Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Freitag, 17. Dezember 2021.

Archives: Freitag, 17. Dezember 2021

 

So ein Buch, das Spuren hinterlässt bis heute, weil es mir in den seltsamsten Momenten einfällt, kommt mir rasch in den Sinn. Es gibt natürlich manch nachwirkende Leseabenteuer, aber dieser Roman macht sich ungefähr so oft bemerkbar (im Hinterkopf) wie sonst nur Don Quixote, auch wenn es da, was Berühmtheit angeht, in jeder Weise hinterher hinkt. Wahrscheinlich taucht das kleine Wunderwerk hier und da in Proseminaren der Germanistik auf, wenn es um den Unterschied von „Erzählzeit“ und „erzählter Zeit“ geht. Dabei ist es für mich eines meiner Lieblingsbücher aus der viel zu flüchtigen Zeit, sagen wir mal, zwischen 1968 bis 1988. Und das Ende Januar 2022 bei C.H. Beck erscheinende Erinnerungsbuch wird meinen Lobgesang gleich chorweise auffächern. Ich weiss noch genau, wie es mich mit Vorfreude erfüllte, das Buch plötzlich vor meinen Augen zu sehen, in der Buchhandlung Lensing, denn ein Lieblingsbuch des Schriftstellers hatte ich schon Jahre zuvor und gleich zweimal (!) verschlungen („Eastend“), was sehr selten ist. Ich sehe den Umschlag, das Hard Cover, genau vor mir. Die Erstausgabe. Suhrkamp. Später habe ich einer Frau zugehört, die genau das erlebt hat, was der Junge, der Held des Buches, im ersten Kapitel erlebt. Der Unterschied: sie hat überlebt. Der Junge zumindest eine Weile. Zumindest lang genug, um all das ungelebte Leben nachzuholen, einmal, für immer. Und so begegnen wir dem grossen weiten Amerika, Latino-Träumen, tollem Hard Bop (Lee Morgans „The Sidewinder“) – und „richtigen Detektiven“. Der amerikanische Traum heisst das Buch, Ernst Augustin hat es geschrieben. Dieses Buch wird nie in Regalen verschwinden, bleibt in Reichweite. Always. Und im C. H. Beck-Verlag hat dieser Schriftsteller und lang praktizierende Psychiater sein letztes grosses Zelt aufgeschlagen, mit all seinen Büchern.

Bald kann ich mein 20-monatiges Lauftrainings-Jubiläum feiern. Das wäre unmöglich ohne mein altes iPod, ohne Musik. Laufen ist Training, es geht mir um eine möglichst lange Strecke ohne Pause. Geschwindigkeit spielt keine Rolle. Radfahren dagegen ist meditativ, ich denke meist über etwas nach, ohne vorher zu wissen, worüber, unberechenbar, wo es endet. Es gibt Stationen, die die Strecke definieren: Die Bahnunterführung, der Outdoor-Fitnessplatz, der Fluss, der Minigolfplatz, das Freibad, der kleine Flugplatz (nicht mehr im Betrieb), die Pferdekoppel, der Anschlag (maximale Strecke). Erst vor ein paar Monaten habe ich ein amerikanisches Motel entdeckt, das neben einem Campingplatz liegt. Innehalten vor einer Filmkulisse. Der Radius beim Laufen ist kleiner. Fast immer geht es am Grundstück mit den beiden großen schwarzen Hunden vorbei. Ich habe die Tricks, das Laufen mit dem Gehen abzuwechseln und die Laufphasen zu verlängern, bei früheren, zaghaften Laufversuchen nicht gekannt, und hatte immer wieder aufgegeben oder gar nicht erst angefangen, weil es mir unmöglich erschien. Die Musik darf mich nicht zum Grübeln bringen. Sie darf auch nicht zu entspannt sein. Sunset Mission von Bohren & der Club of Gore, ein Album, das mich noch nie enttäuscht hat, wäre ungeeignet. Die CDs von R.E.M., lange nicht mehr aufgelegt, habe ich oft gleich zu Beginn angeklickt. Ebenso den Song California Dreamin‘ (The Mamas & The Papas). Noch besser: OK Computer von Radiohead, Sun Kil Moon (Common as Light and Love are Valleys of Blood), The Go-Betweens (Spring Hill Fair). Andere Richtungen: Nils Petter Molvaer (re-vision), Chick Corea (Return to Forever), Pharoah Sanders (Tauhid), Robert Wyatt (Rock Bottom), Kammerflimmer Kollektief (Absencen). Wie oft habe ich mich auf Private Parts von Robert Ashley konzentriert, immer wieder neue Bedeutungsnuancen entdeckt, und irgendwann konnte ich die Strecke der beiden Tracks, der Story von The Park (die eigentlich mehr in einem Hotelzimmer spielt) und von The Backyard durchlaufen. Leider beschäftigen mich technische Herausforderungen. Das iPod ist viele Jahre alt, und mein einziges Produkt aus dem Haus mit dem Apfel. Wer in einem anderen Computersystem die gewünschten Alben anklickt, bekommt sie nicht zwingend überspielt, sondern andere. So hatte ich plötzlich Forever Young (Alphaville) auf dem Gerät. Erst wollte ich es gar nicht hören. Dann haben ein paar Songs meine Laufzeit, als ich schon aufhören wollte, verlängert. Die Unergründlichkeit des Biofeedback.

 

Lesetipp: Andrea Kortig Das Lauf Kompendium


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz