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Archives: Dienstag, 18. August 2020

Das war ein Lieblingsbuch meiner späten Studentenzeit, es erschien bei Hanser, im Jahre 1979. Ich sehe noch den Buchladen vor mir, in dem ich es gekauft habe.  „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ erzählt von einem Leser, einer Leserin, und ist aus lauter Romananfängen komponiert. Ein ums andere Mal hebt eine neue Geschichte an, und strandet im Nirgendwo – ein sehr inspirierender Roman von Italo Calvino. In letzter Zeit habe ich oft keine Chance, in den flow eines Romans zu geraten, allzuschnell erlahmt mein Interesse, warum auch immer. Nun mache ich es ein wenig wie der Italiener: ich lade mir auf mein Kindle Leseproben, die Auftakte diverser Romane, und hoffe, bald dem einen oder anderen zu erliegen. Heute schnappte ich mir folgende Anfänge: zu allererst Lajlas Lesetip „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff, dann Markus Orths‘ „Picknick im Dunkeln“ (bei Stan Laurel werde ich stets hellwach!), dann, reiner Zufall, noch einmal Markus Orths und „Max“ (da geht es um das Leben von Max Ernst, so viele in meinem Umfeld schwärmten für diesen Roman), und schliesslich, lang schon auf meiner Liste potentieller Leseräusche, „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides. Also, der Anfang ist gemacht. Vom möglichen „Photofinish“ dieser Kandidaten wird zu berichten sein, und eine Besprechung ist fast garantiert.

„Landschaft …“, hat mal Eine gesagt, “ … ist doch nur Hintergrund für Liebe.“ Hintergrund für Liebe ist ein feiner, leicht zu lesender Sommerroman. Die große Verlegerin Helen Wolff (1906-1994) hat ihn geschrieben. Als sie auf den 20 Jahre älteren Kurt Wolff trifft, trifft sie auf Liebe, die sie so ausleben möchte, wie sie sie sich vorgestellt hat – möglichst frei. Der Mann dazu muss mitmachen oder gehen. Kurt Woll bleibt. Das „Buch eines Sommers“ hat Helen Wolff 1932/33 geschrieben. Ein leises, leidenschaftliches Werk.

 
 

Ein weiteres Buch wurde ebenfalls von einem Verleger geschrieben: es stammt von dem großen Verleger Siegfried Unseld, Gründer des Suhrkamp Verlags und hat den Titel Reiseberichte.

 
 

 
 

David Bowie war ein großartiger Verwandlungskünstler. Dass er sehr viel gelesen hat, war mir unbekannt. Davon zeugt jetzt ein Buch, das der Londoner Journalist John O‘Connell herausgebracht hat. Es basiert auf einer Liste von Bowies 100 Büchern, die ihn verändert haben / hätten. Dieses Buch macht neugierig. Erstens, weil man abhaken kann, was man auch schon gelesen hat (ohne sich verändert zu haben 😀) und zweitens, weil es ein Fundus von neuer Literatur ist. Das Buch trägt den schlichten Titel Bowies Bücher. 

 
 

 
 

Komm! Ins Offene, Freund!

Zugegeben, ich bin Safranski Fan: kein anderer Philosoph kann nicht nur mir die Zweifel der großen Denker besser erklären. Rüdiger Safranski hat eine Biografie über Hölderlin geschrieben. Es ist ein vergnüglich zu lesendes Buch. Es entlarvt so herrlich das gewitzte Schwäbele Hölderlin und auch den Tricksersohn Hölderlin seiner Frau Mutter gegenüber, die auf seinem Erbe sitzt. Wer jetzt noch Lust auf das Urwerk Hyperion hat, sollte das neue Buch Hölderlin von Meister Safranski dazulesen.  

 

2020 18 Aug.

Die Schwierigkeit zu sein

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Als in der Mitte der Achtziger Jahre des Nachts auf BBC das Solodebüt eines englischen Musikers vorgestellt wurde, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte, da wusste ich auch nicht, dass dieser einst einen ähnlichen Stellenwert bekommen würde wie den zuvor schon John Martyn, Joni Mitchell und zeitweise James Taylor inne hatten – ich bekam noch gerade den Teil einer Sendung mit, in dem also ein Gast war, den ich nicht einzuordnen wusste. Geradezu elektrisiert wurde am nächsten Tag im Plattenladen fiebrig nachgefragt. Dem Verkäufer bei Musicland zu Hannover wurden hilflos im Dunkeln tapsend Anhaltspunkte um die Ohren gehauen: „erstes Soloalbum“, irgendwas mit „Japan“, „klingt wie Brian Ferry“. Der hingegen wusste natürlich gleich Bescheid und gab das gesuchte Album mit auf den Weg. Ich trug es nach Hause wie eine Trophäe, als stolzer Besitzer von David Sylvians Brilliant Trees. Es war wohl John Peel damals in den alten Radiozeiten, der in jener Sendung die Fragen stellte: „What are you reading these days, Mr. Sylvian?“. Ein Buch von Jean Cocteau sei es mit dem Titel The Difficulty of Beeing, war die erstaunliche Antwort. Der Titel bildete seitdem einen der zahlreichen Brückenschläge zu dem, was mich an der Philosophie zu interessieren begann – es hing auch mit einem allgemeinen Unbehagen zusammen und dem Gefühl, dass im richtigen Leben viel Falsches sei und die Erde zuweilen unbewohnbar wie der Mond. Hegel nannte es das Negative und auch Krishnamurti sprach davon. Ausdrücklich geht es hier nicht um Erbaulichkeiten, die sich als Lehrstoff für die Schule eignen. Seit jenen Tagen in den Achzigern war ich lange Zeit gewissermassen als Botschafter in Sachen „Sylvian“ unterwegs: die Identifikationsfigur schlechthin in dieser Gemengelage aus personeller Selbstfindung, spirituellem Abenteurertum und Reimen, die nach Shakespeare klingen. Anspruchsvolle Hybridität auch, die ihre Wurzeln im british folk genauso hat wie in der Popmusik und im Avantgarde-Jazz. Heute höre ich diese Musik nur noch selten, der identifikatorische Reiz zumindest scheint verblasst. Zuweilen allerdings spiele ich einige von David Sylvian´s Liedern gerne auf Gitarre nach, haben mich doch deren teils rätselhafte Akkordstrukturen stets verwundert. Die Melodielinien, von einer Jahrhundertstimme vorgetragen, als habe Orpheus persönlich sie gesungen, sie bleiben zeitlos schön.

2020 18 Aug.

Wellenalarm am Lavafeld

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