scheinbaren Schwerelosigkeit wieder einen Körper der sich anstrengen muss. Dazu kommt unser heutiges Authentizitätsideal. Das Schwere gilt leicht als wahrer als das Leichte: Verletzlichkeit, Trauma, Ambivalenz, Brüche — das erscheint uns „echt“. Ein Film, der einfach Schönheit, Tanz, Farbe und Glück behauptet, läuft Gefahr, als naiv, eskapistisch oder kitschig zu gelten, singing in the rain auch wenn man schon patschnass ist und der Hals kratzt. Ist doch für Kinder, oder? Selbst Freude soll heutzutage oft noch reflektiert, gebrochen oder ironisiert werden, damit sie kulturell ernst genommen wird; vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieser alten Hollywood-Ästhetik. Sie sagt nicht: Das Leben ist so. Sie sagt eher: Für drei Minuten tun wir so, als könnte es so sein. Das ist etwas anderes. Nicht Leugnung, sondern eine kleine ästhetische Gegenwelt. Vielleicht vermissen wir genau das: eine Leichtigkeit, die nicht dumm ist, sondern weiß, dass sie gemacht ist — und trotzdem tanzt. Darum finde ich „Anmut“ tatsächlich noch treffender als „Nostalgie“. Anmut ist ja keine Ahnungslosigkeit. Sie ist eher die Kunst, die Schwere nicht dauernd vorzuzeigen. Oder vielleicht gar von sich selbst gar nichts zu wissen. Und sie ist verdammt schwer darzustellen und durchzuhalten. Und Chazelles kleiner Schuss Übermut in manchen Szenen macht die Limo zum Schampus… Das alte Hollywood und die Broadway- Musical – Szene erwacht in all seiner Unschuld noch einmal zum Leben und trällert sich dann erneut kurz in den Schlaf bis der nächste Experimentierfreudige es wieder kurz wachküsst. Ein Stück Kulturgut und der Erhaltung wert.

 

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G


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