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XXY ( Argentinien, 2007 ) von Lucía Puenzo

 

Zunächst – der Titel ist irreführend, XXY ist die Chromosomenkonstellation beim Klinefeltersyndrom, davon handelt der Film nicht. Puenzo benutzt „XXY“ als symbolischen Titel für eine Art von Zwischenräumlichkeit, Ambiguität und die Starrheit der binären Geschlechterordnung – nicht als medizinische Referenz. Das löste einige Verwirrung bei Journalisten und Filmkritikern aus.

Die Protagonistin Alex ( 15 ) leidet am adrenogenitalen Syndrom ( also nichts Genetisches sondern eine Stoffwechselstörung ) bei dem beide Geschlechtsmerkmale angelegt sind. Das „Leiden“ entsteht dabei weniger durch ihren Körper, der gesund und funktionsfähig ist sondern an einer Welt die eindeutige Zuordnung wünscht und Andersartiges ausstösst – besonders auf dem sensiblen Gebiet der Sexualität in dem Abstossung und Ekel sehr nahe bei der Lust wohnen. Die „Lösung“ bestünde in einer Hormonbehandlung und letztlich einer chirurgischen Kastration. Wie bewältigt ein Mensch dergleichen? Alex wird beherrscht von einer überwältigenden Angst und Scham, verhält sich aber eher kontraphobisch und setzt ihre Körperkraft ein, fordert auch den gleichaltrigen Sohn des mit der Familie befreundeten Chirurgen, der Alex „kennenlernen“ soll – sie riecht natürlich den Braten – sofort zu sexuellen Handlungen auf. Die erste sexuelle Begegnung gestaltet sich daher etwas unerwartet, andersartig und lässt den jungen Mann nun seinerseits an seiner sexuellen Identität zweifeln.

 

                     

Interessant ist an diesem Film die Zweitspur, die unmittelbarer auf das Unbewusste einwirkt: Der Vater von Alex ist Meeresbiologe, beteiligt an einem Projekt über bedrohte Arten, begutachtet verletzte Tiere, sucht nach möglichen Todesursachen – ein Mann der sucht, schlussfolgert, abwägt und beobachtet – ein guter Vater für ein Kind in dieser Situation. Die nebenherlaufende Labortätigkeit, das ständige Sezieren und Freilegen bildet eine dunkle Unterströmung im Film, die zeigt was das Schicksal von Alex sein könnte: Die Zerstörung von Identität und das Gemetzel der Körperverwandlung. Körper werden untersucht, geöffnet, klassifiziert, bearbeitet. Und immer steht dahinter die Frage: Wer hat das Recht, über einen anderen Körper zu verfügen? Besonders interessant finde ich dabei das Sezieren; es ist ja zunächst ein Erkenntnisvorgang: Man öffnet einen Körper, um zu verstehen, wie er beschaffen ist. Aber indem man ihn zerlegt, zerstört man gerade die lebendige Ganzheit, die man verstehen wollte. Das lässt sich unmittelbar auf die medizinische Zurichtung intergeschlechtlicher Menschen übertragen. Ihr Körper wird von ihrer Umwelt als Bedrohung empfunden obwohl er nur anders ist – man zwingt sie eine Identität anzunehmen ohne sich selbst eine bilden zu dürfen – die Mutter möchte ein Mädchen und kämpft für ihren Wunsch. Die „Zweitspur“ ist dabei filmisch viel wirkungsvoller als eine explizite Anklage: Puenzo lässt die Bilder arbeiten, statt ihre Bedeutung auszubuchstabieren, so wird das Level an Bedrohung spürbar mit der Alex täglich konfrontiert ist; eine Bedrohung, die bei The Danish Girl völlig ausgespart wird und erst am Ende sichtbar wird als Lili bei ihrer letzten Operation stirbt. Ansonsten liefert uns der Regisseur ein Sterben in Schönheit.

Der Film handelt von einem Körper, der ständig betrachtet, beurteilt und eingeordnet wird. Aber Puenzo verweigert dem Zuschauer immer wieder genau diese eindeutige Betrachtung. Wir wollen wissen, wie Alex‘ Körper beschaffen ist. Die anderen Figuren wollen es ebenfalls wissen. Und genau darin liegt die Falle. Der Film bringt uns in eine ähnliche Position wie die neugierigen, übergriffigen Menschen in Alex‘ Umgebung. Wir möchten etwas sehen, auf das wir eigentlich keinen Anspruch haben, vielleicht möchten wir uns sogar etwas gruseln. Grusel kommt auf als Alex mit ihrer jüngeren Freundin zusammen unter der Dusche steht – wird sie übergriffig werden? Ein blöder Gedanke und doch kommt er – wie schnell werden Andersartige zum Täter? Puenzo macht aus der Schaulust ein ethisches Problem – manchmal schämen wir uns für unsere Phantasien angesichts der offensichtlichen Unschuld dieser Duschszene. Das ist für mich einer der stärksten Kunstgriffe der Regisseurin: Den Zuschauer auf seine eigenen Phantasien hinzuweisen.

Der Chirurg ist nicht einfach ein Bösewicht. Er vertritt eine bestimmte Vorstellung von Hilfe: Was uneindeutig ist, soll eindeutig gemacht werden. Gewalt entsteht hier nicht unbedingt aus Aggression, sondern aus einem vermeintlich fürsorglichen Impuls, man könnte sagen: Die Operation soll nicht nur Alex‘ Körper verändern, sondern auch die Angst der Erwachsenen beseitigen – die Frage wäre dann: Wer braucht die Operation eigentlich dringender – Alex oder ihre Umgebung?

Alex‘ Vater versucht, das Andersartige zu schützen. Álvaros Vater will es korrigieren. Gleichzeitig hat dieser Chirurg Schwierigkeiten mit der möglichen Homosexualität seines eigenen Sohnes; der Mann, der andere Körper normieren möchte, kann nicht einmal die Andersartigkeit im eigenen Kind ertragen. Oder eben gerade deshalb. Damit wird Álvaro zur heimlichen Parallelfigur von Alex. Beide leiden unter den Geschlechtserwartungen der Erwachsenen.

Die Clownsfische – ein netter biologischer Seitenhieb: Alex hat Clownsfische im Aquarium. Bei diesen Tieren können männliche Individuen unter bestimmten Bedingungen zu Weibchen werden. Die Natur selbst widerlegt also die Vorstellung, dass Geschlecht überall eine unveränderliche Zweiteilung sein müsse – zudem ist der bekannte Clownsfisch Nemo ( Findet Nemo, USA, 2003 ) auch ein besonderes Tier: Er hat eine verkrüppelte Seitenflosse, mit der er mit dem Vater immer abklatscht – der Vater hat ihm erzählt es sei eine „Glücksflosse“, etwas ganz Besonderes. Andersartigkeit als Gewinn – das Meer als Gegenwelt. Dem gegenüber steht die medizinische Welt mit ihren eindeutigen Kategorien. Und damit bekommt das vermeintlich heilende Eingreifen eine beklemmende Doppeldeutigkeit.

 

Puenzo bleibt bei ihrer Verweigerung von Eindeutigkeit, das offene Ende ist auch die Verweigerung einer Diagnose oder eines Behandlungsplans. Der Film liefert keine abschließende Antwort darauf, wer Alex einmal sein wird. Nicht Alex muss sich am Ende entscheiden, damit wir beruhigt nach Hause gehen können, wir müssen lernen, ihre Unentschiedenheit auszuhalten.

 

 


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