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Archives: Dienstag, 27. August 2019

2019 27 Aug.

Green Book

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Der New Yorker hat diesen Film ziemlich heftig verrissen, und die Gründe sind bestimmt diskutabel. Die Familie des realen Pianisten Don Shirley ruft zum Boykott des Films auf oder wünscht zumindest, man möge ihn sich erst ansehen, wenn er im Kabel-TV gezeigt wird, weil dann die Produzenten weniger daran verdienen.

Ich bin da etwas anderer Meinung. Dass Green Book deutliche Parallelen zu Driving Miss Daisy aufweist, ist nicht nur mir aufgefallen, aber das liegt im Sujet und ist wohl kaum zu vermeiden. Im übrigen kann man dem Film nur eines wirklich vorhalten: dass er vorhersehbar ist.

Der afroamerikanische Pianist Dr. Don Shirley (von dem ich bislang nie gehört hatte — sorry für den Fall, dass das eine Bildungslücke ist), lebt in den frühen 1960er Jahren in einem museumsgleichen Apartment über der New Yorker Carnegie Hall. Für eine zweimonatige Tournee durch die USA heuert er Frank „Tony Lip“ Vallelonga als Fahrer an, den italoamerikanischen Rausschmeißer einer New Yorker Bar. Die beiden Männer sind so grundverschieden, wie sie überhaupt nur sein können — hochgebildet, eloquent und bestens erzogen der eine, verfressen, grammatikalisch zweifelhaft und straßenerprobt der andere. Green Book zeigt, wie diese beiden Typen eine Reihe von Abenteuern im tief rassistischen „Deep South“ der Vereinigten Staaten zu überstehen haben, sich dabei zunächst zaghaft, dann zunehmend vertrauensvoll, manchmal heftig streitend, einander immer weiter annähern, voneinander lernen, sich helfen und letztlich dicke Freunde werden. Der eine kapiert, dass es Situationen gibt, in denen ein trockener Fausthieb in die richtige Visage das einzg mögliche Argument ist, der andere kapiert, dass es in anderen Situationen wichtiger sein kann, seine Würde zu wahren als draufzuhauen. Das alles ahnt man von Anfang an, und genau so kommt es.

Was Green Book trotzdem sehenswert macht, ist das, was quasi „nebenbei“ erzählt wird: Der tiefsitzende Rassismus war viel mehr als nur Gesetz. Er war in die DNA der Menschen eingeschmolzen, sicher bis weit über das offizielle Ende der Rassentrennung hinaus (bis heute), und selbst viele Schwarze hatten ihn irgendwie als „normal“ absorbiert. Es gibt eine Szene in dem Film, die Bände spricht: Bei einer Autopanne behebt Tony über den dampfenden Motor gebeugt den Schaden, während Don danebensteht und zuschaut. Einige schwarze Feldarbeiter beobachten das Geschehen — und können einfach nicht glauben, was sie da sehen. Es widerspricht ihrer gesamten Lebenserfahrung. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch gern nochmals an Joan Didions Buch „South and West“, auf das ich letztes Jahr hier hingewiesen hatte.) Die Zumutungen, denen Schwarze seinerzeit ausgesetzt waren, machen nicht selten sprachlos; desgleichen die Polizeiwillkür, die in den Südstaaten völlig normal war. Nicht zu sprechen von den heruntergekommenen Motels und Spelunken, in denen Schwarze unterkommen konnten. Letztere waren verzeichnet im jährlich zwischen 1936 und 1966 erscheinenden „Negro Motorist Green-Book“, herausgegeben von seinem Namensgeber Victor Hugo Green.

Das Ganze ist manchmal ziemlich dick aufgetragen, die Fallhöhen sind oft sehr hoch angelegt. Das ist natürlich Absicht, aber es funktioniert. Don Shirleys Familie liegt mit ihrer Kritik an dem Film insofern falsch, als Green Book eben nicht, wie sie anscheinend glaubt, die wahre Lebensgeschichte des Musikers Don Shirley zeigen will, sondern dass eine Episode seines Lebens als Folie für eine Geschichte dient — nicht mehr und nicht weniger. Was vielen (besonders deutschen) Kritikern offenbar ebenfalls nicht passt: dass der Film sein Thema nicht mit empörtem Gebrüll und ständig hängenden Mundwinkeln anpackt, sondern als Komödie daherkommt — na gut, als Tragikomödie. Das allerdings ist auf ganzer Breite gelungen, und deswegen halte ich den Film für sehenswert. Seine Oscars hat er allemal verdient.

Trailer

 

 

Genau darum dreht sich der neue Roman von „Cloud Atlas“-Autor David Mitchell, der den Titel Utopia Avenue trägt. Und natürlich für ein manafonistisches Parallelleseabenteuer sorgen wird. David Mitchells Ausgangspunkt ist der nun auch nicht mehr ganz taufrische Spruch, dass – war es Laurie Anderson, die es erstmals aussprach – das Schreiben über Musik wie das Tanzen über Architektur sei. Mein Interview mit dem Briten zu seinen „Bone Clocks“ ist mir noch in bester Erinnerung, genauso wie seine da bekundete Begeisterung für reine Soloalben von John Surman. Ich zitiere, was er nun zu Utopian Avenue kundtat:

 

“Songs (mostly) use language, but music plugs directly into something below or above language. Can a novel made of words (and not fitted with built-in speakers or Bluetooth) explore the wordless mysteries of music, and music’s impact on people and the world? How?” 

 

Es wird die Geschichte erzählt einer englischen Band gleichen Namens, die aus Londons psychedelischer Szene von 1967 hervorging, mit dem Folksänger Elf Holloway, dem Gitarrenhalbgott Jasper de Zoet und dem Bluesbassisten Dean Moss. In ihrer kurzen Karriere zwischen den Clubs in Soho (natürlich spielten sie im Marquee Club) verrauchten Tanzhallen, bis hin zu Auftritten bei „Top of the Pops“ veröffentlichten sie leider nur zwei LP‘s. Sie landeten einmal sehr weit oben in den Charts, ernteten Ruhm in Amsterdam, landeten auch einmal im Knast in Rom. Schicksalhaft wurde es während eines 14-tägigen Aufenthalts in den USA, im Herbst 68. Mehr wird nicht verraten, ausser, dass das Buch erst im nächsten Sommer in England erscheint. Der Brexit wird dann lange vollzogen, und der Vollpfosten Boris Johnson neugewählter PM sein. Holy moly.

 


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