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Archives: Samstag, 8. Februar 2020

2020 8 Feb.

Eine Frage des Plateaus

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Michael, deine Erwähnung der Budd Eno LP „The Plateaux of Mirror“ vor einiger Zeit ist ein interessanter Zufall. Nachdem ich sie 15 Jahre lang jede Woche gespielt hatte (keine Übertreibung) … hatte ich ein Plateau erreicht. Aber dann passierte etwas. Keine Ahnung, warum, aber es fing an, wieder neu zu werden. Es war, als ob jedes Mal, wenn ich es hörte, ein roher Bernstein poliert wurde und das Undurchsichtige einer reinen Durchsichtigkeit wich. Ich weiß nicht, welche Marke von Kaffee/Tee/Mineralwasser Brian und Harold damals getrunken haben. Aber was auch immer es war, es hat funktioniert.

 

„Wie Hegels ganze Philosophie darin besteht, den Gedanken dabei zu begleiten, wie er sich denkt, ist Monks ganzer Gesang, so etwas wie Ausstellen einer Stimme, die sich beim Singen staunend zu hören vermag …“

(Dietmar Dath)

 

Gestern Abend trat Meredith Monk in dem alten Betriebsbahnhof vor ausverkauftem Haus auf, davor war sie mit ihrer Truppe in der Elbphilharmonie zu erleben. Dieses Mal hat sie sich mit urbiologischem Thema, wie „der Zelle“ beschäftigt, das sie auf die gesellschaftliche Ebene projeziert. Sie nennt ihr Konzert „Cellular Songs“. Kein leichtes Fingerspiel.

 

 

Erstaunlicherweise beginnt die Meisterin der Klangperformance mit richtig zu verstehenden Lauten:

 

Oh I am a happy woman

Oh I am a hungry woman

Oh I am a tired woman

Oh I am an artist woman

Oh I am a lying woman

 

Es nähern sich in schlichten, fast antiseptisch wirkenden, weissen Gewändern 4 Frauen ihrer  „Priesterin“. Wie sie mit ihrer kleinen, stämmigen Figur, ihren unvermeidlichen „Tschotschi – Zöpfen“ dasteht, lediglich ihre Hände tanzen lässt und dann den tiefen Ton vorgibt, der klar die tragende Klangbasis für den ganzen Abend sein wird.

Das Piano, eine Violine und ein Keyboard sind die Orte, wo sich die fünf Frauen am deutlichsten zusammenstellen und so an eine Zelle erinnern. Einmal spielen sie zu fünft auf dem Piano, um sich dann auf der riesigen, schwarzen Bühne auszubreiten. Sie singen Vokale, hauchen ins Mikro, Kurt Schwitters hätte hier dazu gelernt. Ihre hohen Töne „jii … hach“ haben eine Klangbreite, die an die Weite der Alpinkatze von Hubert von Goisern erinnern. Ja, Jodeln ist auch dabei. Was für eine Klangzauberin ihre Kunststücke hier vorführt. Meditatives und sehr Leises wechseln mit hohen Kieksern, immer hört das Publikum gebannt zu, keiner traut sich zu husten.

Am Ende des dritten Parts stehen die fünf hervorragenden Künstlerinnen eng wie unter einer Glocke zusammen. Sie klingen meisterlich. Unglaublich, was Sprache und Stimme können.

Stürmischer, befreiter Applaus. Wir dürfen wieder husten.

Meredith gibt drei lustige Zugaben.

 

I still have my hand

I still have my money

I still have my headphones

I still have my memory

 

Sie lacht, schüttelt sich und bringt noch die Insektennummer. Wer sich spätestens jetzt nicht die Gänsehaut kratzt, hat Sinnlichkeit nicht begriffen.

 


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